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Kolumbien: Entführt

74 Tage war die Deutsche Reinhilt Weigel in der Gewalt von kolumbianischen Guerilleros. Ihr Leiden, das ihrer Mitgefangenen und den Kampf ums Überleben hielt sie in einem bewegenden Tagebuch fest.

Die roten Socken und die Goretex-Jacke riechen noch nach Rauch, weil sie so oft durchweicht waren und am Feuer trocknen mussten. Die Schuhe, zerlumpt von 800 Kilometern Staub und Schlamm, sehen so spröde aus, als könnten sie jeden Moment zerfallen. Daneben liegt die letzte Tüte Trockenmilch. Die Notration Panela, ein gelber Block aus Zuckerrohr, in den Zähne schon Riefen gekratzt haben. Eine paar Quadratzentimeter Spiegelscherbe und ein bisschen Baumwolle, von einem Ast gerupft, für die Regel. Ja, auch die weiße, verbogene Kerze, die am 31. Geburtstag mitten im Busch brannte, ist noch da.

Reinhilt Weigel sitzt in ihrem bunten Pullover aus Peru zwischen den Resten einer Reise in eine andere Welt. Sie hütet sie, aber nicht wie Trophäen. Meist versteckt sie alles in einer Kiste in der Fluchtburg, in die sie sich zurückgezogen hat. In dem kleinen Apartment, das sie als begeisterte Felsklettererin in Chamonix auf Pump gekauft hat, versucht sie zu verstehen, was mit ihr passiert ist. Die aufgekratzten Insektenstiche, die tiefen Löcher an den Beinen sind langsam verheilt. Aber manchmal, wenn keiner es sieht, bricht eine Wut aus ihr, dass sie mit Gegenständen um sich schmeißen muss. Der Albtraum will einfach nicht enden, der am 12. September 2003 begann.

Es sollte das Highlight einer abenteuerlichen Reise werden

Es sollte das letzte Highlight einer abenteuerlichen Reise durch Südamerika werden. Den Titicaca-See in Bolivien, die gleißend weiße Uyuni-Salzwüste an der Grenze zu Chile, die mächtigen Inka-Festungen in Machu Picchu und Cuzco, die Vulkane in Ecuador - das alles hatte die Lehrertochter aus Bremen schon gesehen. Blieb nach zwei Monaten und vier Ländern noch die geheimnisvolle Ciudad Perdida im Norden Kolumbiens. Die Verlorene Stadt der Tairona-Indianer, die erst 1975 von Grabräubern entdeckt wurde und schon unzählige Rucksacktouristen angezogen hat.

Reinhilt Weigel wusste, dass Kolumbien ein heißes Pflaster ist. Dass dort Kriminalität und Drogen grassieren. Dass das "South American Handbook", die Bibel der Backpacker, vor "no-go-areas" in dem Land mit der weltweit höchsten Entführungsrate warnt.

Aber die Physiotherapeutin aus Bremen, die seit 1999 in einer Schweizer Klinik arbeitet, war so reiseerfahren, wie man nur sein kann. Ein Jahr mit dem Rad durch Australien und Neuseeland. Bike-Ritte durch die kanadischen Rocky Mountains und Free Climbing im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien. Und außerdem: Weder das Internet noch Touristenführer warnten vor ihrem Ziel an der kolumbianischen Küste. Im Gegenteil: Das Hotel Miramar in der Stadt Santa Marta organisierte sogar Trekking-Touren zur Ciudad Perdida, die zwischen der Karibikküste und 5700 Meter hohen Gipfeln liegt.

Aber dann wurde es ein Matyruim

Am 9. September startete sie mit einer zusammengewürfelten Gruppe von Travellern auf den Treck. Er sollte sechs Tage dauern. Aber dann wurde es ein Martyrium von 74 Tagen und Nächten, über den sie ab dem 20. September Tagebuch führte, nachdem sie Papier bekommen hatte. Die Tage und Nächte davor kann sie noch heute nur schwer beschreiben, ohne zu schlucken: "Es war am 12. September, kurz nach 4 Uhr, als ich durch Stimmengewirr aus dem Schlaf gerissen wurde. Im Mondlicht war die Silhouette eines Mannes mit Uniform und Schusswaffe zu erkennen. ,Raus!" und ,Anziehen!" wurde gerufen. Keine Erklärung, nur ,Vamos!"", erzählt Reinhilt Weigel. "Als ich unsere beiden Führer gefesselt sah, dachte ich: O Gott, was ist hier bloß los?"

