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Montagsdemonstrationen: Ein Symbol gerät zwischen die Fronten

Montag für Montag gehen derzeit tausende Ostdeutsche auf die Straße und rufen "Wir sind das Volk". Nicht alle Bürger zeigen Verständnis für das Auflehnen gegen den Sozialabbau unter dem historischen Etikett "Montagsdemonstration".

Das Symbol für eine friedliche Revolution gerät zwischen die Fronten. Im Herbst 1989 leiteten die Montagsdemonstrationen die politische Wende in der DDR ein. Jetzt sollen sie wieder Ausdruck der Unzufriedenheit sein und machtvoll den Unmut zu der Arbeitsmarktreform Hartz IV bekunden. Was für die Organisatoren logische Weiterentwicklung der früheren Idee ist, erhitzt nicht nur das Gemüt von Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD). Auch Schriftsteller Erich Loest aus Leipzig schimpft: "Das ist nahezu Blasphemie."

Als Beginn der ursprünglichen Montagsdemonstrationen vor 15 Jahren gilt der 4. September 1989, als sich rund 1.000 Menschen nach dem traditionellen Friedensgebet in der Leipziger Nicolaikirche auf dem Kirchenvorplatz versammelten und forderten "Stasi raus" sowie "Reisefreiheit statt Massenflucht". Rund vier Monate zuvor, am 7. Mai, hatten Kommunalwahlen stattgefunden. Egon Krenz verlas am Abend: "Wahlbeteiligung 98,7 Prozent, Stimmen für die Parteien der Einheitsliste 98,8 Prozent." Diese offenkundige Wahlfälschung wurde in der Bevölkerung heiß diskutiert.

Loch im Eisernen Vorhang

Fast zeitgleich begann Ungarn damit, ein Loch in den Eisernen Vorhang zu schneiden. Möglich wurde das durch Michail Gorbatschow und seine Reformen. Der neue UdSSR-Staatschef hatte auf die sowjetische Vorherrschaft über den Osten verzichtet und eine stärke Kooperation mit dem Westen angestrebt. Im Juli wurde mit den Füßen abgestimmt: Tausende DDR-Bürger verließen das Land über Ungarn nach Österreich oder flüchteten in die bundesdeutschen Botschaften in Prag und Budapest. Mit der Massenflucht wuchs auch die Oppositionsbewegung im Land. Die Teilnehmerzahlen an den Montagsdemos nahmen unübersehbar zu.

Am 7. Oktober feierte die DDR ihren 40. Jahrestag. Während eine große Parade der Nationalen Volksarmee in Berlin stattfand, trafen sich an diesem düsteren Herbstabend in zahlreichen Städten Tausende. Die Stimmung bei den Demos schwankte zwischen Angst und Hoffnung: Schlägt der Staat mit seinen so genannten bewaffneten Organen zu wie einst am 17. Juni 1953? Viele riefen "Wir bleiben hier" sowie "Gorbi hilf!" - und machten sich damit selbst auch Mut.

Tatsächlich wurden am 8. Oktober Gläubige, die die Gethsemanekirche in Berlin verlassen, von Volkspolizisten eingekesselt und verprügelt. Auch in Dresden kam es zu Zusammenstößen. Dennoch nahmen schon einen Tag später, am 9. Oktober, allein in Leipzig rund 70.000 Menschen an der inzwischen traditionellen Montagsdemonstration teil, am 16. Oktober waren es 120.000. Die Demonstranten zogen friedlich durch die Städte, bewaffnet allein mit brennenden Kerzen und "Wir sind das Volk!" skandierend. Maßgeblich für den friedlichen Verlauf war die besonnene Haltung der Demonstranten, zu der Prominente wie der Leipziger Gewandhauskapellmeister Kurt Masur aufgerufen hatten. Bis zum heutigen Tag sind die Bilder von damals ein Synonym für Mut und Selbstbewusstsein.

Mit Zivilcourage in die Freiheit

Mit Zivilcourage erkämpfen sie ihre Freiheit: Am 18. Oktober trat Erich Honecker als Staatsratsvorsitzender und SED-Generalsekretär zurück, was später als Zusammenbruch des SED-Regimes bewertet wird. Denn auch seinem Nachfolger Egon Krenz gelang es in der Folgezeit nicht, die Lage zu stabilisieren. So trat am 8. November das SED-Politbüro geschlossen zurück. Am Abend des 9. November wurde die Mauer geöffnet und damit der Weg zur Wiedervereinigung beider deutscher Staaten frei.

