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Legale Vaterschaftstests: Das Ende der Zweifel

Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden: Der legale Vaterschaftstest soll erleichtert werden. Dieter Lambert suchte heimlich Gewissheit - seine Familie wäre fast daran zerbrochen

Von Verena Lugert

Es war, als würde auf einmal alles auf dem Kopf stehen. Als sei nichts mehr real, nichts mehr gewiss", sagt Dieter Lambert×. Er sitzt neben dem Kachelofen seines alten Hauses auf dem Land in Bayern. Feste Mauern hat das Haus, seit Generationen ist das Anwesen im Besitz der Familie. Ein Bach gluckert am Grundstück vorbei, der Garten geht über in Felder, die sich bis zum Horizont erstrecken. Eine Staffelei steht im Wohnzimmer, im Wintergarten wächst ein Zitronenbäumchen. Dieter Lambert ist Ende 50, ein feinsinniger Mann mit silbernen Schläfen. Dorothee ist Studentin, 21, hübsch, offen und fröhlich - und seine Tochter. Und doch wieder nicht. Lambert, praktizierender Arzt, ist tief verwurzelt in dieser Gegend, er kommt von hier, einem Dorf mit Schloss und ehrwürdigen Fachwerkhäusern. Er engagiert sich als Gemeinderat, ist im Tennisverein, in der Kirche aktiv, singt im Chor. Und da ist Anni, seine Frau: Löwenmähne, schwarze Kleidung, Stiefel, die Chefin im Haus. Sehr selbstbewusst. Sie ist Ende 40 und hat das Leben im Griff. Eine perfekte Familie, so scheint es. Kaum jemand ahnt, welchen Erschütterungen sie ausgesetzt war und ist.

In der vergangenen Woche bestätigte das Bundesverfassungsgericht, dass heimliche Vaterschaftstests vor Gericht nicht als Beweismittel anerkannt werden dürfen. Zugleich aber entschied das Gericht, dass Väter es künftig leichter haben sollten, sich eine offizielle Test-Erlaubnis zu erstreiten. Ein Urteil mit weitreichenden Folgen, es berührt eine grundsätzliche Frage zwischen Eltern: Gibt es ein Recht auf Gewissheit? Und was bringt sie? Die Lamberts haben sie schon lange.

Kind als Mittel im Kampf gegen die Einsamkeit

1982 heiratete das Paar. Anni verfolgte eine steile Karriere in der Textilbranche und ging kurz nach der Hochzeit ins Ausland, Polen erst, Ungarn, Jugoslawien, in die damalige Tschechoslowakei. Wie am Schnürchen lief es bei den Lamberts, bald bauten sie das väterliche Anwesen um und aus, schmiedeten Pläne, waren aktiv, waren glücklich - und sehr oft getrennt. Der Sex - er fand kaum noch statt, wie Dieter Lambert sich seufzend erinnert.
"Ich habe mir immer ein Kind gewünscht", sagt er. "Vielleicht auch, weil die Anni immer weg war", erklärt er dann leiser. "Ich dachte, ich wäre dann nicht mehr so allein, ich hätte ein Stück von der Anni und mir in dem Kind vereint." Doch Anni wurde nicht schwanger, stattdessen blieb sie mitunter ein halbes Jahr im Ausland, mit kurzen Heimatbesuchen. Ihre Karriere schnurrte wie ein Motor. Das Paar nahm sich eine Auszeit: mit dem Rucksack von Bangkok aus durch Malaysia nach Singapur, dann durch Bali mit dem Motorrad. Verliebt malen sich beide aus, wie es wäre, ein Kind zu adoptieren, sie stellen sich sogar bei der deutschen Botschaft in Bangkok an, um die Bedingungen zu erfragen. Wieder zu Haus, muss Anni nach Prag. Pendelt hin, pendelt her, sie haben Sex in der Zeit, nur einmal, aber immerhin. Und dann eröffnet Anni Dieter im Sommer: Sie ist schwanger! Dieter kann sein Glück kaum fassen.

