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Michael Naumann: Der Hamburger Michael

Der Segler Naumann ist Kulturgeist, Weltbürger - und Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit". Als Bürgermeisterkandidat soll er nun 2008 die Hansestadt für die SPD zurückerobern. Ein waghalsiges Manöver.

Von Ulrike Posche

Er hatte eigentlich damit aufhören wollen. Schluss, aus und vorbei. Er hatte es sich und seiner Frau ganz fest versprochen. Aber nun sitzt der Staatsminister a. D. und Dr. phil. habil. Michael Naumann doch wieder mit der Fluppe an seinem riesigen Esstisch. Und wenn eine aus ist, springt er los wie ein WG-Student und macht sich gleich die nächste am Gasherd an. Aus seinem iPod richtet ein Jazz-Stück "Cynthias in Love" die schöne Küchenruhe am Samstagvormittag hin. 220 Mails, dauernd simst jemand sein Blackberry an. Er muss einfach rauchen in dieser Situation. "Aber Michael, du wolltest doch ...", mahnt seine Frau. Sie war früher einmal Internistin, da ist es schwer, einem Kettenraucher zuzusehen. "Ich weiß, ich weiß, Marie ...", sagt Naumann mit gespieltem Flehen im Blick, "nur heute noch, nur diese Packung."

Erst die Ehefrau gefragt

Nichtraucher werden wollen, das war gestern. Jetzt ist alles anders. Jetzt will er Bürgermeister von Hamburg werden. Mit dem ersten Sonnenstrahl des Frühlings nämlich war der 65-jährige Naumann in der vergangenen Woche als Spitzenkandidat so aus dem hanseatischen SPD-Sumpf geploppt wie ein besonders anmutiger Krokus aus den Alsterwiesen. Natürlich hat sich der Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit" geschmeichelt gefühlt, als der Anruf kam. Sitzt da im ehemaligen Redaktionsbüro der Gräfin Dönhoff, liest, was die Kollegen für die nächste Ausgabe geschrieben haben, und plötzlich fragt SPD-Mann Olaf Scholz am Telefon: Kannst du dir das vorstellen, Bürgermeister? Hamburg, Hafen, Heidi Kabel. Der Michel. Vor Michaels geistigem Auge erschien die Riege der Ehemaligen: Nevermann, Weichmann, Klose, Voscherau und von Dohnanyi. Hamburgs Bürgermeister - allesamt wie von Thomas Mann erfunden. Naumann packte schnell seine Sachen. Das musste er mit seiner Frau besprechen!

Wenig später pötterte er mit dem Citroën 15 CV, Baujahr 1954, über die Elbchaussee, wo er unter der Woche im äußersten Westen beim Schwager zur Miete wohnt. "Herrje, was für Schlaglöcher", habe er während der Fahrt geflucht, "das muss geändert werden!" Dann blickte er links auf die Airbus-Werke. "Sauerei", dachte er weiter, "die White-Collar-Leute betreiben das Missmanagement, und die Blaumänner sollen es ausbaden - nicht mit mir!" Rechts tauchte nun die Rudolf-Steiner-Schule auf. Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie man die Bildung in Hamburg verbessern könnte. Sein Sohn Felix, 35, ging in dieser Stadt zur Schule und ist heute Informatikprofessor in Potsdam. So was gibt es! Schlaglöcher, Arbeitslose, Schulen und Schulden. Gut, das sind komplett andere als die Theaterthemen, die er früher als Politiker bediente.

Veränderung beginnt im Kleinen

"All politics is local", sagt Naumann. Die amerikanischen Präsidenten sagen das zwar auch, aber bei Naumann klingt es wie eine Selbstbeschwörung. "All politics is local" heißt, Veränderungen müssen im Kleinen beginnen. In Poppenbüttel, in Barmbek und Steilshoop. Das klingt hart. Andererseits: Warum sollte er sein Leben nicht wenigstens für eine Weile auch für das Tor zur Welt öffnen? Warum soll er seiner Partei nicht aus der politisch prekären Situation helfen? Bei der "Zeit" hatte er stets dafür plädiert, dass die Besten der Gesellschaft in der Politik Verantwortung übernehmen müssten. Und Marie hat ohnehin gleich Ja gesagt.

Während des Studiums in München waren sie damals kurz ein Paar. Dann aber ging die Tochter des Hamburger Bankiers Eric M. Warburg nach New York zurück, wo sie in der Exilzeit der jüdischen Familie geboren worden war, studierte Medizin, heiratete einen Arzt und bekam zwei Töchter. Irgendwann haben sich Mike und Marie wiedergetroffen und pendelten fortan zwischen der amerikanischen Ostküste, wo sie lebte, Hamburg, wo er lebte, und Berlin, wo er beim RBB eine Talkshow moderiert und sie sich für das Jüdische Museum engagiert.

