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Landtagswahl in Schleswig-Holstein: Wie Torsten ohne H gewinnen will

Er gibt sich gern volksnah und mag keinen "politischen Krawall": SPD-Spitzenkandidat Torsten Albig will am 6. Mai in Kiel den Machtwechsel erreichen. Ein Porträt des "Kojak" von Schleswig-Holstein.

Von Hans Peter Schütz

Er schreckt im Wahlkampf vor nichts zurück. Weder vorm Krötensammeln mit dem SPD-Ortsverein, noch vor der Fahrradtour (das ist sogar sein Hobby) auf der Suche nach SPD-Wahlwilligen, schon gar nicht vorm medialen Großauftritt zusammen mit Frank-Walter Steinmeier oder der Besichtigung der Bäckerei Schmidt in Silberstedt. Er geht auf die Wattwanderung in Dagebüll und schippert im Lotsenboot über den Nord-Ostsee-Kanal. Oder nimmt in Friedrichskoog am Training der Heuler-Aufzuchtstation teil. Er ist als Wahlkämpfer schließlich ebenso auf Kontaktsuche wie die Seehundbabies.

Denn Torsten (ohne h, oder wie er selbst zuweilen spottet "ohne Haar") will schließlich sein "Lieblingsland" Schleswig-Holstein politisch als SPD-Spitzenkandidat erobern. Nicht mit großer Selbstinszenierung, sondern durch Gespräch, Dialog mit den Bürgern und Nähe.

In dieses Programm passt natürlich gut ein Spaziergang durch den Naturerlebnisraum "Stiftungsland Schäferhaus", wo ein paar hundert zottelige Galloway-Rinder auf einem ehemaligen Panzerübungsplatz grasen. Als Albig dort nummerierte Ohrclips für Kälbchen in die Hand gedrückt werden, mit denen er die Jungtiere bei einem Zusammentreffen bestücken soll, murmelt er: "Gut so, ich suche ja noch Mitglieder fürs kommende rot-grüne Kabinett." Nachdem rundum gelacht wird, fügt er ernsten Gesichts hinzu: "Menschen wie ich müssen ja was von Rindviechern verstehen, wir treffen ja so viele in der Politik." Es darf wieder gelacht werden.

"Gelassener Wahlkampf fällt ihm nicht immer leicht"

Wenig später erfährt Albig beim Fußmarsch durch den Bioland-Betrieb "Bunde Wischen", dass die Agrarministerin des Landes, Juliane Rumpf, die Öko-Prämie nach wochenlanger Prüfung durch acht Beamte um 115.000 Euro gekürzt hat. Unüberhörbar böse murmelt er daraufhin: "Die Noch-Ministerin Rumpf." Eigentlich findet er sie ganz sympathisch, aber was hier passiert ist hält Albig im Kopf nicht aus: Dass Beamte die staatliche Subvention der Weidefläche herunterrechneten, weil dort angeblich zu viele stachelige Weißdornbüsche stünden, unter denen die Kühe nicht weiden könnten. Dass Buchen und Eichen aber hier gar nicht aufwachsen könnten, ohne dass die Weißdornbüsche deren jungen Triebe vor den Kuhmäulern schützten, interessiere die Bauern-Bürokraten nicht, die noch drei Jahre zuvor alles rundum in Ordnung befunden hatten.

Den SPD-Kandidaten Albig erregt dieser, wie er sagt, "bürokratische, staatliche Verwaltungs-Schwachsinn" aufs Äußerste. Und fast wird er einem Grundsatz untreu, mit dem er den warmen Amtsstuhl des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt Kiel verlassen hat und in den politischen Machtkampf gegen die schwarz-gelbe Landesregierung gezogen ist. Er wolle einen gelassenen Wahlkampf führen, den üblichen Berliner "politischen Krawall" meiden. Leicht fällt ihm das nicht immer. Und dann wird zuweilen schon erkennbar, dass in ihm mindestens ebenso viele Kilo Temperament stecken wie im SPD-Spitzenpolitiker Peer Steinbrück, dem Albig zu dessen Zeiten als Bundesfinanzminister als Sprecher zugearbeitet hat.

Auf Steinbrücks gefürchtete Ruppigkeit versteht Albig sich im Ernstfall locker. Er weiß aber genau, dass dieser Stil bei den Menschen im nördlichsten Bundesland nicht gut ankommt. Also formuliert er seine Botschaft eher mit präziser Zurückhaltung: "Die SPD ist wieder da. Die SPD will regieren. Sie wird regieren."

Der "Kojak" von Schleswig-Holstein

Seine Siegesgewissheit teilen in der eigenen Partei längst nicht alle. Schließlich hat sich ihr fast neunundvierzigjähriger Spitzenkandidat in einer kühnen Aktion an diese Position gekämpft: Er kandidierte gegen den bisherigen, ungeliebten, linkswütigen SPD-Chef Ralf Stegner und besiegte ihn haushoch: Stegner 32 Prozent, Albig 57. Dies gegen einen Konkurrenten, der es in der 2009 zerbrochenen Großen Koalition in Schleswig-Holstein immerhin zu den Ämtern des Finanz- und Innenministers gebracht hatte.