Bis ihn auf einmal ein Zweifel beißt, schmerzhaft und gallig. Das Kind sei doch von ihm?, fragt er, und schon tut ihm die Frage leid. "Natürlich!", sagt Anni, nie habe sie mit einem anderen etwas gehabt. Der Zweifel zieht sich zurück, die Freude gewinnt. Auch Anni ist ausgeglichen und froh. Sie genießen die Schwangerschaft, oft bettet Dieter den Kopf auf dem sich wölbenden Bauch seiner Frau, will dem Herzschlag seines Wunschkindes lauschen. Er will bei der Geburt dabei sein, alles ist geplant, doch es wird ein Kaiserschnitt. Endlich darf er sie in seinen Armen halten, seine Tochter. Dorothee soll sie heißen, Gottesgeschenk. Die Eltern sind rückhaltlos glücklich. "Dorothee war das schönste Geschenk meines Lebens", sagt der Vater. Und es scheint, als würde das Glück sich dauerhaft in Annis und Dieters Ehe niederlassen. Anni bleibt im Lande, lange, sie stillt. Dorothee ist entzückend und pflegeleicht. Sie schreit nicht, sie gluckst nur. Kurz nach der Geburt reist die Familie nach Italien, nichts ist schwierig, alles ist leicht. "Es war eine so schöne Zeit", sagt Dieter, in seinen Augen sind Tränen.

Doch die Wirklichkeit klopft an, Anni muss wieder fort und will es auch, Griechenland, Lissabon, Marrakesch. Wie ein Pendel schwingt sie sich in die Weite, um nach ein paar Wochen wieder heimzukehren ins Dorf, in das friedliche Nest ihrer kleinen Familie. Dorothee lernt laufen. Lernt sprechen. Anni schwingt weiter aus: Asien. Dorothee geht zur Schule, lernt lesen, lernt schreiben, ihr Vater ist vernarrt in sie. Er organisiert seine Arbeit und das Kind, es ist nicht schwer. Es gibt eine Kinderfrau, außerdem wohnen beide Großeltern im Ort. Dorothee wächst heran, ihr Alltag ist das Dorfidyll, in den Ferien geht es zur Mutter hinaus in die Welt. Nach Hongkong. Nach China. Nach Indien. Spannend ist das Ausland für Dorothee - und spannungsreich die Zeit, wenn die Mutter daheim ist. "Die Mama war an ihre Rolle als Chefin gewöhnt, und Chefin wollte sie auch bei uns sein", sagt Dorothee, die bei der Erzählung ihres Vaters ruhig dabei sitzt und einen Apfel schält. "Bei uns", sagt sie und meint die verschworene kleine Hausgemeinschaft aus ihrem Vater und sich. "Ich habe mich mit der Mama nicht gut verstanden", erklärt sie.

Kampf zwischen Gefühl und Verstand

Die Jahre ziehen ins Land, Dorothee wird 14, wird 16, Anni hat ihre 90-Stunden-Wochen in Asien, Dieter ist allein zu Haus. Da meldet sich, diesmal wohlbekannt, wieder der Zweifel. Beißt sich diesmal fest. In seinem Kopf hämmert es: Was wäre, wenn...? Doch der Zweifel erstickt in Schuldgefühlen, wenn Dieter bemerkt, wie er versucht, seine Tochter zu mustern. Was aber wäre, sagt eine andere, lautere Stimme, wenn er die Zweifel abschalten könnte? Indem er Klarheit hätte - und alles wäre gut, wäre so, wie es sein sollte, wie es auch stimmig wäre, für diese Harmonie zwischen Vater und Tochter. Eine Beruhigung, wissenschaftlich belegt. Damit das Gegrübel ein Ende hätte. Außerdem: "Ich wusste, dass ich die Dorothee nicht mehr verlieren kann", sagt er.

Mehrere Abende verbringt er damals im Internet, bald hat er ein Institut in Wiesbaden gefunden, vertrauenswürdig, 417,60 Euro, nicht viel Geld für die Klärung einer Lebensfrage. Bald hat er die Unterlagen, ein Röhrchen und einen Wattebausch. Er schickt Proben von ihm und seiner Tochter - seiner Tochter? - nach Wiesbaden. Dorothee steht jetzt auf, verlässt den Tisch, geht ans Telefon. Eine Freundin. Hat Karten für den Faschingsball und will, dass man sie abholt. Dorothee nimmt den Autoschlüssel, seufzt und fährt.