Am Nachmittag davor war die Gruppe in der Ruinenstadt in 1100 Meter Höhe angekommen, wo verfallene Tempel und Mauerreste zwischen Palmen stehen. Schon auf den ersten Blick ein mystischer Platz mit kreisrunden Terrassen, die in den tiefen Wolken wie Ufo-Landeplätze aussehen. Jetzt wurden im Mondschein Touristen von Männern mit Gewehren zusammengedrängt, die acht Kräftigsten abgesondert und in den Dschungel getrieben. Unter ihnen "Reini", die etwas von "Drogen" hört: "Ich hatte ein ganz mulmiges Gefühl. Ich hab alle Sensoren ausgefahren. Versucht, mir den Weg zu merken." Nach ein paar Stunden Marsch wirft sich der 19-jährige Matt aus London einen Abhang runter, um abzuhauen. Zornige Rufe der Entführer. Zum ersten Mal bekommt Reinhilt Weigel Angst, erschossen zu werden. Später sagen die Kidnapper: "Den holen die Tiger!"

20. September - Kälte, Hunger, Wut

Endlich hat Reinhilt Weigel von den Entführern etwas Papier bekommen. In engen Zeilen schreibt sie auf, was mit ihr passiert, um ihr inneres Durcheinander einigermaßen zu sortieren.

"Ich möchte am liebsten sterben, dann wär's auf einmal still", sind die ersten Worte, die sie notiert. "Gestern war ich vor Kälte bewusstlos, einer musste mich auf dem Muli halten, einer das Tier führen. Wann hört die Scheiße auf. Wie soll man das aushalten? 7 Tage durch den knöcheltiefen Matsch gelatscht. Kaum Essen, nur Panela. Zucker und Hühnerknochen ... mal so komisches Pulver aus dreckigen Händen, wie alles Essen. Reissuppe, alles aus dreckigen Behältern, mit Fingern, die sind nur noch verwundete Dreckklumpen." Bis zu 22 Stunden sind die Entführten an den Tagen davor gelaufen. "Verlor meinen Schuh 1x, fiel mehrmals hin. Ich konnte nicht mehr. Aber sie trieben uns weiter. Ich hätte schreien können vor Wut, aber ließ es sein. Dann ab in die Büsche, Kaffeebüsche, Dschungel, sie haben sich verlaufen. Lianen, Dreck, Dunkel, die Arme völlig zerschnitten. Dann ein reißender Fluss. Dadurch. Warten, sie spannten ein Seil. Ich war am Ende. Einer wollte mir helfen, aber ich schrie nur: Schweine, Ärsche! Hab den einen getreten. Bis zur Hüfte alles naß. Geheult!"

23. September - Geld

"Heute, ja heute ist alles gut und schön und dann bringen sie Dich an Deine Grenzen. Ein Gespräch mit einem von diesen Schweinen. Alles geht ums Geld, und als ich gefragt habe, ob es ihm Spaß macht, anderer Leute Leben zu zerstören, meint er ,Si, ich brauche auch Geld zum Essen." Dann meint er, ich soll ruhig bleiben und nicht mehr ausflippen, sonst gibt?s Handschellen. Und er hat gefragt, woher das Geld kommt, weil ich gesagt habe, ich habe keins, nur eine Hypothek, und meine Eltern auch nicht. Ich hab gesagt, ich weiß nicht, er kann gern die Hypothek haben. Er meinte, no plata (Geld), dann bleib? ich hier. Ich hab? gesagt, dann bring ich mich irgendwie um, und das mein ich auch ? Schweine, wie kann einem jemand in die Augen schauen, grinsen und sagen: Ja, es gefällt mir, dein Leben zu zerstören, damit ich Dein Geld haben kann? Wie kann ich cool bleiben, darüber stehen. Zumindest passiert was - die Fragerei. Ich hoffe, ich kriege meine Bücher zurück. Ich möchte mich waschen, ich stinke! Von Hygiene keine Spur." Reinhilt Weigels Mitgefangene sind Mark, 31, ein freier TV-Produzent aus England. Asier, 29, ein Baske, der aufbrausend, aber auch sanft und tröstend sein kann. Die Israelis Beni, 23, und Paz, 22, die wie Brüder aneinander festhalten, und Erez, 24, die alle als Soldaten in der Armee gedient haben. Und der Israeli Ido, 27, Software-Ingenieur, der irgendwann zu singen anfängt: "Sitting here in a boring room?"

