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Lothar Bisky stirbt im Alter von 71 Jahren Überzeugungstäter im besten Sinne


Lothar Bisky hat die PDS und die Linke geprägt wie kaum ein anderer. Mit seiner Sturheit, seinem Pragmatismus und seiner Leidensfähigkeit. Jetzt ist er im Alter von 71 Jahren gestorben.
Von Andreas Hoidn-Borchers

Nein, Lothar Bisky war nicht in der falschen Partei, auch wenn man sich jedes Mal, wenn man auf ihn traf und mit ihm sprach, doch darüber wundern musste, wie es dieser stille Mann mit dem weiten geistigen Horizont und seinem Sinn für feine Ironie in dieser Linken (oder wie immer sie in den vergangenen 23 Jahre gerade hieß) aushalten konnte. Mehr noch: Wie er es ertrug, deren Chef zu sein. Wahrscheinlich hat es in der Geschichte der Bundesrepublik keinen Vorsitzenden gegeben, der so sehr unter seiner Partei und den darin versammelten Genossen gelitten hat wie Bisky – an Hader, Zwietracht, dem gerne ausartenden Richtungsstreit und der unbändigen Lust am Intriganten. Und der sich, nachdem er den Job einigermaßen zermürbt nach sieben Jahren aufgegeben hatte, überreden ließ, sich den Tort noch einmal sieben Jahre anzutun, zuletzt, bis 2010, als Co-Vorsitzender von Oskar Lafontaine.

Es gibt nicht wenige, die glauben, ohne die Duldsamkeit, das ausgleichende Wesen, aber auch die eselsgleiche Sturheit von Lothar Bisky gäbe es die Linke heute nicht, nicht mehr oder nur als sektiererhafte Splitterpartei.

Aber man sollte sich nicht täuschen: Bisky war, im besten Sinne, ein Überzeugungstäter. Er galt als Pragmatiker und Reformer und hat sich innerlich geschüttelt vor manchen radikalen Anfällen des linken Parteiflügels. Trotzdem: Er hat sich immer als Marxist begriffen, ein Wechsel zu den Sozialdemokraten etwa, wo ihn manche besser aufgehoben gefunden hätten, wäre für ihn nie infrage gekommen. Der Mann mit dem brummigen Bass und den Balu-haften Bewegungen, der sich selbst als "in der Politik vagabundierenden Wissenschaftler" charakterisierte, stand zu seiner Vergangenheit, anders als manche seiner Genossen.

Als 18-Jähriger rübergemacht von West nach Ost

Ja, er hatte rübergemacht, gegen den großen Strom. 1959, als 18-Jähriger floh Lothar Bisky eher aus finanziellen denn rein ideologischen Gründen aus dem Westen und ging in die DDR, weil er dort, anders als in Schleswig-Holstein, wohin es seine aus Pommern stammende Familie nach dem Krieg verschlagen hatte, das Abitur machen und Kulturwissenschaften studieren konnte. Ja, er war schon 1963 in die SED eingetreten. Und ja, er galt später als "zuverlässiger Genosse", der in den Westen reisen durfte und der nach Rückkehr auch ordnungsgemäß Bericht erstattete. Nur dass er, wie Aktenauszüge nahelegen, als "IM Bienert" der Stasi gedient haben soll, das hat Bisky immer von sich gewiesen.

Es mag einzelne Ausnahmen geben, aber seine Studenten an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam, deren Rektor er von 1986 bis 1990 war, haben kein böses Wort über ihn verloren. Bisky verhalf ihnen zu größtmöglicher künstlerischer Freiheit und setzte 1989 durch, dass bei den groß angelegt gefälschten Kommunalwahlen die Studenten ihre Stimmen geheim in Wahlkabinen abgeben durften. Das Ergebnis war entsprechend ernüchternd für die SED – die Bisky dann nur ein knappes Jahr später in die PDS hinüberretten half. Sein Wirken hatte manchmal etwas konsequent Zwiespältiges.

Vermutlich hat Bisky danach zum Überleben der PDS mehr beigetragen als der Show-Mann Gregor Gysi, in dessen Schatten er immer stand (und das vermutlich sogar ganz gerne) und für den er lange Zeit die ungeliebte Drecksarbeit in der Partei erledigte: Er glich aus, wo es fast nichts mehr auszugleichen gab. Er hielt den Kopf hin, wo andere ihn einzogen. Er klagte selten laut. Nur einmal brach es aus ihm heraus: Er sei nicht die "finale Mülltonne" seiner Partei.

Er hätte eine bessere Partei verdient gehabt

Irgendwie arrangierte er sich am Ende sogar mit Oskar Lafontaine. Er hätte wohl auch das Amt gut ausgefüllt, das er 2005 gerne gehabt hätte: Vizepräsident des Bundestages. Aber die Parlamentsmehrheit ließ ihn, entgegen den üblichen Gepflogenheiten, in vier (!) Wahlgängen durchfallen. Das hat Lothar Bisky nie verwunden. Er hatte es auch nicht verdient.

Jetzt ist er gestorben, nur 71 Jahre alt. Martin Schulz, der SPD-Präsident des Europaparlaments, in dem Bisky seine politische Karriere ausklingen lassen wollte, rühmt ihn heute einen "menschlich großartigen Kollegen"; sein Tod sei ein schwerer Verlust für die pragmatische Linke.

Nein, Lothar Bisky war nicht in der falschen Partei. Es war zuweilen wohl nur die falsche Partei für ihn. Er hätte eine bessere verdient gehabt.


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