Dieter sitzt zusammengesunken, draußen ist es ist dunkel geworden. Er erinnert sich an den Tag vor fünf Jahren, als das Kuvert in seinem Briefkasten lag. Er kam aus der Praxis, Dorothee war beim Sport und Anni in Hongkong. Erst hat er es weggelegt. Dann aufgemacht. Dann lag der Brief lange gefaltet auf seinem Schoß. Dann hat er sich ein Herz gefasst und das Blatt zu lesen begonnen. Doch vor Dieters Augen tanzten Buchstaben in einer Tabelle, Begriffe, Zahlen, eine ganz Seite voll. Dieter verstand nicht, und das Blut rauschte ihm in den Ohren. Doch schließlich las er den Satz, den einzigen Satz auf dem Papier, ganz unten, am Blattrand: "In fünf von 15 Genorten gibt es keine Allele zwischen Putativ-Vater und Tochter. Eine Vaterschaft ist daher offensichtlich unmöglich." Dieter versteinert, steht wie unter Schock. Auch jetzt noch, als er davon erzählt, schimmern seine Augen feucht. Er bespricht sich mit Freunden. Ruft Anni an, die gerade in China ist, erreicht sie am Gate eines Flughafens, sie will sich erklären. Beide mailen wild hin und her.

Die Mutter will ihr Gründe für den Seitensprung nicht nennen

Dorothee kommt wieder herein, setzt sich an den Tisch. Wie es ihr ging, damals, mit 16 Jahren? "Ich war stinkwütend. Und habe wahnsinnig geweint. Aber als der Papa gesagt hat, dass ich seine Tochter bleibe, unverändert, ging es mir besser. Ich habe dann die Mama angerufen, in Hongkong. Habe sie wüst beschimpft." Anni und Dieter treffen sich in Sri Lanka. Versuchen zu klären. In Prag muss es passiert sein, ein tschechischer Designer, der inzwischen in Deutschland lebt. Auch Anni wusste nie, von wem das Kind war. Von ihrem Mann? Von dem Tschechen? Sie hatte gebangt, gehofft - und dann verdrängt, so viele Jahre. Anni kommt nach Deutschland zurück, es war ihr letztes Jahr in Asien. "Ich hatte wirklich Angst, meine Tochter zu verlieren", sagt sie. Sie macht mit Dieter eine Paartherapie, sie entscheiden sich gegen eine Trennung. Dorothee lehnt Anni anfangs ab, "aber jetzt habe ich mich an sie gewöhnt", sagt sie. "Gewöhnt!", wiederholt die Mutter. Man merkt, dass sie es leid ist, an diesem Tisch, an dem wohl schon viele Tränen geflossen sind, viel beschuldigt und erklärt worden ist, immer die sein zu müssen, die den Schwarzen Peter hat. "Ich hatte auch meine Gründe für das, was passiert ist", sagt sie. Welche? "Das will ich nicht sagen, es würde den Dieter verletzen."

Dorothee lernt ihren leiblichen Vater kennen, schaltet auf stur. "Ich war ein Horror-Teenager, habe ihn angeschwiegen." Als der jedoch Vater eines kleinen Mädchens wird, ist Dorothee wie ausgewechselt: Sie ist verrückt nach ihrer kleinen Halbschwester. "Ich habe mir ja immer Geschwister gewünscht." Wie die Lamberts den Test heute bewerten? "Es war richtig. Ein Kind muss wissen, von wem es abstammt", sagt Dieter. "Schon, irgendwie", sagt Dorothee. "Die Erkenntnis tat weh, doch sie hat etwas geklärt", fügt Dieter hinzu. Wie finden sie das Urteil? "Gerecht", sagt Anni. Und Dieter erregt sich: "Alles andere wäre ein Skandal gewesen. Männerverachtend!" Auch Dorothee findet es richtig, "aber mir kann es egal sein, weil ich so was" - sie blitzt die Mutter an - "nie tun würde". Mutter, Vater und Tochter sitzen vor dem knisternden Kachelofen. Sie brechen gleich auf, zum Faschingsball. Groß verkleiden wollen sie sich nicht.

× Alle Namen von der Redaktion geändert

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