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Nachruf auf Egon Bahr: Der Mann hinter Brandt

Henri Nannen hätte ihn gerne zum stern geholt - Egon Bahr entschied sich für eine politische Karriere an der Seite Willy Brandts. Er war der schnelle, kluge Vordenker des SPD-Kanzlers, von der Ostpolitik bis zur deutschen Einheit.

Nachruf auf Egon Bahr: Der Mann hinter Brandt

1979 in Hyeres, Frankreich: Egon Bahr und sein Bundeskanzler Willy Brandt

Letzte Begegnungen. hatte gerade wieder einmal bewiesen, warum er auch im hohen Alter so gerne eingeladen wurde zu Diskussionsrunden; er hatte schlagfertig, witzig, präzise Fragen zu , zur deutschen Einheit, aber auch zur aktuellen Politik beantwortet, weit schlagfertiger, witziger, präziser jedenfalls als gefühlte 99 Prozent der nachgeborenen Politikergenerationen es gekonnt hätten. Jetzt stand er an einem dieser Stehtische und rauchte erst einmal eine.

Ein Gespräch für das stern-Extra zum 100. Geburtstag von Willy Brandt? Aber gerne. Leider aber auch nicht ganz einfach. Bahr griff in sein Jackett und holte seinen Taschenkalender heraus, eines dieser alten, analogen Teile zum Auseinanderfalten mit winzigen Spalten für jeden Tag. Bahr klappte es auseinander. Die Spalten waren voll. Jede einzelne. Termin über Termin. Der Mann war, mit 91 Jahren, praktisch ausgebucht bis zum Dezember 2013 - und darüber hinaus.


Ein Mann im Unruhestand

Es fand sich dann doch eine Lücke. Man traf sich, wo sonst?, im Willy-Brandt-Haus. Dort besetzte Bahr immer noch ein schmuckloses Büro und beschäftigte eine Mitarbeiterin. Ein Mann im Unruhestand. Aber es war ja auch noch einmal seine Zeit, es waren noch einmal seine Themen. Willy Brandt 100, bald darauf sollte sich zum 25. Mal der Fall der Mauer jähren. Es war: sein Leben. Auch: sein Werk.


Man hatte nie den Eindruck, einem Greis gegenüber zu sitzen. Im Kopf war Egon Bahr bis zuletzt sehr jung geblieben. Blitzsauber formulierend, fast alle Daten und Fakten präzise im Kopf. Nur sitzen konnte er nicht mehr so gut, jedenfalls nicht längere Zeit. Aber das konnte er - im übertragenen Sinne - Zeit seines Lebens nicht. In diesem eher schmächtigen Körper steckte zu viel Energie. Als das Gespräch beendet war, grinste er, zog an der Zigarette und sagte: "Bis Ende des Jahre mache ich noch meine Termine und dann werde ich meinem zweiten großen Vorbild nacheifern und in aller Ruhe vertrotteln." Den Vorsatz konnte er, zum Glück, nicht einhalten. Noch im hohen Alter kurvte er mit seinem Auto durch Berlin, und zum Entsetzen seiner Mitfahrer nicht besonders gemütlich.


Brandt und Bahr: Aufstieg im Doppel

Welch ein pralles Leben: Gebürtiger Thüringer, Herzens-Berliner. Gelernter Industriekaufmann bei Borsig. Fahnenjunker-Unteroffizier im Zweiten Weltkrieg. Wegen "Einschleichens in die Wehrmacht" degradiert - er hatte seine jüdische Großmutter verschwiegen. Nach dem Krieg Karriere als Rundfunkjournalist. Pressesprecher und schnell engster Vertrauter des Berliner Bürgermeisters Willy Brandt. Aufstieg im Doppel: Wohin Brandt ging, Bahr folgte ihm. Ins Außenministerium, ins Kanzleramt. Bahr dachte vor, was Brandt, heiß umkämpft und heftigst angefeindet, politisch durchsetzte - und Bahr schließlich umsetzen ließ. Die neue Ost- und Entspannungspolitik, die Aussöhnung mit dem Osten, Moskauer, Warschauer und Grundlagenvertrag. Wandel durch Annäherung, das war Brandts Politik, aber Bahrs Formel.