26. September - Orion

"Die erste Nacht, wo mir nicht kalt ist, aber schlafe kaum. Der harte unebene Untergrund, der Rücken tut so weh. Die Hüfte, darauf kann ich nicht mehr liegen. Ich habe kaum Gedanken, liege einfach da und warte auf die Lichtstunden. Zumindest gibt?s hier Sonne und wir sind zusammen. Die 5-Uhr-Nachrichten sagen, dass Matt lebt und heute nach London fliegt. Wie hat er?s geschafft? Erez legt gleich los: Wir dachten, er wär dumm, und war er gar nicht, bla bla - ich sag ihm, dass er die Schnauze halten soll. Klar, ein wenig Neid habe ich auch, aber es war trotzdem ein großes Risiko für alle. Scheiß Pl?tano (Banane) zum Frühstück und zum Mittag. Rumgesessen, nada passa! Langweilig. Highlight war, dass ich Orangen pflücken durfte. Ein Moment Glück."

Reinhilt Weigel lernt, Zeit totzuschlagen. Übt Spanisch mit Asier. Qualmt selbst gedrehte Zigaretten aus einfachem Papier und feuchtem Tabak, obwohl sie eigenlich in Peru mit dem Rauchen aufgehört hatte. Beobachtet Schmetterlinge und sieht zu, wie die Wäsche trocknet.

"In 5 Tagen ist mein Flug, jetzt wär‘ ich in Mérida. Hab geweint. Alle haben Durchfall bekommen, die Nacht war übelst. Mir wurde schlecht, und so saß ich 1 Std. draußen. Sterne anschauen. ORION!"

28. September - Fluchtversuch

"Horror-Nacht" schreibt Reinhilt Weigel in ihr Tagebuch, das die Kidnapper ihr anfangs abgenommen hatten und an diesem Tag zurückgaben. Die Entführten sind immer weiter in die Sierra Nevada verschleppt worden und mussten in einer Hütte übernachten.

"Die 4 Israelis waren verschwunden. Mit der schlechten Taschenlampe dauerte es eine Weile, bis Ibrahim, einer der Wächter, das Loch in der Wand fand. Ich sah es auch. Ganze Arbeit! Recht beeindruckend! Dann kam langsam Schwung in die Gruppe. Meine Stirnlampe wollten sie natürlich. Ich hörte nur: Einige in die Richtung, die anderen da hoch! Dann Stille. Vielleicht 20 Minuten später ein Schuss. Ich fing an zu zittern und hab mich an Asiers Händen festgehalten. Noch ein Schuss, etwas später Nr. 3 und 4. Stille. Nix, nur mein Herzklopfen, trockener Mund, Asier‘s warme Hand und Angst, Angst, Angst. Nochmal 20 Minuten später hörte man Stimmen und die kamen in unseren Raum. Aufstehen, raus. Mark schmissen sie auf den Boden und hielten 2 Knarren auf ihn. Ich + Asier saßen am Rand, Mark dann auch. Gleichzeitig flog eine Person vor uns auf den Boden und wurde geschlagen - Erez. Ich glaube, ihm wurde eine Knarre in den Bauch gerammt. Dann Paz oder Beni, wurde auch geschlagen, schließlich die anderen 2... Im Zimmer wurden die 4 gefesselt, Hände auf dem Rücken, Füße zusammen."