Gerade waren die letzten Container ausgepackt

Als sie 2005 am Strand der US-Hamptons heirateten, berichtete die Lokalzeitung "Martha's Vineyard Times" darüber auf ihrer Hochzeitsseite. Im vergangenen Herbst legte das Paar alle Wohnungen zu einer gemeinsamen in Berlin zusammen. Gerade waren die letzten Container ausgepackt. Nun also Hamburg - was für eine Koinzidenz! Kurz nach dem Krieg gründeten Marie Warburgs zurückgekehrter Vater Eric und Naumanns Verlegerin Marion Gräfin Dönhoff dort den Verein "Atlantik-Brücke". Auch die Dönhoff war nicht mit Elbwasser getauft und hatte dennoch manches für die Stadt geleistet. "Mike, besinnen Sie sich auf die großen sozialdemokratischen Bürgermeister in dieser Stadt", hatte Altkanzler Helmut Schmidt ihm geschrieben, kaum dass die Nachricht raus war, "auch der Weimarer Zeit!" Mike und Sie, so duzt man sich auf den Fluren der "Zeit". Der 88-jährige Herausgeber Schmidt sitzt dort wenige Türen vom Kandidaten entfernt.

Auf einmal erinnerte sich Naumann auch wieder, wie er 1953 als elfjähriges Kind aus der Villa des Großvaters im Sachsen-Anhaltinischen Köthen in das Auffanglager von Hamburg-Wentorf kam. Er war das jüngste von vier Geschwisterkindern. Seine Mutter, eine Offizierstochter, musste den Flügel und die Klingel für das Personal im Osten lassen. Sie war nun Kriegerwitwe, eine von Tausenden. Der Ehemann in Stalingrad gefallen, die jüdische Verwandtschaft bereits im Krieg nach Amerika emigriert. Im zerstörten Köln bezog die Familie fürs Erste eine Ruine am Rheinufer. "Die Erfahrung eines solchen Absturzes hat mich geprägt", sagt Naumann, der aus der Kartei erblühte Soze, "ich weiß, wie es ist, plötzlich arm zu sein."

"Mach das!"

An der Elbe entlang fahrend dachte er noch einmal wehmütig an sein Boot, das in Maine vor Anker liegt, an die Segeltörns. "Ich neige zwar zu riskanten Wendemanövern", machte sich Michael Naumann Mut, "aber gekentert bin ich noch nie!" Kurz gesagt, als Naumann an diesem Abend endlich zu Hause angekommen war, hatten Herz und Bauch ihm längst befohlen: "Mach das!" Gegen Mitternacht gab Olaf Scholz durch, die Partei wolle mit ihm Seit' an Seit' schreiten, und so sagte er zu.

Was blieb den Hamburger Genossen auch anderes übrig? Den ursprünglichen Kandidaten für die Wahl im Frühjahr 2008 hatten sie erfolgreich wegintrigiert. Dann hatte Henning Voscherau, der es gegen den absolut regierenden CDU-Bürgermeister Ole von Beust vielleicht hätte reißen können, als Kandidat abgesagt. "Einer musste es doch machen", findet Naumann. Das kommende Jahr, so planen die Strategen in Berlin, soll das Jahr der SPD-Comebacks werden. Die Länder Hessen, Bayern, Niedersachsen sind uneinnehmbar. Aber das hoch verschuldete Hamburg muss zurückerobert werden; die Stadt, die von jeher eine rote Hochburg gewesen war.

Filz und Tradition

So lange jedenfalls, bis Ole von Beust (CDU) und Ronald Schill von der Rechtspartei im Jahr 2001 kamen und den Filz, aber auch die Tradition jenes hanseatischen Sozialdemokratentums beendeten, das über Jahrzehnte graumelierte Politherren hervorgebracht hatte, mit Arroganz und Haltung, die sowohl von Hafenarbeitern auf der Veddel wie auch von den Herrschaften hinter Blankeneser Hecken wählbar waren. Dohnanyi übrigens hat später eine Lyrikerin geheiratet.

Freiherr von Beust dagegen, das ist ja bekannt, trägt die Haare auch mit 51 noch ungewöhnlich blond. Und verheiratet ist er allenfalls mit der "Bild". Das Massenblatt begleitet nicht nur seine Klönschnacks mit älteren Mitbürgerinnen mit großer Wärme, sondern auch die Jubelausbrüche bei der WM, die einsamen Strandspaziergänge auf der Insel Sylt. Wer gegen Ole von Beust gewinnen will, muss deshalb auch gegen den Springer Verlag antreten. "Soll sich keiner täuschen", sagt Feingeist Naumann. Seine Haare sind edel verwittert, er kann arrogant sein. Staatsmann und Kulturattaché sind Rollen, die er beherrscht. Nur als Parteiarbeiter ist Naumann bislang nicht aufgefallen. "Das muss ich jetzt wohl noch lernen", sagt er. Er habe gute Freunde in der Wirtschaft, lässt er am Küchentisch durchblicken, und manchen davon fürs Schattenkabinett bereits im Kopf.

Vor Wochen noch hatte Michael Naumann einen Artikel über die Gedanken geschrieben, die einem kommen, wenn man mit 65 auf einmal Rentner sein soll. Und noch davor hatte er Bücher ausrangiert, Ballast abgeworfen, und darüber geschrieben. "Mike hat den Rentnerblues", unkelten die Freunde. Rentnerblues? Wo sind die Zigaretten? Es geht doch gerade erst richtig los!

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