Seine Beschränkung kannte er selbst. Er war keiner, dem die Herzen zuflogen. Ein Macher, ja, aber kein Menschenfischer. "Wir haben uns ergänzt", sagte er mal über sich und Willy Brandt, den bewunderten Chef und Freund. "Ich habe eine gewisse Fähigkeit, Konzepte zu entwerfen, und habe nicht seine Fähigkeit, Menschen zu faszinieren oder zu begeistern."

Lebensstationen in Bildern: So wurde Egon Bahr wichtig für die deutsche Politik
Senatspressechef Egon Bahr (l) mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt (1963)

Schon nebeneinander, aber noch nicht auf derselben Seite des Tisches: Egon Bahr, Bonner Chefkorrespondent des RIAS Berlin (Rundfunk im amerikanischen Sektor), interviewt im Dezember 1963 den damaligen Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt. Schon bald holte Brandt den gebürtigen Thüringer Bahr als Senatspressechef in die damals geteilte Stadt. Damit begann die lange persönliche Freundschaft und folgenreiche gemeinsame politische Karriere.


Architekt der neuen Ostpolitik

Bahr galt als Architekt der Ost- und Entspannungspolitik, als der Mann des gewagten Entwurfs. Die Rolle nahm er gerne an - und reduzierte sie in nur vermeintlicher Bescheidenheit: "Ich war der Architekt, Brandt war der Bauherr - und der Bauherr entscheidet." Man könnte auch einen anderen Vergleich wählen: Bahr war Brandts Tenzing Norgay. So wie Edmund Hillary ohne seinen Sherpa nie den Mount Everest bezwungen hätte, hätte es Brandt ohne den kühlen wie kühnen und schnellen Denker Bahr wohl nie geschafft, seine Politik durchzusetzen, die letztlich im Fall der Mauer mündete. Wenn Brandt ein Glücksfall für die deutsche Geschichte war, dann war Egon Bahr ein Glücksfall für Brandt. Als dessen Sohn Lars den Sterbenden 1992 fragte, wer seine Freunde gewesen seien, antwortete Brandt nur: "Egon."

Vielleicht wäre die deutsche Geschichte anders verlaufen, hätte Egon Bahr früh den Verlockungen des Geldes nachgegeben. In den 50er Jahren, als der damalige Berliner Bürgermeister Willy Brandt Bahr als Pressechef gewinnen wollte, buhlte auch stern-Gründer Henri Nannen um den RIAS-Korrespondenten. Bahr sollte sein Stellvertreter werden, "irrsinnige, rauschende Bedingungen. 14 Monatsgehälter, Dienstwagen, ein Haus", erzählte Bahr. "Aber dann kam Brandt. Es dauerte nur drei Minuten, um eine Lebensentscheidung zu treffen."

"Einer der größten Politiker der Nachkriegsgeschichte"

Er hat den Rummel durchaus genossen, der in den letzten Jahren noch einmal über ihn hereingebrochen war. Die Jubelfeiern zum Mauerfall-Jubiläum. Die Brandt-Erinnerungsfestspiele. Er war gerne gefragt, und hat, bis zum Schluss, seiner Partei, der er fast 60 Jahre angehörte, auch gerne Rat angedient. Zuletzt mahnte er vor einem zu harten Kurs gegenüber Russland und dessen Präsident Putin. Alles andere wäre auch überraschend gewesen. Die Rolle als Brandts Stellvertreter auf Erden hat er nach dessen Tod gerne angenommen und brillant ausgefüllt - gelegentliche, das Deutschnationale touchierende, Irrungen und Wirrungen inbegriffen.

Der 3. Oktober dieses Jahres, der 25. Jahrestag der Wiedervereinigung, das wäre noch einmal sein Tag gewesen. Er wird ihn nicht mehr erleben. Heute Nacht ist Egon Bahr in Berlin gestorben. Das Herz. nennt ihn "einen der größten Politiker der Nachkriegsgeschichte". Es ist nicht übertrieben. Ohne Egon Bahr und dessen Ideen, ohne Bahrs Energie, seine Hartnäckigkeit und Härte und sein durchaus trickreiches Verhandlungsgeschick wäre die deutsche Einheit nur schwer vorstellbar.

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