Noch Stunden später ist sie genau wie Mark still und geschockt. "Dort draußen sitzt ein wunderschöner blauer Schmetterling. So einer wie bei Tante Lore eingerahmt in der Küche. Oh ich vermiss alle so. Wie kann das hier wahr sein. Alles ist so falsch... Und ich dachte in Aarau, ich wäre nicht frei. Jetzt gäbe ich alles, um mit NULL zu starten und hier wegzukommen."

2. Oktober - Blütenträume

"Hab geträumt, es war Muttertag und ich war Blumen pflücken, ganz schöne bunte Blumen. Als ich aufwachte - die Realität, und schon kamen die Tränen... And nothing ever happens, nothing happens at all, the needle returns to the start of the song and we all sit around like B4 ... And then it happened! Sie kamen an. Vladimir kam mit einer Schärpe, auf der ELN stand. Das sind wir. Doch politisch. Kohle wollen, alles Quatsch. 2 Führer der ELN sind im Gefängnis, und sie wollen die für uns tauschen."

4. Oktober - Comandante Politico

"Gespräch mit Jefe (Chef) Carlos. Mark und ich zusammen. Verlief gut und ruhig. - Also es ist nicht, um die zwei Commandanten aus dem Kittchen zu holen, es ist, um die Sierra Nevada vom Militär zu deblockieren*. Weiterhin meine TOP-Frage: Wissen meine Eltern, dass ich lebe??? Er hat gesagt ja, seit 1/10/03. Sie hätten eine Email an die Botschaften geschickt und so unsere Eltern informiert. Gute Nachricht, aber nicht ohne bedrückendes Gefühl, dass sie bis dahin 3 Wochen nichts wußten. Au Mann. Mußte die Gedanken schnell beiseite schieben, um mit klarem Kopf weiter zu fragen und zu diskutieren. Weiter gings: Die ELN respektiert das Leben, sie schießen nur, wenn sie müssen, z. B. wir versuchen zu entkommen. Um die Camps herum liegen Bomben. Ich habe weiterhin nach Klopapier, Anti-Mückenmittel und Kulis gefragt. Und natürlich nach meinem Wörterbuch! Dann die fette Frage: Wie lange noch??? Wollte er nicht beantworten, weil er nicht lügen wollte. Ich fragte: mehr als 1 Woche? Ja. Mehr als 2? Ja. Da hab ich aufgehört zu fragen und denke mir einfach, es dauert so lange es dauert - Wochen, ich HOFFE sehr nicht Monate ? Wie es jetzt ist, ist‘s langweilig, aber nicht mehr so schrecklich wie zuvor ... Habe ein Dame-Spielbrett gezeichnet und Halma. Etwas spanisch gelernt, mich gewaschen (unter Aufsicht). Und als ich meine kaputten ja sooo dreckigen Jeans waschen wollte, gab Raffa mir seine neue ELN-Hose. Zu groß, aber hey, besser als die Jeans."

5.+ 9. Oktober - Streit

"Hunger!!! Mal wieder. Nachmittags haben wir uns voll gestritten. Ich habe ein Stück Panela bekommen und nicht geteilt - aus Prinzip, weil die 4 eben immer nur an sich denken. Ging voll ab, gegenseitige Beschuldigungen, mit eigentlich keiner Lösung. Beni hat mich wieder ,Schwein" genannt, und ich fand es hart, die Wut zu kontrollieren. Kleiner selbstsüchtiger Arsch! Also mehr teilen, wenn es mehr zu essen gibt. OHM. Wird wohl nicht funktionieren ? Und auch ,Wir sind 7" stimmt nicht, wir sind 4 + 3, und das macht 7 ? Ich bin am Ende mit meinem Latein. Meine Gedanken sind nicht mehr frei, vom Bösen durchtränkt, sogar mit Asier hab ich etwas Wut. Er kann sich mit den Entführern verständigen. Hatte gestern deshalb statt Blutwurst leckeres Fleisch. GERECHTIGKEIT!!! Sie ist hier nicht mehr möglich. Es funktioniert nicht mehr. Wo fängt der EGOISMUS an, wo hört der ÜBERLEBENSWILLE und ,Ich muss nach mir schauen" auf?"

