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Landtagswahl in NRW: Die Gesichter des Jürgen Rüttgers

Nach fünf Jahren Regierung droht NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers das politische Aus. Und das liegt nicht nur am schwarz-gelben Murks in Berlin.

Ein Portrait von Hans Peter Schütz

Im Tierpark in Hamm lässt er kein Kind aus. Tätschelt Wangen, beugt sich tief in Kinderwagen hinein. Lutscht zwischendurch mal schnell an einem Vanilleeis und smalltalkt mit den Muttis. "Wir haben das schöne Wetter extra für Sie mitgebracht."

Zuvor war Jürgen Rüttgers beim Tor-, Türen- und Stahltreppenbauer Mohrs. Schwenkte für die Fotografen einen 40er-Bohrer. Plaudert mit dem Stahlhändler, der klagt: "Immer mehr Häuser werden ohne Keller gebaut." Was Rüttgers mit Sorgenfalten im Gesicht "Kulturverfall" nennt.

In Bielefeld Auftritt vor CDU-Senioren. Denen erzählt er, "ich habe dieses Land gut durch die Krise geführt" und verteidigt die soziale Marktwirtschaft. In Barntrup, einem Nest in Ostwestfalen an der Grenze zu Niedersachsen, redet er darüber, dass in Deutschland selbstverständlich deutsch gesprochen werden müsse und er sich mal wieder durch eine "neue Qualität von Schmutzwahlkampf" quäle.

Gerne lässt er sich dabei von den Handybesitzern knipsen. Wer mit aufs Bild will, darf sich neben ihn stellen. Er sei schließlich ein Netzwerker, verrät er den Journalisten später im Bus.

Rüttgers, der Selbstdarsteller

Worüber er nicht spricht: Dieser Jürgen Rüttgers liebt Holografie, die optische Darstellung, bei der sich die Fläche eines Bildes plötzlich in dreidimensionale Tiefe weitet, wenn der Betrachter eine andere Perspektive einnimmt. In seinem Privathaus in Pulheim hängen einige Hologramme an der Wand.

Rüttgers scheint diese Bilder zu mögen, weil er von ihnen etwas über die politische Selbstdarstellung gelernt hat. Er will so vieles sein. Behutsamer Kinderfreund. Beharrlicher Wirtschaftsfreund. Sensibler Bürgerfreund. "Der Rüttgers, der Mensch" hat er früher auf Plakaten im Revier und an der Rheinschiene verkünden lassen. Dem die Mutter beigebracht hat, "nit mit der Nas hoch rumzulaufe". Einer, der schon immer "nah bei den Menschen" sein wollte.

Vor fünf Jahren hat das in Nordrhein-Westfalen noch gezogen. 44,8 Prozent für Rüttgers und seine CDU. Das reichte locker für eine schwarz-gelbe Koalition mit der FDP. Am kommenden Sonntag wird es aller Voraussicht nach nicht mehr reichen. Laut ZDF-Politbarometer steht die CDU aktuell bei 35 Prozent, die FDP kommt auf 8.2 Prozent. Die SPD auf 33.5, die Grünen auf elf und die Linkspartei ist mit sechs Prozent drin. Was den Selbstinszenator Rüttgers noch schmerzlicher berühren dürfte: Die SPD-Konkurrentin Hannelore Kraft liegt bei der Sympathiefrage mit 43 Prozent zwei Punkte vor ihm. Von Amtsbonus keine Spur.

"Mürbe geworden"

Die Frage, wie es zu diesem Absturz des selbst ernannten "Arbeiterführers" und "Johannes-Rau-Nachfolgers" Rüttgers kommen konnte, kann sich nicht einmal die SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles erklären. In zufriedener Ratlosigkeit sagt sie: "Da muss was mürbe geworden sein, was wir nicht gesehen haben." Friedrich Merz, lange Jahre bester CDU-Mann in NRW, aber von Angela Merkel abgehalftert, liefert stern.de eine klarere Analyse: "Man kann nicht versuchen, die SPD links zu überholen, ohne sich selbst zu beschädigen." Rüttgers hat genau dies versucht. Die Quadratur des Kreises. Damit musste er scheitern.

