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Martin Schulz im stern "Ich hätte durchziehen müssen"

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz
 1 Als Jugendlicher träumt Martin Schulz von einer Karriere als Profi-Fußballer. Bei seinem Heimatverein Rhenania 05 Würselen ist er Kapitän, mit der B-Jugend wird er deutscher Vizemeister. Doch mit 20 Jahren macht ihn eine Meniskus-Verletzung zum Sportinvaliden.
   
2 Der SPD-Kanzlerkandidat ist ein Sprachtalent. Neben Deutsch und Englisch spricht er fließend Italienisch, Spanisch, Französisch und Niederländisch – Schulz wuchs nahe der deutsch-holländischen Grenze auf. Zu guter Letzt beherrscht er auch noch „Wöschelter Platt“, den Dialekt seiner Heimatstadt.  
 
3 Als Schulz 1994 erstmals ins EU-Parament gewählt wird, leidet er unter extremer Flugangst. Tochter Lina, damals noch ein Kind, schenkt ihm daraufhin ein Happy Hippo aus dem Überraschungsei. Als Talisman trägt er es bis heute gern im Sakko mit sich.
 
4 Mit 31 Jahren wird der SPD-Mann Schulz Bürgermeister von Würselen, der jüngste Nordrhein-Westfalens. Auch seine Mutter war schon politisch aktiv. Sie gründet in Würselen den CDU-Ortsverein.
 
5 Schulz behauptet zwar von sich, nicht besonders religiös zu sein. Ein Treffen mit Papst Franziskus beeindruckt ihn 2014 aber so sehr, dass er ihn ins EU-Parlament einlädt. Dort hält dann Franziskus nur Monate später eine viel beachtet Rede.
 
6 Als sein Traum von der Fußball-Karriere platz, verfällt Schulz mit Anfang 20 dem Alkohol. Er verliert den Job, seine Freundin, und es droht ihm sogar die Zwangsräumung. In einer Sommernacht 1980 denkt er an Selbstmord, sein Bruder Erwin kann ihn am Telefon aber zu einem Entzug überreden. Seitdem trinkt Schulz keinen Alkohol mehr.
 
7 Bis Ende 2015 besitzt der Präsident des EU-Parlaments nur ein Uralt-Telefon von Nokia. Das 15 Jahre alte Gerät hat für den Viel-Telefonierer unschlagbare Vorteile: Der Akku hält 36 Stunden - und laut Aussage von Technikern ist es so alt, dass nicht abgehört werden kann.
 
8 Nachdem Schulz in der elften Klasse zweimal sitzen bleibt und die Schule verlassen muss, verschafft der Direktor ihm eine Lehre als Buchhändler. 1982 eröffnet Schulz in Würselen einen Buchladen, den es noch heute gibt. Allerdings hat ihn inzwischen ein ehemaliger Lehrling übernommen.
 
9 Seine Frau Inge arbeitet als Landschafts-Architektin. Das Paar lernte sich kennen, als Schulz die gebürtige Polin als Expertin für eine Umwelt-Initiativ in seinem Wahlkreis engagierte. Inzwischen sind beide über 30 Jahren verheiratet und haben zwei Kinder.
 
10 Schulz geht nie ohne seinen schwarzen Kalender für das jeweilige Jahr auf Reisen. Der wichtigster Grund: Darin schreibt er seit 1982 jede Nacht mit eiserner Disziplin Tagebuch -immer per Hand genau eine Seite. Bei ihm zu Hause stehen inzwischen 35 Bände im Regal – für jedes Jahr einer.
    
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Kurz vor dem SPD-Parteitag gibt sich Kanzlerkandidat Martin Schulz im großen stern-Gespräch kämpferisch. Er räumt eigene Fehler ein, kritisiert Merkels "Schlafmützenpolitik" und sagt, Kohl wäre ein würdiger Friedensnobelpreisträger gewesen.

Der verstorbene Altkanzler Helmut Kohl hätte nach Ansicht des SPD-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten Martin Schulz den Friedensnobelpreis verdient gehabt. "Er wäre ganz sicher ein würdiger Preisträger gewesen", sagte Schulz im Interview mit dem stern. Als junger Mensch habe er in dem CDU-Politiker nur den politischen Gegner gesehen, so Schulz. "Je älter ich wurde, desto mehr begriff ich, was für ein großer Mann das war." Schulz würdigte Kohl ausdrücklich noch einmal als "Jahrhundertgestalt".

Der frühere Präsident des Europaparlaments ist wie Kohl Träger des Karls-Preises. Er wollte sich zwar nicht direkt als europäischen Erben Kohls bezeichnen. Schulz sagte aber: "Kohl wollte ein europäisiertes Deutschland, kein deutsches Europa. In dieser Tradition sehe ich mich." Mit einem Seitenhieb auf die Euro-Rettungspolitik von Merkel und Finanzminister Schäuble fügte er hinzu: "Niemals hätte er einem kleinen Mitglied wie Griechenland Lektionen erteilt."

Martin Schulz im stern: "Ich hätte durchziehen müssen"

Martin Schulz: "Ich bin leidenschaftlich, ich bin echt. Kein Sprechautomat"

Kurz vor dem Parteitag am Sonntag, auf dem die SPD in Dortmund ihr Wahlprogramm verabschieden will, räumte Schulz ein, dass ihm der anfängliche Hype um seine Person unangenehm war. "Ich habe mich damit nicht wohlgefühlt. Manches war mir peinlich", sagte Schulz dem stern. Unter anderem war der frisch gekürte Kandidat als "Gottkanzler" oder "geile Sau" gefeiert worden. Es sei aber ein Fehler gewesen, sich deswegen zurückzunehmen. Danach sei er weniger sichtbar gewesen. "Ich hätte durchziehen müssen", so Schulz wörtlich.

Vehement verteidigte Schulz dagegen seine Entscheidung, nicht als Außenminister in Angela Merkels Kabinett einzutreten. "Ich kann ihr nicht vormittags dienen und nachmittags über die Dörfer ziehen und sagen, die Kanzlerin muss weg. Nee, nicht mein Ding. Da bin ich für Ehrlichkeit", sagte der SPD-Chef dem stern. "Die Wahl wird nicht im Weißen Haus entschieden", fügte er hinzu. "Merkel verwaltet das Land nur, mehr nicht." Das sei "Schlafmützenpolitik". Wie in Frankreich gebe es auch in Deutschland "diese Sehnsucht nach authentischen, glaubwürdigen Politikern", so Schulz weiter. "Ich glaube, dass ich so einer bin. Ich bin leidenschaftlich, ich bin echt. Kein Sprechautomat."

Die Lage der SPD nach den verlorenen Landtagswahlen beschrieb Schulz gegenüber dem stern so: "Wir sind immer noch in stürmischer See, aber nicht leckgeschlagen. Am Horizont lichten sich die Wolken." Die ersten Monate seiner Kampagne hätten gezeigt, "dass es für die SPD möglich ist, mehr als 30 Prozent zu erreichen". Schulz weiter: "Ich sage den Satz immer noch ganz selbstbewusst: Ich will Bundeskanzler werden. Lächeln Sie nur. Ich kämpfe."

Das komplette Interview mit Martin Schulz lesen Sie im neuen stern:


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