16. Oktober - Top Twenty

"Hunger! Die Israelis singen und die Stimmung ist gar nicht wie entführt. Cana (Zuckerrohr) zum draufrumkauen. Hab die Top20-Liste unserer Lieder aufgestellt. Nr. 1: I want to break free. Nr. 2: Lemon tree. Nr. 3: I will survive. Nr. 4: Help. Nr. 5: American Pie ... Nr. 20: All by myself."

17.+ 25. Oktober - Die Kämpfer

"Die letzten 3 Tage waren eigentlich gut. Habe Kraft zum Gehen, habe mich wohl so gut es geht mit der Situation angefreundet... Bin interessiert an der ELN, am warum, ohne Hass."

* Rechtsgerichtete paramilitärische Gruppen haben die Sierra Nevada weitgehend von der Versorgung abgeschnitten, um das Gebiet zu beherrschen, Schutzgelder zu kassieren und die Guerilla-Gruppe ELN zu isolieren.

Immer häufiger spricht Reinhilt Weigel mit den Uniformierten, die ein Bild des toten ELN-Priesters Manuel Pérez bei sich tragen: Raffa, 24, zeitweise Taxifahrer, der mit seiner Narbe auf der Stirn und dem fehlendem Daumen wie ein Kriegsherr aussieht und anfängt, der blonden Deutschen Komplimente zu machen. Ibrahim, 33, ein große, sanfter Mestize, der mal Buchhalter war. Umberto, früher Automechaniker, und Samuel "the pig", beide um die 20, "putzen zehnmal am Tag ihre Knarren". Die 19-jährige Ex-Kellnerin Sandra, die mit 15 ihr erstes Kind bekam und sich der ELN anschloss, um nicht als Prostituierte zu enden. Später wird Reinhilt Weigel von den anderen Gefangenen getrennt und bei drei politischen Unterführern in einem Haus untergebracht:

"Haben mir viel, viel Info eingeflößt über ELN, die Situation in Kolumbien. ENDLICH! Alles paßt mehr zusammen. Wie die Paramilitärs die Sierra Nevada blockieren und kein Essen reinlassen. Und damit auch Bildung, Arbeitsmöglichkeiten unterbinden. Wie die Regierung versucht, alles zu vertuschen. Von außen kommt kaum was rein: Bücher für Bildung, anderes Essen für Vitamine, Mineralien. Und dass die Regierung Bitten und Flehen nicht erhört. Deshalb haben sie uns entführt. International - dass die Welt aufmerksam wird."

29. Oktober - Hoffnung

"Sie sehen mich schon als eine von ihnen: Du bist keine estranjera (Fremde)!! Ruben hat die Hütte ausgeräuchert. Hoffentlich weniger Krabbeltiere an mir in der Nacht. Sie krabbeln in meine Hosenbeine, Ärmel, Hals, und es nervt. Nachmittags geht‘s mir immer besser als morgens, bin positiver. Abends hab‘ ich‘s dann selbst gehört. 7 estranjeros, Asiers Namen und ich als ,una alem‘na". War sehr seltsam. Das bin ICH! Werde gesucht, bin im Radio, in den Internationalen Nachrichten. Zumindest hatte ich positivere Gedanken, möchte ein Training anfangen für die Muskeln und Yuca (essbare Wurzel) ausbuddeln."

4. November - Angst vor der Armee

"Meeting mit Carlos. Hab viel mehr verstanden als vor 2 Wochen. Mein Spanisch ist so viel besser ... Carlos hat beschrieben, was so abgeht. 5000 Leute der Armee kommen hier auf 600 ELN. In diesem Kampf ist schon einer von ihnen umgekommen und 3 haben Schusswunden, einer durch‘s Gesicht. Und dass die Armee oft sehr nahe war. Am Fluß nur 45 Minuten Gehzeit weg ... Gestern waren sie 3 Stunden hinter uns. Mannometer, mir ist das zu nah! Wenn sie uns finden, erschießen sie alle, und meinen Tod und Asiers schieben sie auf die ELN. ICH HAB ANGST!"

