Kommentar Well done, Mrs. Mörkel!


Die Grillparty in Meck-Pomm war teuer und inszeniert - und doch ist es gut, dass es sie gegeben hat. Die Trinwillershagen-Strategie der Kanzlerin gegenüber den USA ist klug und sinnvoll - nur anbiedern darf sie sich nicht.
Von Florian Güßgen

Ja, stimmt. Der Ausflug von US-Präsident George W. Bush nach Mecklenburg-Vorpommern war teuer. Und ja, stimmt auch, die ganze Veranstaltung war ein Fake, en detail inszeniert mit Jubelpersern und blank gewienerten Straßen, volksfern abgeschottet vom echten, wahren deutschen Leben. Und ja, das stimmt wohl auch, Kanzlerin Angela Merkel hat die Show für ihre ureigenen innenpolitischen Belange genutzt. Die bilderstarke Visite dient ihr als Vehikel, um die hochnotpeinlichen Gesundheitsreform kurzzeitig vergessen zu machen, und auch, um ihre Partei in Meck-Pomm zu stützen. Dort wird demnächst gewählt.

Eine gute Idee, vorbildlich umgesetzt

Dennoch hat Angela Merkel alles richtig gemacht. Der Besuch ihres neuen Freundes in der politischen Heimat war eine gute Idee, die vorbildlich umgesetzt worden ist und die Berlin außenpolitisch nutzt. Der Nutzen überwiegt die Kosten - bei Weitem. Die Kanzlerin hat aus Staatsräson gegrillt. Und dafür hat sie ein dickes Lob für ihre Trinwillershagen-Strategie verdient. Well done, Angie!

Die Strategie beweist: Die Kanzlerin hat schnell erkannt, dass Außenpolitik zwar von Interessen geleitet wird, deren Aussichten auf Durchsetzung aber sehr wohl von der Chemie zwischen den Chefs abhängt. Deshalb ging Kohl einst mit Yeltsin in die Sauna, und Schröder fuhr vormals mit Freund Putin Schlitten. Weil die USA zu den wichtigsten Partnern Deutschlands und Europas gehören, tut Merkel gut daran, dem US-Präsidenten persönlich näher zu kommen. So schafft sie Vertrauen, so vergrößert sie den deutschen Einfluß in Washington. All das ist Merkel in Stralsund und Trinwillershagen trefflich gelungen.

Die Wetter-Fee aus Meck-Pomm

Es wäre allerdings naiv zu glauben, die Trinwillershagen-Strategie erschöpfe sich im Zwischenmenschlichen. Merkel hat erkannt, das die strukturellen Voraussetzungen für eine einflussreiche deutsche Außenpolitik derzeit optimal sind. Sie hat die Möglichkeit, Berlin wieder zum ersten Ansprechpartner Washingtons in Europa zu machen, in einem Moment ergriffen, in dem Bush um ihre Gunst balzen muss. Für ihn ist das keine Liebesheirat, er braucht Merkel.

Der US-Präsident, dem noch zwei Jahre im Amt bleiben, ist innen- und außenpolitisch schwer ramponiert. Innenpolitisch fliegen ihm die illegalen Einwanderer um die Ohren, ein Korruptionsskandal und ein bisschen auch die Anti-Terror-Maßnahmen, außenpolitisch erweist sich das Irak-Abenteuer schon lange als Desaster. Kompromisslosen Unilateralismus kann sich der Mann aus Washington nicht mehr leisten. Deshalb, aus der Not, zeigt er sich beratungsoffen und schwenkt, wie etwa im Fall des Iran-Konflikts, auf eine europäische Strategie ein. Deshalb muss er sich dringend neue Freunde suchen. Wenn es sein muss, auch in ostdeutschen Dörfern. Weil Bushs Kriegsgefährte Tony Blair demnächst abtritt, und die Franzosen 2007 einen neuen, noch unberechenbaren Präsidenten wählen, trifft die Charmeoffensive unausweichlich Merkel. Diese wiederum kann in dieser Situation nur gewinnen, ohne ein allzu großes Risiko einzugehen. Die berechtigte Kritik ihres Vorgängers Gerhard Schröders an dem US-geführten Irak-Krieg hat die deutsch-amerikanische Beziehung auf einen Tiefpunkt fallen lassen. Sie, die Wetterfee aus Meck-Pomm, kann nun ohne große Anstrengung behaupten, Berlin und Washington binnen kürzester Zeit aus einem finster-kalten Winter in einen fröhlich-sonnigen Frühling geführt zu haben. Das Verhältnis ist so gut wie seit Jahren nicht mehr.

Die Trinwillershagen-Strategie

Das einzige Risiko, dass es für Merkel bei der Trinwillershagen-Strategie derzeit gibt, besteht darin, dass sie in den Ruf gerät, sie biedere sich dem US-Präsidenten an. Das kann sie sich innenpolitisch kaum leisten, weshalb sie inhaltlich eine kritische Distanz zu Bush wahrt, sich ihm unterhakt, ihn aber nicht offenherzig umschlingt. Deshalb hat in sie in Sachen Iran oder Guantanamo bislang durchaus Tacheles gesprochen. Über diese Distanz können auch die legere Jeans in Trinwillershagen und die Jubelperser auf dem Alten Markt in Stralsund nicht hinwegtäuschen. Die Trinwillershagen-Strategie steht so für einen dritten Weg in der deutsch-amerikanischen Beziehung, einen dritten Weg zwischen dem offiziell harten Bruch eines Gerhard Schröder und der bedingungslosen Loyalität eines Tony Blair. Außenpolitisch erscheint diese Strategie derzeit optimal. Wie lange sie Angela Merkel durchhalten kann, wenn es wieder heißt: "Biste dabei? Oder biste nicht dabei?", das ist offen. Denn erst im Ernstfall wird sich zeigen, wie viel Mut Merkel hat, den Freund möglicherweise offen zu kritisieren. Außenpolitisch musste sie diesen Mut bislang nicht aufbringen, innenpolitisch hat er ihr bislang gefehlt.


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