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Jugendkriminalität: "Da war die Freiheit weg"

Die Talkshow "Anne Will" hat eins deutlich gemacht: Union und SPD geht es nur um Stimmenfang im Wahlkampf. Geprägt wird die Diskussion von jemandem, der am ganz rechten Rand fischt, aber nicht eingeladen war: Roland Koch.

Von Thomas Krause

Sieben Gäste hat Anne Will zum Thema "Drillen, einsperren, abschieben: Mit Härte gegen Jugendgewalt" in ihr Talkshowstudio geladen, doch ein achter schwebt als Geist durch die Runde: Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU), der mit seinen Forderungen nach härteren Strafen für jugendliche Straftäter versucht, in Hessen Wahlkampf zu machen und so vom leidigen Thema Mindestlohn abzulenken.

Gleich mit seinen ersten Sätzen ging Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) auf den imaginären achten Gast ein. Er freue sich auf eine sachliche Diskussion fernab vom Wahlkampf, sagte der Vize-Kanzler und versuchte so schon im Vorfeld seinem Sitznachbarn, Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU), den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Beckstein ließ sich davon wenig beeindrucken und wiederholte seine Forderung nach einer Abschiebung jugendlicher Straftäter, wenn sie aus Migrantenfamilien stammen. Eine Verschärfung des Jugendstrafrechts brauche die Republik sowieso, ist der CSU-Hardliner überzeugt. Beinahe ketzerisch dürfte Beckstein da die Frage des Kriminologen Christian Pfeiffer vorgekommen sein: "Haben wir das Problem überhaupt? Seit zehn Jahren ist die Jugendkriminalität rückläufig - außer im Bereich der Gewaltdelikte."

Angst vor dem Gefängnis

In manchen Fällen scheint jedoch eine Gefängnisstrafe zur Läuterung des straffälligen Jugendlichen beigetragen zu haben, wie die Gäste Fadi Saad und Kadir Ücker erzählen. Der 28-jährige Saad hatte eine kriminelle Karriere begonnen, die ihn für ein Wochenende in Haft gebracht hat. "Als das Gefängnistor sich hinter mir schloss, ist mir das Herz tiefer gerutscht. Da war die Freiheit weg", sagte der Sohn palästinensischer Eltern. Eine offenbar einschneidende Erfahrung: Inzwischen kümmert er sich als Quartiersmanager in Berlin-Neukölln darum, dass Jungen wie Kadir Ücker solche Erfahrungen erspart bleiben.

Ücker besucht die 8. Klasse einer Oberschule in Neukölln. Als Zehnjähriger hatte er begonnen, sich mit anderen zu prügeln. Doch mit seinem 14. Geburtstag hat er dem, was eine kriminelle Karriere hätte werden können, ein Ende gemacht, "weil ich ja nun hinter Gitter kommen kann". Auch bei ihm hat die Abschreckung also gewirkt.

Es ist kein ethnisches Problem

Petra Peterich versucht dagegen seit 28 Jahren, straffällig gewordene Jugendliche vor Gefängnisstrafen zu bewahren. Die 63-jährige Sozialpädagogin aus Lüneburg nimmt sogar Jugendliche in ihre Familie auf und wohnt mit ihnen zusammen. Doch auch sie gibt zu, dass ein Gefängnisaufenthalt sich gut auf die Entwicklung der straffällig gewordenen auswirken können: "Es gibt Jugendliche, die aus dieser Erfahrung etwas positives machen." Sie selbst setzt allerdings darauf, den Jugendlichen eine Alltagsstruktur mit festen Regeln vorzuleben. Eine Erfahrung, die den Straftätern aus ihren eigenen Familien meist fehlt.

Aber spielt bei der Straffälligkeit die Nationalität eine Rolle? Den Gegenentwurf zu Roland Kochs These, es gäbe zu viele kriminelle Ausländer in Deutschland, brachte Gefängnisarzt Joe Bausch auf den Punkt: "Gewalttäter gleichen sich unabhängig der Nationalität. Sie stammen meist aus sozialen Randgruppen. Es ist ein soziales, kein ethnisches Problem." Kriminologe Pfeiffer teilt diese Einschätzung: "In der deutschen Unterschicht ist die Gewalt genauso stark vertreten wie in Migrantenfamilien. Rechtsradikale und türkische Schläger haben einen ganz ähnlichen Hintergrund."

"Koch fischt am rechten Rand"

Es sind nur die Gäste ohne parteipolitischen Hintergrund, die Anne Wills Sendung davor bewahren, zu einer Aufzählung längst bekannter Argumente aus dem Wahlkampf zu verkommen. Beckstein kämpft einen Stellvertreter-Kampf für seinen Unionskollegen Koch, Steinmeier hält für die hessische SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti dagegen. So sind es am Ende die Pädagogen und nicht die Politiker, die die Anne Will-Sendung mit neuen Aspekten zum Thema Jugendgewalt interessant und sehenswert gemacht haben.

Mit ihrer letzten Frage spricht Anne Will doch noch einmal ihren abwesenden Gast direkt an: Ob Roland Koch mit dem Thema Jugendgewalt die Landtagswahl in Hessen gewinnen werde? Während die Politprofis Steinmeier und Beckstein keine überraschenden Einschätzungen abliefern, nehmen andere kein Blatt vor den Mund: "Koch fischt mit dieser Kampagne auf unsägliche Weise am rechten Rand. Entweder weiß er nicht, was er tut oder er weiß es ganz genau", sagte Gefängnisarzt Bausch. "Ich fürchte aber, er weiß es ganz genau."