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Junge Salafisten de-radikalisieren: "Aufgeben - das darf nicht passieren"

Die Radikalisierung Jugendlicher geschieht für Freunde und Familie unmerklich, aber schnell. Der Psychologe Ahmad Mansour sagt im Interview, wie man Betroffenen helfen kann, den Weg zurück zu finden.

Von Jan Rosenkranz

Der salafistische Prediger Pierre Vogel zieht hierzulande etliche Jugendliche an - hier während einer Kundgebung in Hamburg im Juli 2014

Der salafistische Prediger Pierre Vogel zieht hierzulande etliche Jugendliche an - hier während einer Kundgebung in Hamburg im Juli 2014

Es geschieht oft unbemerkt. Zunächst ist die Entwicklung sogar positiv. Ein Jugendlicher ist plötzlich höflich und respektvoll im Umgang. Familie und Freunde bemerken oft zu spät, dass vor allem junge Männer zunehmend Toleranz vermissen lassen und sich in Wahrheit auf dem Weg zum Islamisten begeben haben. Im Interview spricht der Diplompsychologe Ahmad Mansour von der Beratungsstelle Hayat darüber, wie es zu einer Radikalisierung kommt und was man dagegen tun kann.

Salafisten leben nach strengen Regeln, haben ein extrem enges Weltbild. Was finden Jugendliche daran attraktiv?
Protest, Ausgrenzung, Neugier - jeder hat einen bestimmten Grund gefunden, zu den Salafisten zu kommen. Was die meisten eint: Sie haben instabile Persönlichkeiten, haben Schwierigkeiten ein soziales Umfeld aufzubauen. Bei den Salafisten finden sie schnell Freunde – und ein einfaches Weltbild. Sie können sich selber aufwerten und alle anderen abwerten, das gibt ihnen Macht. Sie bekommen Aufgabe und Mission und fühlen sich besser, sie sind dadurch sehr glücklich geworden.

Und plötzlich ist für sie alles Weltliche von Popmusik bis zur Demokratie "haram", verboten, und die Scharia das Maß aller Dinge?
Das kann tatsächlich sehr schnell gehen. Die meisten Jugendlichen, die sich zu den Salafisten hingezogen fühlen, sind auf der Suche nach Sicherheit, Orientierung und Halt. Das finden sie in diesen Gruppen. Sie erhalten Antworten, Regeln, eine klare Alltagsstruktur – das wirkt auf manche Menschen sehr attraktiv. Wir merken etwa, dass bei vielen die Vaterfigur schwach oder gar nicht vorhanden ist. Ersatz finden sie dann ausgerechnet bei den Salafisten: Das kann der charismatische Führer, der autoritäre Gelehrte sein oder im übertragenen Sinne der allmächtige Allah, der befiehlt und bestraft und keine Zweifel zulässt. Dazu kommt, dass Salafismus eine Alternative zur westlichen Pop-Kultur bietet – sie können sich abgrenzen mit ihrer eigenen Kleidung, ihrer eigenen Sprache mit den typischen arabischen Floskeln und eigener Musik, den Nasheeds, die meist vom Dschihad handeln.

Und die Eltern, das Umfeld schaut dem tatenlos zu?
Wir beobachten oft, dass in muslimischen Familien die ersten Tendenzen der Radikalisierung gar nicht erkannt werden. Im Gegenteil, manche Eltern sind anfangs regelrecht froh über den neuen Lebenswandel. Der Sohn hängt nicht mehr auf der Straße rum, trinkt keinen Alkohol, betet, gibt sich respektvoll. Aber sehr schnell wird aus Glauben Ideologie. Der Prozess verläuft unauffällig, aber oft rasant. Wenn die Eltern dann irgendwann etwas bemerken, reagieren sie oft falsch: patriarchalisch, autoritär.

Was wäre denn die angemessene Reaktion?
Man muss verstehen: Salafismus funktioniert im Grunde wie eine Sekte. Sie leben unter uns, aber sie haben mit uns nichts mehr zu tun, sie wollen es nicht. Es ist schwer, alleine wieder zurück zu finden. Darum dürfen Angehörige und Freunde den Kontakt nie abreißen lassen, egal was passiert. Und natürlich Unterstützung suchen. Bindung ist hier sehr wichtig! Durch die Eltern, durch Bezugpersonen können wir sehr gute De-Radikalisierungsarbeit leisten.

Was genau macht der Verein "Hayat"?
Hayat, heißt auf türkisch und arabisch Leben, ist eine Beratungsstelle. Wir helfen bei der De-Radikalisierung, kümmern uns vor allem um die Angehörigen von Jugendlichen, die auf der Kippe stehen, aber wir sind keine Aussteiger-Hotline.

