HOME

Kultusministerkonferenz: Lehrer - hart umkämpfte Mangelware

Lehrer sind in Deutschland knapp, die Bundesländer werben sich gegenseitig die Pädagogen ab. Zwangsläufige Verlierer: die armen Länder. Auf ihrer Konferenz haben sich die Kultusminister auf einen "fairen Wettbewerb" um Nachwuchslehrer geeinigt, doch verboten werden soll die Abwerbung von Lehrern zunächst nicht.

Ein junger Lehrer beschriftet die Tafel. Nachwuchslehrer sind knapp, die Bundesländer werben sich die Kräfte gegenseitig ab

Ein junger Lehrer beschriftet die Tafel. Nachwuchslehrer sind knapp, die Bundesländer werben sich die Kräfte gegenseitig ab

Mit 1800 Tafeln Schokolade will Baden-Württemberg Lehrer locken. Die Schokolade wird an Schüler und Studenten verteilt; auf der Packung steht: "Sie haben Tafeldienst". Naschen und gleichzeitig über die Berufswahl nachdenken - so stellt sich das zumindest die Landesregierung in Stuttgart vor.

Die Schokolade ist Teil einer insgesamt 375.000 Euro teuren Kampagne, mit der das Bundesland junge Leute für den Lehrer-Beruf begeistern, aber auch fertig ausgebildete Lehrer gezielt aus anderen Bundesländern abwerben will. Denn Deutschland gehen die Lehrer aus: Die Kultusministerkonferenz rechnet damit, dass bis zum Jahr 2015 rund 30.000 Stellen nicht besetzt werden können. Baden-Württemberg ist nicht das einzige Bundesland, das um junge Fachkräfte buhlt: "Wir haben im Wettbewerb um Lehrer eine Eskalationsstufe erreicht, die die Schamgrenze verletzt," sagt Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU).

Das Abwerben geht weiter

Ein Ende dieses Wettstreitens ist jedoch nicht absehbar: Zwar wollten die Kultusminister den Konflikt bei ihrer Konferenz in Stralsund entschärfen, doch mehr als Lippenbekenntnisse und eine Vertagung des Problems brachten die Minister nicht zustande. Henry Tesch (CDU), Kultusminister von Mecklenburg-Vorpommern und Vorsitzender der Kultusministerkonferenz (KMK), hatte seinen Kollegen eine langfristige Zusammenarbeit vorschlagen. Eine länderübergreifende Abstimmung sei nötig, um den Bedarf zukünftig zu sichern, sagte Tesch im Vorfeld der Konferenz. Außerdem solle sichergestellt werden, dass der Verteilungskampf um die Pädagogen nicht automatisch zu Lasten der schwächeren Länder geht.

Doch das Ergebnis bleibt hinter den Forderungen dieser wettbewerbsschwachen Länder zurück: Auf einen generellen Verzicht auf die Abwerbung von Lehrern konnten sich die Kultusminister nicht einigen. In dem am Freitag vorgestellten Beschluss der Konferenz heißt es lediglich, dass der Wettbewerb zwischen den Ländern "fair" sein soll. Dies bedeute "eine vertrauensvolle Abstimmung vor allem bei der Rekrutierung von Lehrerinnen und Lehrern aus anderen Ländern.

Offensive Werbeaktionen, wie Baden-Württembergs "Schoko-Kampagne", bleiben dem Beschluss nach weiterhin möglich, räumte die Bremer Kultussenatorin Renate Jürgens-Pieper ein. Das könne die KMK auch nicht verbieten. "Wir haben ohnehin nichts gegen Lehrermobilität, dürfen aber keinen Kannibalismus zulassen", betonte sie. Dem Vernehmen nach ist eine weiterreichende Entscheidung vor allem an Baden-Württemberg gescheitert.