Auch das Demonstrationsrecht gehörte zu den Forderungen, die sich die 89-er Revolution auf die Fahnen geschrieben hatte. Heute können die Menschen auf die Straße gehen, ohne mit Übergriffen der Staatsmacht oder gar Verhaftungen rechnen zu müssen. Dennoch treibt heute viele Ostdeutsche erneut die Angst um - jetzt die Angst vor Armut infolge der Sozialreformen.

Diese überwiegend diffuse Angst, die sich in den Demonstrationen ausdrücke, verdiene durchaus Sympathie, sagte am Montag der evangelische Bischof von Magdeburg, Axel Noack. Auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse gehört zu jenen, die Verständnis für die neuen Montagsdemos zeigen. Schließlich hätten ostdeutsche mit friedlichem Massenprotest schon einmal gute Erfahrungen gemacht. Kritik kam hingegen von früheren Bürgerrechtlern, wie der heutigen CDU-Bundestagsabgeordneten Vera Lengsfeld. Sie meint, „dass das Erbe der Bürgerrechtler hier instrumentalisiert“ werde. Und der frühere Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck, nennt es „töricht und geschichtsvergessen“, wenn der Protest heute unter dem Titel Montagsdemo stattfinde. 1989 sei es um fundamentalen Widerstand gegen das DDR-Regime gegangen. Jetzt gehe es um Opposition in einem demokratischen System.

"Begriff erneut verwässert"

Loest, der die ängstliche Anspannung von 1989 in seinem Roman "Nikolaikirche" festgehalten hat, hält nichts von den jetzt geplanten Demonstrationen. "Kurz vor dem 15. Jahrestag der Montagsdemonstration wird der Begriff erneut verwässert", kritisiert er. Schon bei den Protesten gegen den Irak-Krieg seien sie "eine Plattform für plumpen Anti-Amerikanismus" gewesen. "Völlig falsch war es auch, für die Olympia-Bewerbung unter diesem Titel zu demonstrieren", sagt er. Im November 2003 waren rund 4000 Menschen für die Bewerbung auf die Straße gegangen.

Auch für Leipzigs Stadtsprecherin Kerstin Kirmes haben die Montagsdemonstrationen von 1989 einen besonderen Wert. "Es ging um Güter wie das Recht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit. Bei allem Verständnis für Sorgen und Ängste - der historische Begriff sollte nicht beliebig mit neuen Themen aufgefüllt werden", sagt sie. Winfried Helbig vom Aktionskreis "Leipziger Montagsdemo", der die Olympia-Aktion kritisiert hatte, sieht die aktuellen Proteste jedoch in Verbindung zu 1989: "Damals ging es auch um die Zukunft, um Proteste gegen die wirtschaftliche Situation."

Die Schlüsselfigur der Demonstrationen, Nikolaikirchen-Pfarrer Christian Führer, stößt zunehmend auf Unverständnis. Einst mit Auszeichnungen wie dem Bundesverdienstkreuz, der Theodor-Heuss- Medaille und dem Johann-Philipp-Palm-Preis für seinen Mut geehrt, sieht sich der 61-Jährige jetzt heftiger Kritik ausgesetzt.

Zwischen "Beleidigung" und "Schande"

Für Bundesminister Clement ist der Vergleich eine Zumutung und Beleidigung der historischen Montagsdemonstrationen. Grünen-Politiker wie der Vorsitzende Reinhard Bütikofer sprechen von einer "Schande" und reagieren mit Unverständnis. Für den Leipziger SPD-Bundestagsabgeordnete Rainer Fornahl ist der Vergleich zu 1989 zynisch und unangemessen,

Führer dagegen versteht sich als Vertreter des Volkes. Viele besorgte Leipziger hätten ihn angerufen und gefragt, ob Proteste organisiert würden. "Es herrscht eine große Unruhe und Unsicherheit", sagt er. Der Geistliche hält es nicht für ausgeschlossen, dass sich nun eine ähnliche Situation wie im Herbst 1989 entwickelt. "Wir beten und handeln weiter, wir denken nach vorn, wir sind nicht klein zu kriegen", sagt er.

Marion van der Kraats/DPA / DPA