Wer meldet sich bei Ihnen?
Es sind vor allem Mütter. Sie rufen an, weil sie überfordert sind und hilflos. Sie spüren, dass ihre Kinder sich stark verändert haben, dass sie ihnen entgleiten. Auffallend ist, dass in den betroffenen Familien oftmals die Kommunikation gestört oder sogar zerstört ist. Man hat solange gestritten, dass man kurz davor steht, aufzugeben. Das darf nicht passieren. Aufgeben ist ein Beschleuniger für die weitere Radikalisierung.

Und wie können Sie dann helfen?
Wir bieten konkrete Hilfe, Treffen, Begleitung. Aber wir machen den Angehörigen keine Illusionen, wir sagen ganz klar, die Arbeit braucht Zeit, sie ist intensiv und es gibt keine Garantie auf Erfolg. Zunächst muss geklärt werden: Wo steht das Kind, zu welcher Gruppe gehört es, besteht Potenzial zur Ausreise, zu Gewalttätigkeit? Es geht darum, überhaupt Kontakt herzustellen. Danach kann man behutsam versuchen, die Beziehung zu normalisieren, Bezugspersonen außerhalb dieser Gruppen zu schaffen. Und dann: Reden, reden, reden. Im Prinzip machen wir eine Gesprächstherapie. Wir stellen Fragen, wir beantworten Fragen und zeigen Alternativen. Dazu kommt der Aufbau von lokalen Netzwerken, damit alle, die helfen können, gemeinsam Strategien entwickeln, um den Sohn und die Tochter zu erreichen.

Wie hoch ist Ihre Erfolgsquote?
Das hängt davon ab, wie man Erfolg definiert. Manche Fälle begleiten wir schon seit Jahren, sie sind noch hier. Echte Aussteiger gibt es nur sehr selten. Unser Ziel ist die De-Radikalisierung, wir wollen Menschen davon überzeugen, dass sie Gewalt ablehnen. Wenn sie dann trotzdem für sich entscheiden, weiter nach ihren strengen Gebräuchen zu leben, aber keine Gefahr für sich und andere darstellen, dann ist das ein Erfolg. Rückfälle können wir nie ausschließen. Darum werden ja so viele Salafisten vom Verfassungsschutz beobachtet.

Trotzdem wächst die Szene. Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen?
Seit einem Jahr erleben wir eine echte Welle der Radikalisierung, aber es gibt viel zu wenig präventive Arbeit. Es gab und gibt gute Ansätze, aber die Programme sind entweder ausgelaufen oder leiden an Geldmangel. Wir dürfen unser Augen-merk nicht nur auf die Rückkehrer richten.

Aber sie gelten als extrem gefährlich, niemand weiß, ob sie Anschläge planen...
Absolut, um diese Leute müssen sich die Sicherheitsbehörden kümmern. Aber wir müssen viel früher ansetzen. Wie kann es sein, dass fast 600 junge Menschen aus Deutschland nach Syrien und in den Irak ausreisen, um dort an der Seite der IS-Milizen zu kämpfen, und niemand will vorher etwas bemerkt haben? Lehrer, Freunde, Eltern – wir müssen gemeinsam Wege finden, diese Jugendlichen zu erreichen. Wir müssen zumindest versuchen, ihnen Alternativen aufzuzeigen.

600? Die Behörden gehen von 500 aus?
Ich denke, dass die Dunkelziffer weit höher liegt. Den Behörden sind ja nur Fälle bekannt, die sie schon vor ihrer Ausreise beobachtet haben, zu denen bereits Informationen vorliegen, die sich auf Facebook oder via Twitter als Dschihadisten outen. Aber es sind definitiv mehr. Man kann auch nicht davon ausgehen, dass sich alle Eltern bei der Polizei melden, wenn ihr Sohn sich nach Syrien abgesetzt hat. Einige befürchten, Ärger zu bekommen, andere schämen sich oder empfinden heimlich sogar Stolz.

Müssten die Moschee-Vereine nicht viel stärker tätig werden?
Bis vor drei, vier Jahren konnten Salafisten auch in vielen "normalen" Moscheen ihre Propaganda betreiben. Das waren einfach Brüder und Schwestern. Heute haben die Radikalen Probleme, dort Fuß zu fassen. Die meisten Moscheen grenzen sich strikt von ihnen ab – auch Dank des Drucks und der öffentliche Debatte.

Mit der Folge, dass Salafisten ihre eigenen Moscheen und Vereine gegründet haben.
Das ist allemal besser, als sie un-gehindert weiter im Umfeld gemäßigter Muslime werben zu lassen, aber es ist trotzdem ein Problem. Aus den meisten Moschee-Vereinen hört man heute die Klage: Wir haben über diese Jugendlichen gar keine Kontrolle, die kommen nicht zu uns. Sobald sie von der salafistischen Ideologie infiziert sind, ist ihnen der normale Imam einfach nicht radikal genug.