Pralle Kampfkassen bei reichen Ländern

Während die ostdeutschen Bundesländer keine Mittel haben, um Lehrer ins Land zu locken, hat Hessen seine Kampfkasse gut gefüllt: 240.000 Euro für Werbespots und Plakat-Aktionen. Hessen wirbt mit höheren Einstiegsgehältern, einer überdurchschnittlichen Besoldung von Haupt- und Realschullehrern sowie Vollzeit- statt Teilzeitstellen. Zusätzlich kann das Land damit punkten, dass es Lehrer bis zum 50. Lebensjahr verbeamtet.

Auf diese Weise gelang es Hessen, zu Beginn diese Schuljahrs 234 Lehrer vor allem aus Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg ins Land zu holen - das entspricht mehr als 10 Prozent aller neuen Lehrkräfte. Um nicht noch mehr Lehrer zu verlieren, zogen die beiden Nachbarländer mit eigenen Anreizen nach. "Der Wettbewerb ist nur für finanzstarke Bundesländer gut. Da führt sich der Föderalismus ad absurdum", sagt Marianne Demmer von der Lehrer-Gewerkschaft GEW.

Möglich geworden ist dieser Wettbewerb um Lehrer durch die Föderalismusreform von 2006. Damals erhielten die Ländern die alleinige Kompetenz für das Bildungswesen, einschließlich der Entscheidung über die Entlohnung ihrer Lehrkräfte.

Hartz IV für Ost-Referendare

Der angehende Lehrer Constantin Schobloch aus Bielefeld kann sich vorstellen, seinen Wohnsitz nach der Höhe des Lohns auszuwählen: "Referendare mit 950 Euro abzuspeisen, ist für mich nicht annehmbar. Von dem Gehalt müssen eine Wohnung mit Arbeitszimmer, ein Auto und alle Schulmaterialien bezahlt werden." Manche Referendare in Ostdeutschland verdienen so wenig, dass sie zusätzlich Hartz IV beantragen müssen.

Als Biologielehrer gehört Schobloch zu den besonders begehrten Pädagogen. In den Naturwissenschaften, Mathematik, Latein, Englisch und Religion ist der Mangel groß. Seiner rheinland-pfälzischen Kollegin Claudia Lehnen, die Deutsch und Geschichte unterrichten wird, steht dagegen ein Bewerbungsmarathon bevor: "Ich muss in meinem Examen einen Einser-Durchschnitt erreichen, sonst komme ich auf die Warteliste."

In Hamburg sei der Lehrermangel zwar kein akutes Problem, sagte Jan Bruns von der Behörde für Schule und Berufsbildung stern.de, der Bedarf schwanke jedoch auch hier: "Nur in Physik gibt es kleinere Lücken. Für das Fach haben wir im vergangenen Jahr 45 Stellen ausgeschrieben und nur 25 besetzen können." Bruns führt die komfortable Lage Hamburgs auf die nach wie vor gängige Praxis der Verbeamtung, aber auch auf die hohe Lebensqualität in der Stadt zurück. "Wir müssen die nicht abwerben, die kommen freiwillig."

Hoffen auf die nächste KMK

Bundesländer deren Strahlkraft bislang nicht ausreichte, um im Wettbewerb um den Lehrernachwuchs zu bestehen, müssen nun auf die nächste Kultusministerkonferenz hoffen. Eine Arbeitsgruppe und die Kommission für Statistik sollen einen Vorschlag für eine gemeinsame Strategie der KMK zum Lehrkräftebedarf unter Berücksichtigung der Kapazitäten in den Lehramtsstudiengängen und im Vorbereitungsdienst erarbeiten. Die Ergebnisse sollen dann bei der nächsten KMK-Sitzung am 18. und 19. Juni zum Beschluss vorgelegt werden.

Wie dieser Beschluss aussehen könnte, bleibt zunächst unklar. Die hessische Kultusministerin Dorothea Henzler zum Beispiel hatte im Vorfeld der Kultusministerkonferenz vorgeschlagen, eine bundesweite Imagekampagne zu starten. Das scheint nötig zu sein, glaubt man einer Studie der Universität Frankfurt: Laut ihr hat jeder vierte Lehrer seinen Beruf nur deswegen ergriffen, weil er an den Zulassungsbeschränkungen für andere Fächer gescheitert ist.

Laura Himmelreich mit DPA/AP / AP