Viele verstanden nicht, dass Albig seinen Triumph nicht nutzte, den in der Partei nicht sehr beliebten Stegner vollends abzuservieren. Im Gespräch mit stern.de räumt er ein, dass viele von ihm erwartet hätten, alle alten Rechnungen zu begleichen. Doch Albig nennt auch die Stärken des Konkurrenten. "Er kennt die Partei besser als ich." Und er sei in der programmatischen Debatte ein sachkundiger, starker Diskutant. Man darf vermuten: Der Analytiker Albig hat erkannt, gegen Stegner an der SPD-Spitze zu sein, hätte seine Probleme nur vergrößert und die Partei im Wahlkampf geschwächt. Leicht denkbar, dass dieser Albig, den viele auch den "Kojak" von Schleswig-Holstein nennen, wie auch der echte Kojak von Manhattan gerne Lockvögel einsetzt. Und mit der Milde gegenüber Stegner die SPD-Linke an sich gebunden hat.

Leicht wird die Machteroberung jedenfalls nicht. Aber Albig gibt sich siegesgewiss: "Ich gewinne sehr gerne." Auf der ersten Großkundgebung seines Wahlkampfs in Kiel zeigte er massiven Siegeswillen. Alle 35 Wahlkreise seien von den SPD-Kandidaten zu erobern, forderte er laut. Ein kühner Anspruch beim Blick aufs letzte SPD-Wahlergebnis, das mit 25,4 Prozent sehr bescheiden ausgefallen war (CDU: 31,5).

Endlich Karriere unter eigenem Namen machen?

Aber das Leben des geborenen Bremers, aufgewachsen in Ostholstein, in Großenbrode und Heiligenhafen, ist bislang geprägt von Wahlerfolgen auf kommunaler, auf Landes- und Bundesebene. Einst arbeitete der Jurist in der Bonner Landesvertretung. Von dort wechselte er ins Büro des damaligen SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine und arbeitete an dessen Wahlsieg 1998 im Planungsstab des SPD-Parteivorstands mit. Die Wahlnacht 98, sagt Albig, werde er niemals in seinem Leben vergessen. "Ein wahrer Gefühlsausbruch" habe ihn geschüttelt, als die erste Hochrechnung über das Abschneiden der SPD eintraf. "Nach der Geburt meines Sohnes war es das zweitgrößte Hochgefühl meines Lebens."

Erfolggeprägt war auch seine Zeit in den Jahren, in denen er für die Finanzminister Hans Eichel und Peer Steinbrück als Sprecher arbeitete. Als er im Juni 2009 für das Amt des Oberbürgermeisters in Kiel, wo er auch schon einmal als Dezernent für Finanzen und Kultur gearbeitet hatte, kandidierte, prophezeiten ihm viele eine schwere Schlappe gegen die CDU-Amtsinhaberin Angelika Volquartz. Doch er fegte sie mit dem Slogan "Wir hauen Püppi aus den Pumps" locker aus dem Amt. Auch als er gegen Stegner antrat, gaben ihm viele keine Chance. Und er gewann haushoch.

Warum riskiert Albig jetzt wieder eine schwierige Wahl? Politpsychologen behaupteten schon einmal, der langjährige Sprecher anderer Spitzenpolitiker wolle endlich ranghohe politische Karriere unter dem eigenen Namen machen, wolle nicht länger der "Schattenmann" sein. Ihn reize, sagt Albig gegenüber stern.de, das Land Schleswig-Holstein. Es sei ein Land, dessen Größe den Ministerpräsidenten nicht im politischen System versinken lasse, ihn um den Kontakt mit den Menschen bringe. "Das Land passt zu mir und meiner Art Politik zu machen", erklärt er, und fügt hinzu: "Ich bin noch nahe dran an der Oberbürgermeister-Position, noch nahe dran, um bei den Menschen Begeisterung zu bewirken." Er räumt ein, dass er vermutlich gegen den bisherigen Landesvater Peter Harry Carstensen keine Siegchance gehabt hätte, wenn der noch einmal angetreten wäre. Doch der habe sich zu sehr auf Volksfest-Auftritte beschränkt, nur den Landesvater und Küsser von Krautköniginnen gegeben, aber im Lande nirgendwo Akzente gesetzt.

Sein schwerster Gegner ist die schwächliche Bundes-SPD

Albig sieht daher seine wichtigste künftige Funktion darin, "neue politische Impulse zu geben." Er wolle mehr sein als ein "Grüssonkel", der sein Kabinett dann im stillen Kämmerlein zusammenstauche, wenn es politisch schief läuft. Sein politischer Schwerpunkt für die Zukunft soll die Bildungspolitik sein, die er gerne mit dem Satz kritisiert, sie könne ja nicht viel taugen, "wenn in unseren Schulen nicht mal das Klo funktioniert."

Albig ist klar, dass sein schwerster Gegner der derzeitige schwächliche Bundestrend seiner SPD ist. "Die Grundstimmung hilft uns nicht." Das noch ferne Wahlziel von 40 Prozent, mit dem sich aus seiner Sicht eine Volkspartei rechtfertigen muss, die diesen Anspruch erhebt, hält er dann für erreichbar, wenn sich die Bundes-SPD bei Werten über 30 Prozent festigt. In Schleswig-Holstein könne die SPD dann mit fünf Prozent darüber liegen, glaubt er. Dank der jüngsten Umfrage sieht er seine Partei auf dem Weg dahin - sie erreichte darin 32 Prozent und lag damit praktisch gleichauf mit der CDU.

Sein schönstes Erfolgserlebnis im bisherigen Wahlkampf war nach eigener Aussage ein Sechstklässler, der ihm beim Besuch einer Schule entgegen rief: "Oh, da kommt der Albig!" Der erklärt sich das Ereignis auf spezifische Weise. "Mein Gesicht ist eben frisurtechnisch besser zu erkennen als bei anderen Politikern." Wie gesagt: Torsten ohne H(aar).