12. November - Back to The jungle

"Frühstück um 7.30, Plátano und Yuca und Sardinen... und schon nach der Hälfte war mir KOTZÜBEL. Liegt es an den vielen Fliegen in der Tutuma-Schale (Napf aus einer Kürbisfrucht)? - Habe mich in die Hängematte gelegt, wo ich gerade bin, und warte, dass die Übelkeit vergeht ? Raffa hat vor 4 Tagen gesagt, am 12ten ist der Tag der Freilassung - ich glaub‘s nicht so recht. Und dann kam der Aufruf zum Weitergehen. Erst ging‘s ganz gut, dann nicht mehr. Gekotzt, Raffa nahm meinen Rucksack, irgendwie weiter! Aber wo‘s hinging! So ein RIESENSCHEISS! Back to the jungle! So dichter Wald, alles Lianen, altes moderiges Holz, den Himmel sieht man nicht. An einem Hang blieben wir. Ca. 30 bis 40 Grad steil - unglaublich. Mücken ohne Ende. Versucht, Feuer zu machen, aber alles war naß."

13. November - Blutfliegen

"Um ca. 10 Uhr kam so ein Typ mit Che-Guevara-Mütze. Der Doctor? Hat nach meiner Übelkeit gefragt. War nett, war ein richtiger Mensch. Warum kann der nicht hier bleiben? Na ja, weg ist er. Hat gesagt, dass die Regierung keine Lücke läßt, um uns rauszulassen. Und dass die Armee in den Jahren vorher schon Geiseln erschossen hat, eben bei der Freilassung ? Mir geht es schlecht, und alle Hoffnung auf baldige Freilassung ist futsch. Die Dschungelfliegen sind schuld. Sie beißen so hart und hinterlassen einen roten Punkt, der juckt. Drückt man den Punkt, kommt Blut raus. ICH HASSE DIESE FLIEGEN, diesen ORT hier und die muffige Hitze... HIER IST DIE HÖLLE!"

14. November - Annäherungsversuch

"Irgendwann ab in die Hängematte. Bißchen geschlafen, frierend aufgewacht, doch wieder eingepennt, aber ohne Decke und kalt - aufgestanden, zum Feuer gegangen, wo Ibra + Mario schliefen. Mich gewärmt und im Dreck davor zusammengerollt. Ibra hat mir schließlich Platz an seiner Seite angeboten, gut. Und schlecht, fing an rumzufingern. Soll ich sagen Pfoten weg da?... Scheiß Situation, hab mich immer wieder weggedreht ? Ibra wieder rumgefingert. Ich hab ihm auf die Finger gehauen und weggeschoben. Es war ja schon sehr wenig Platz, aber seine Hand muß ja nicht gerade auf meinem Hintern sein oder sogar vorne zu nah zwischen den Beinen ? Iiiih!"

21. November - Geburtstag

"3.46 Uhr auf. KALT! 10 WOCHEN! Raffa hat mir gleich eine Zigarette als Geburtstagsgeschenk in den Mund geschoben. 30 Minuten später saß ich schon auf dem Mula (Maultier). Triste! ... Es kam ein langer Bericht über uns im Radio und dass wir Montag freigelassen werden. Hab noch im Bach gebadet, und weiter ging‘s. Ich wollte laufen, aber der linke Fuß hat gestreikt. Weiß nicht, was los ist, aber schmerzt wie Sau... Tja, ich bin völlig kaputt - 3 Nächte fast nicht geschlafen, Erkältung im Anzug, glaub ich, oh schlafen! WAS FÜR EIN GEBURTSTAG! 3 Umarmungen von Asier + 3 Zigaretten, sonst laufen, laufen und laufen. Hab mir... gewünscht, dass ich einen Tag nicht den Arsch vom Mula angucken muß."

