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Landtagswahl in NRW Pils und Pommes in der SPD-Zentrale


Es war eine lange Nacht für Hannelore Kraft - länger, als ihr lieb war. Gemeinsam mit ihrer Familie wartete die SPD-Spitzenkandidatin in der Parteizentrale auf das Endergebnis der Landtagswahl - und auf die Pommes.
Von Jan Rosenkranz, Düsseldorf

Zwei Uhr nachts und noch immer gibt es offene Fragen. Cheeseburger oder Pommes? Ein Mitarbeiter der Düsseldorfer SPD-Zentrale wird zur Mc Donald's-Filliale entsandt, um Verpflegung zu holen. Denn die eigentliche Frage dieses Wahlabends in Nordrhein-Westfalen ist auch acht Stunden nach Schließung der Wahllokale nicht endgültig entschieden: Wer ist der Sieger dieser Landtagswahl? SPD oder CDU? Jürgen Rüttgers oder doch Hannelore Kraft?

Die Herausforderin hockt in einem kleinen Sitzungssaal im Stuhlkreis. Umringt von Mitstreitern und der Familie. Neben ihr harrt auch Mutter Anni aus, trotz ihrer 74 Jahre, ihr Mann Udo steht am Rand und trinkt ein Pils, ihr 17-jähriger Sohn Jan knibbelt nervös an einem roten Gummiband. Das weiße Festzelt vor der Tür ist verwaist, längst haben sich die verbliebenen Anhänger in diesen großen Raum im Erdgeschoss begeben. Die Luft ist wärmer hier und gut getränkt mit Schweiß und Bier. Es riecht ein bisschen wie in der Umkleide der Fortuna. Aber das ist jetzt auch schon egal. Es gibt etwas zu Trinken. Ein Beamer wirft das Programm von Phoenix an die Wand. Und jemand ist auf dem Weg, um Pommes zu holen. Alles wird gut.

Vielleicht aber auch nicht. Der Landeswahlleiter zählt noch immer aus. Es heißt, es hängt an Köln. Ausgerechnet Köln! Kriegen die denn gar nichts auf die Reihe in dieser Stadt? Keinen U-Bahn-Bau, kein Bier (aus Sicht der Düsseldorfer) und keine Wahl (aus Sicht der SPD). Kraft ahnt es. Kurz nach Mitternacht kommt ihr Sprecher Dirk Borhart um ihr mitzuteilen: Es sieht nach Patt aus. Die CDU liegt mit 6500 Stimmen vorne, 8500 müssen noch ausgezählt werden. Doch an der Sitzverteilung würde das nichts ändern, beide Parteien hätten 67 Mandate.

"Oooch, nee, doch nicht ausgerechnet so!"

Wenig später, genau um 0:18 Uhr, zeigt Phoenix Bilder, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Sie wurden vor acht Stunden aufgenommen, im Festzelt der SPD. Jetzt sieht sich Hannelore Kraft dabei zu, wie sie vor ihre jubelnden Anhänger tritt. Womöglich schaut hier also die echte Verliererin der virtuellen Wahlsiegerin zu - und beide heißen Hannelore Kraft. Es ist ein bisschen surreal. Sie schaut weiter auf die Großbildleinwand. Sie hört sich sagen: "Wir haben unser erstes Wahlziel erreicht: Schwarz-Gelb ist abgewählt worden." Dann sagt sie noch, dass man nicht genau sagen könne, ob man auch das zweite Wahlziel habe erreichen können, nämlich als stärkste Kraft gemeinsam mit den Grünen regieren zu können - und dass es noch ein langer Abend werden könnte, das sagt sie auch. Die echte Hannelore Kraft nickt und klatscht dann zwei Mal in die Hände. Sonst klatscht niemand mehr.

Da hatte sich das voraussichtliche Endergebnis langsam herumgesprochen. Stärkste Kraft bleibt voraussichtlich die CDU von Jürgen Rüttgers. Ausgerechnet Rüttgers, der sich nicht mal in die Elefantenrunde ins Fernsehen traute. Der einfach abgetaucht ist, ein toter Mann. Der sich in der CDU-Zentrale, die gleich hinterm Haus liegt, verschanzt hat und niemanden mehr sehen wollte - und vor allem von niemandem gesehen werden wollte. Der sich dann spät am Abend an der wartenden Pressemeute vorbeimogeln wollte - und dafür seinen Führerscheinlosen Ex-Verkehrsminister Wittke losschickte, um die Journalisten abzulenken ("Da hinten gibt's noch Bier!" Klappt immer.), damit er selbst unerkannt entkommen konnte.

Hat dessen CDU am Ende also doch gewonnen? Um ein paar Stimmen? "Oooch, nee, doch nicht ausgerechnet so!", entfährt es Sprecher Borhart, einem Glatzkopf mit schwarzer Brille. Ausgerechnet so kurz vor dem Ziel.

"Ohne uns geht nichts"

1 Uhr 22: Hannelore Kraft springt auf. "Kann mal einer den Fernseher leise drehen?", ruft sie in die Runde. Es dauert eine halbe Ewigkeit, bis jemand den Knopf gefunden hat. Dann ruft Kraft: "Der Landeswahlleiter hat eben angerufen und gesagt, dass Köln zwar auch ausgezählt worden ist, nun aber noch Mal nachgezählt werden muss." Langes Stöhnen. "Das amtliche Ergebnis kommt erst um halb drei." Noch längeres Stöhnen.

Kraft sitzt jetzt auf dem Schoß ihres Sohnes. Er wirkt ein wenig niedergeschlagen. Im Gegensatz zu ihr. Jemand singt: "Nur nach Hause ..." Einige gehen, umarmen tröstend ihre Spitzenfrau, die sich nicht trösten lassen will: "Ohne uns geht nichts", flüstert sie. "Ampel, Linksbündnis oder Große Koalition - alles noch drin."

"Die Party ist vorbei"

2 Uhr 20: Irgendwann jetzt müssten die Pommes kommen. Und dieses, na, richtig, das amtliche Endergebnis, darum geht es ja schließlich auch noch. Kraft und die Ihren hocken noch immer im lockeren Stuhlkreis wie in einer Therapie. Wie bei den anonymen Wahlverlierern. Tippen in ihre Handys. Drucksen ein bisschen herum. Niemandem ist so recht zum Reden zumute.

"Okay Leute, die Ergebnisse sind da", ruft Kraft plötzlich. Sie hat sich zu den Laptops gepirscht, die rechts an der Wand auf kleinen Pulten stehen und auf denen ein Mitarbeiter ständig die Homepage des Landeswahlleiters beobachtet hat.

Es ist zwei Uhr und 21 Minuten als sie endgültig verkünden muss: "Wir haben 67 Sitze, die CDU hat 67 Sitze und die Grünen 23. Wir liegen 6000 Stimmen hinter der CDU. Damit klares Patt. Und ohne uns geht nix. Auf geht's!"

Die Pommes sind angekommen. Sie greift in die Tüte und beißt zu. In ein paar Stunden muss sie zum Flieger nach Berlin. Die Berliner Genossen wollen sich mit ihr schmücken. Die SPD ist wieder da und so. Und Hannelore Kraft sagt zu ihrem Mann: "Udo, ich überleg, ob sich das überhaupt noch lohnt, nach Hause zu fahren." Kurz nach halb drei drängelt ein Mitarbeiter die letzten Gäste vor die Tür. "Wir machen jetzt zu", sagt er. "Die Party ist vorbei."


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