Trotzdem arbeiten Sie mit Imamen zusammen?
Das hängt vom Einzelfall ab. Wer sehr tief in der Szene steckt, zählt gemäßigte Imame ohnehin schon fast zu den Kuffar, also den Ungläubigen. Aber die meisten Salafisten haben im Prinzip gar keine Ahnung vom Islam. Sie beten lediglich nach, was salafistische Prediger ihnen vorgeben. Da setzen wir an, versuchen, Zweifel zu sähen, versuchen, die Doppelmoral der Gruppe aufzuzeigen und einen Islam zu vermitteln, der nichts mit den Islamisten gemeinsam hat. Imame sind hilfreich, um eine bevorstehende Ausreise zu verhindern oder um bei der Rückkehr zu helfen. Für eine ehrliche Präventionsarbeit brauchen wir aber auch eine innerislamische Debatte.

Worüber?
Darüber, dass unter vielen Muslimen ein Islamverständnis verbreitet ist, das Extremismus begünstigen kann. Um ein paar Beispiele zu nennen: Ich spreche von Angstpädagogik, von patriarchalischen Strukturen, von der Tabuisierung der Sexualität, vom Buchstaben-genauen Koran-Glauben, vom Pflegen der Opferrolle, vom Schwarz–Weiß-Denken.

Nun wird nicht jeder Salafist automatisch zum Terroristen. Was führt Menschen in den militanten Dschihad, zur IS?
Es ist ein schmaler Grad, das macht die Szene ja so gefährlich. Die Gründe, sich dem IS zuschließen, sind vielfältig: Da gibt es Leute, die den "unterdrückten Brüdern und Schwestern" helfen wollen. Andere suchen das Abenteuer, haben sich anstecken lassen von der IS-Propaganda, die ja nicht nur aus Enthauptungsvideos besteht, sondern auch aus Filmen, die den Krieg romantisierten. Daneben gibt es die Strenggläubigen, die hoffen, dort das wahre islamische Leben führen zu können – darunter auch Frauen. Die wohl meisten zieht der nackte Hass zum IS. Sie wollen einfach in den Dschihad ziehen, kämpfen. Diese Leute haben mit unserer Gesellschaft, unseren Werten abgeschlossen. Manche werden nie wieder zurückkehren, weil sie entweder sterben - in der Hoffnung, ins Paradies zu gelangen - oder weiterziehen in den nächsten Krieg. Ein Leben für den Dschihad.

Viele deutsche IS-Kämpfer sind in Deutschland aufgewachsen, hier zur Schule gegangen. Ist die zivilisatorische Firnis so dünn?
Man sollte nicht unterschätzen, wie wirksam die Gehirnwäsche der Salafisten ist. Auffallend ist jedoch, dass unter denen, die sich auf den Weg Richtung Syrien oder Irak begeben, viele eine niedrige Gewaltschwelle mitbringen - so wie Denis Cuspert, der jetzt unter dem Namen Abu Talhar al-Almani von Syrien aus im Internet IS-Propaganda verbreitet. Früher wurden sie für ihre Gewaltbereitschaft bestraft, in ihrem neuen Umwelt erfahren sie dafür Anerkennung. Gewalt wird ideologisch legitimiert: Das ist Dschihad.

Welche Rolle spielt das Internet bei der Radikalisierung?
Radikalisierung findet nicht allein im Internet statt. Dazu braucht es Bezugspersonen im echten Leben. Aber das Netz ist sehr wichtig. Googeln Sie mal "Islam". Die Mehrheit der Treffer führt Sie auf Webseiten mit salafistischen Inhalten. Noch wichtiger sind die sozialen Netzwerke, die Liveberichte aus dem Dschihad liefern, die ungefilterte Propaganda verbreiten. Das fällt auf sehr fruchtbaren Boden.

Und dann findet man plötzlich auch Enthauptungen ok?
Die richtig Harten, die im Namen des IS Menschen abschlachten, tragen psychopatische Züge. Sie können keine Empathie empfinden, selbst keine Gefühle äußern, darum fällt ihnen das Töten leicht. Die Veranlagung dazu war vorhanden, durch die Radikalisierung ist sie aufgeblüht. Das schafft kein Hass allein, das ist eine ganz andere Liga.

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Die stern-Reporter Tilmann Müller und Bettina Sengling waren im Land unterwegs und schreiben in der aktuellen Ausgabe, warum die Menschen dort immer radikaler werden.  Lesen hier die Chronologie des Ostukraine-Konflikts

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... lesen Sie unter dem Titel "Allahs gefährliche Missionare" im aktuellen stern