24. November - Freiheit

"So aufgeregt. Im Radio sind wir TOP News. Höre dauernd meinen Namen. Partystimmung. Reporter von Reuter kam und hat Photos geschossen... Raffa und Ibrahim mit ELN-Tüchern vor‘m Gesicht ... Dann gings los, den Matschweg wieder hoch, wieder runter, andere Richtung - Matsch - wie immer - die letzten Meter, vielleicht ne halbe Stunde. Da stand er, der Heli. Lauter Leute vom Roten Kreuz, Kommission, Kirche und wer noch alles???! Gab Essen, Coca Cola, ein Paket von zu Hause mit Klamotten und Hygieneartikeln ? Dann ging alles rapido rapido. Nochmal Raffa umarmt, Wilmar, Carlos lange - hat sich dick entschuldigt. Antonio schnell das Shampoo gegeben. Ach mann, irgendwie seltsam, dieser Abschied. Rein in den Heli und ab. Die Sierra Nevada von oben. So schön. Hügel, Flüsse, Platano. Wer weiß, wo der Wind uns morgen schon hinweht. Beim Zwischenstopp zu Hause angerufen. Erst war der Anrufbeantworter dran, bin fast ausgeflippt. Dann doch Papa. Oh so schön, so unglaublich, so seltsam. Weiter ewig im Heli. Nochmal Tankstopp, alles voller Reporter - weiter bis Bogota ? Geredet, geredet, geredet, ich und Asier - DIE ANDERE SEITE - ganz durcheinander. Die ELN dargestellt. No son personas malas (keine schlechten Menschen). Stockholm Syndrom?* Um Mitternacht ins Bett. Nicht gut geschlafen. Was ist die Wahrheit? Wer ist böse, wer ist gut, wie kann ich das alles verstehen?"

Stille Tage in Chamonix. Nach einer Welle der Euphorie das große Loch. Rückenschmerzen vom Liegen auf dem nassen, knochenharten Untergrund, die jetzt mit Tabletten betäubt werden. Darmkrämpfe, die nicht weggehen. Die zehn Kilo, die Reinhilt Weigel verloren hatte, sind wieder da. Aber jetzt auch eine Rechnung von der Regierung aus Berlin. Für den Hubschraubertransport soll sie einen so hohen Betrag bezahlen, dass sie ihn möglicherweise nur über Jahre abstottern kann. Sie hat böse Briefe bekommen. Wegen des Fotos, das sie mit der Waffe zeigt. Einer Waffe, die sie zeitweise auf Befehl trug, zur Tarnung, so wie sie auf Verlangen der Guerilleros zeitweise auch eine Weste mit einer ungeladenen Pistole und eine Militärkappe anhatte, damit sie nicht als blonde deutsche Geisel auffällt.

"Ja, ich habe mich angepasst, um zu überleben", sagt Reinhilt Weigel, "und dafür ein Stück weit auch Freiheiten bekommen." Sie ist überzeugt davon, dass es keine Alternative gab. Aber bei aller Sympathie für die Ziele der ELN kann sie deren Methoden längst nicht verstehen. Eine Untersuchungskommission hat inzwischen einen Bericht über die Provinz rund um Santa Marta abgeliefert. Und "massive Menschenrechtsverletzungen" gegenüber den 200 000 Einwohnern in der Sierra Nevada festgestellt. Von "Massakern" ist da die Rede, von Terror, der vor allem paramilitärischen Banden in "Kollaboration" mit staatlichen Sicherheitskräften zur Last gelegt wird. Doch das dringt kaum noch vor zu der Frau im bunten Pullover, der es manchmal so vorkommt, als sei die Welt hinter einem Bildschirmschoner verschwunden.

Gefühle? Nicht mehr verlässlich. Es gibt Momente, da fragt sie sich, ob sie eine Art Gehirnwäsche hinter sich hat. Und sagt nur noch: "Ich will mein Leben zurück!"

* Anfreunden der Geiseln mit den Kidnappern, wie es erstmals bei der Botschaftsbesetzung in Stockholm 1975 beobachtet wurde.

Wolgang Metzner / print