Denn der Rüttgers von heute ist der Rüttgers von gestern und der Rüttgers von vorgestern - ein Mann, der selbst in den Augen von Parteifreunden sein Mäntelchen gerne in jedes Lüftchen hängt, egal wie lind und aus welcher Richtung es weht. "Unser Schlangenmann", nannten sie ihn. Unvergessen etwa, wie er einst gegen den hessischen Parteifreund Roland Koch Front machte, als der populistisch die doppelte Staatsbürgerschaft attackierte. Wenig später propagierte Rüttgers den Slogan "Kinder statt Inder" - was mindestens ebenso ausländerfeindlich war. Im System Kohl diente er bis zum letzten Tag als ministerialer Musterknabe. Danach rief er laut nach "neuen Köpfen", seinem eigenen natürlich. Als Helmut Kohl seine Schwarzgeldspender nicht nennen wollte, fand Rüttgers dies in Ordnung. Bis zuletzt.

Er windet sich lieber, als geradeaus zu gehen. Dass er jetzt sogar als potentieller Kandidat fürs Amt des nächsten Bundespräsidenten genannt wird, dürfte ihm gefallen. Früher hat er sich schließlich auch mal auf den Plakaten einer Fluggesellschaft mit dem zweideutigen Slogan ablichten lassen "Wir befördern jeden Abgeordneten zum Bundeskanzler".

Die Affären der NRW-CDU

Seinem politischen Ziel - eine "neue CDU im Westen" - ist er nicht glaubwürdig näher gekommen. Geklüngelt und gekungelt wird in der rheinischen CDU wie eh und je. Und während ihm bei Auftritten an der CDU-Basis zugejubelt wird "Da, wo Jürgen Rüttgers draufsteht, ist Jürgen Rüttgers drin", kommentieren Rüttgers-Kenner hinter vorgehaltener Hand: "Ganz schön, wenn man nur wüsste, was ein echter Rüttgers ist." Jedenfalls windet er sich lieber durch, als geradeaus zu gehen.

Wie konnte er nur, fragen sich viele Parteifreunde, einen CDU-Generalsekretär neben sich dulden, der ihn für eine fünfstellige Eurosumme als Gesprächspartner verkaufen wollte? Das Etikett "Rent a Rüttgers" lebt jetzt unablösbar an dem Mann, der sich so gerne als Arbeiterfreund beschreibt. Nichts ist geworden aus dem "neuen" Politikstil, den er einst für die CDU forderte. Nichts aus der "neuen" Glaubwürdigkeit der CDU und ihrem "neuen" Lebensgefühl.

Auch in der Landespolitik hat sich der selbst ernannte "Hoffnungsträger" Rüttgers eher als Enttäuschung erwiesen. Er ließ Studiengebühren einführen und die Kita-Beiträge heraufsetzen. Die Schulministerin Barbara Sommer machte die Bildungspolitik zu seiner gefährlichsten Schwachstelle. Der Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter, zuverlässige Lieferantin von Justizskandalen, wird vorgehalten, dass in ihren Gefängnissen Frauen unter unwürdigsten Bedingungen Kinder gebären müssen. FDP-Innenminister Ingo Wolf präsentierte ein Gesetz zur Online-Durchsuchung, das vor dem Verfassungsgericht als handwerklicher Pfusch erster Güte bezeichnet wurde.

Oder: Der Mann, der sich so gerne als Herdbewahrer älterer CDU-Mitglieder präsentiert, erlaubte seiner Partei, die Spitzenkandidatin der Senioren-Union auf dem aussichtslosen Listenplatz 43 zu platzieren. Die SPD-Konkurrentin Hannelore Kraft ließ er per Videokamera überwachen. Und sein wichtigster Strippenzieher beim Regieren, Boris Berger, darf zum Umgang mit der Genossin per Email fordern: "Immer auf die Omme". Immer auf den Kopf hauen, auf Deutsch.

Eine Frage des Lohns

In Barntrup wird er gefragt, wovon einer denn leben solle, der für brutto fünf Euro die Stunde arbeiten geht. "Brauchen wir nicht endlich Mindestlöhne?" Rüttgers gibt mimisch seine Lieblingsrolle - den Kümmerer. "Ich bin gegen sittenwidrige Löhne", antwortet er. Lohnfindung sei bei den Gewerkschaften aber besser aufgehoben als beim Staat.

Typische Antwort des Mannes, der so gerne von sich sagt, "der Vorsitzende der Arbeiterpartei in Nordrhein-Westfalen bin ich". Gibt sich nah beim arbeitenden Menschen. Bleibt aber lieber auf Distanz zu ihren Problemen. Oder wie die grüne Spitzenkandidatin Sylvia Löhrmann es sagt: "Rüttgers redet wie Blüm, zieht Strippen wie Kohl und regiert wie Westerwelle."

Mitarbeit Axel Vornbäumen