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NACHRUF: Danke, Grüne, ihr wart wunderbar!

Sie waren politische Heimat einer Generation und veränderten Deutschland. Jetzt haben die Grünen ihre Schuldigkeit getan. Mit dem Parteitag in Rostock beginnt der Abschied von der erfolgreichsten Partei der letzten Jahrzehnte.

Sie sind noch da. Offiziell. Aber bei mir haben die Phantomschmerzen schon eingesetzt. Genau an der Stelle, wo früher mal die Grünen waren. Einst waren sie ein Stück von mir, von uns, den heute Mitte 30- bis 50-Jährigen, plus minus. Für uns waren sie viel mehr als eine Partei. Sie waren das politische Projekt unserer Generation. Generation Grün.

Mission erfüllt

Kerstin Müller, Fraktionsvorsitzende der Grünen, scheint es auch zu spüren. »Wir haben diese Republik verändert«, hat sie in der Bundestagsdebatte über die Vertrauensfrage gesagt. Ein finales Urteil. »Haben verändert«. Vergangenheit. Ein wenig zucken die Grünen noch. Nicht mehr lange. Entweder kommt das offizielle Ende am Wochenende in Rostock, oder sie quälen uns noch bis zur Bundestagswahl im September. Aber dann ist Schluss. Bitte! Die Mission der Grünen ist erfüllt. Sie haben ihre Schuldigkeit getan. Danke, ihr wart wirklich wunderbar.

Können Sie sich noch erinnern?

In den vergangenen zwei Jahrzehnten waren die Grünen die stärkste, die prägendste politische Kraft in Deutschland. Auch wenn sie nicht regierten, veränderten sie das Land. Können Sie sich noch erinnern, wie es vor den Grünen war? Wer sich öffentlich gegen Atomkraft aussprach, galt als Staatsfeind und wurde so behandelt wie heute Mitglieder von al Qaeda. Schwule und Lesben gab es offiziell gar nicht. Wehrdienstverweigerer mussten zur »Gewissensprüfung«. Um die Erhaltung der Umwelt kümmerte sich in der Regierung allenfalls ein Abteilungsleiter, nebenbei. Und in der Wirtschaft niemand.

Dann wurden die Westdeutschen, quer durch alle Schichten, von den Grünen im erfolgreichsten Umerziehungsprozess seit der Entnazifizierung neu gepolt. Keine andere Partei hat so viele gesellschaftliche Entwicklungen und politische Wenden bewirkt, im Großen wie im Kleinen: Der Atomausstieg ist beschlossen. In den Küchen unter der Arbeitsplatte stehen heute bunte Säcke zum Mülltrennen. In Elbe und Rhein schwimmen wieder Fische. Autos ohne Kat werden schon seit Jahren nicht mehr gebaut. In Norddeutschland wächst stetig der Windradwald. Die Vorstände der deutschen Unternehmen haben begriffen, dass Ökologie ein ökonomisch wichtiger Faktor ist. Offen Schwule werden von Normalos zum Ministerpräsidenten gewählt. Der Kanzler lebt in - vorerst - vierter Ehe, sein Vize in dritter. Frauen können - sogar in der CDU - Parteivorsitzende werden, und junge Frauen haben den Feminismus ihrer Mütter längst überholt.

Gegen das System - also gegen sich selbst

Das alles und noch viel mehr war vor zwanzig Jahren absolut undenkbar. Die heutige Bundesrepublik ist ein Werk der Grünen. Darum ist es auch so absurd und so nervig, wenn Grüne ewig weiter opponieren und den eigenen Erfolg einfach ausblenden, um weiter dagegen sein zu können. Gegen das System. Also gegen sich selbst.

Im Zentrum unserer Welt

Nie hätten die Grünen so viel erreicht, wenn sie für uns nur eine Partei gewesen wären. Sie waren im Zentrum unserer Welt: Wir begannen den Tag mit Müsli - und waren grün. Wir kauften im Öko- oder Dritte-Welt-Laden, machten Rucksackurlaub

in Griechenland - und waren immer grün. Unseren R 4 verzierten wir mit Aufklebern: »Fuck the army«, »Volkszählung? - Nein danke!«. In jeder Lebenssituation waren wir Teil der grün-alternativen Bewegung, nicht nur in der Wahlkabine.

Es war eine eigene Gesellschaft unserer Generation, mit eigenen Büchern wie »Der Atomstaat« von Robert Jungk und eigenen Stars wie Joseph Beuys und Heinrich Böll. Besonders unser Musikgeschmack war grün. Wir sangen unsere Hymnen, den »Willy« von Wecker, »Kristallnacht« von BAP und »Spiel nicht mit den Schmuddelkindern« von Degenhardt.

Müsli isst heute jeder Banker

Beuys und Böll sind tot. Andere Vorbilder sind nicht nachgewachsen. Den grünen Star muss Joschka Fischer ganz allein spielen. Müsli isst heute jeder Banker, und den »Willy« hab ich auch schon ewig nicht mehr gehört. Wie auch. Ohne Plattenspieler. Neulich war Konstantin Wecker mal wieder in irgendeiner Talkshow. Ausgerechnet MDR. Ein paar Augenblicke hatte ich Mitleid mit dem Fossil aus den 70er Jahren. Dann musste mein Daumen ihn schnell wegzappen, weil es mir peinlich war, daran erinnert zu werden, wofür ich früher mal geschwärmt habe.

Museumswärter unserer alten grünen Heimat

Sicher, es gibt immer noch Grüppchen, die weiter im Räucherstäbchennebel parfümierten Tee trinken und dabei NEIN und NIE WIEDER auf Bettlaken pinseln. Es sind die Museumswärter unserer alten grünen Heimat. Aber, wie das so ist mit dem Reifungsprozess: Die meisten von uns haben diese Heimat lange schon verlassen. Und so trocknete das Milieu, die schöne

grüne Welt, langsam aus. Übrig blieb als staubiger Rest nur eine Partei.

Inzwischen kann ich mich kaum noch dran erinnern, wann ich zum letzten Mal demonstriert habe. Früher waren die Fahrten nach Wackersdorf, Mutlangen, Brockdorf oder in den Bonner Hofgarten die Höhepunkte des Jahres,

Gemeinschaftserlebnisse der Generation Grün. Wir schlossen uns fest zusammen und leisteten Widerstand. Mit rot glühenden Backen riefen wir im Chor den Refrain des Aufrufs »Dann gibt es nur eins!« von Wolfgang Borchert: Sag nein!

Das war grüne Politik: Sag nein

Genau das war grüne Politik: Sag nein. Eine Zeit lang war das auch richtig, denn in den 60er und 70er Jahren bewegte sich die alte Bundesrepublik auf vielen Irrwegen: Verantwortungslose Energiewirtschaft, gefährliches Wettrüsten mit dem Warschauer Pakt, fast schon systematische Zerstörung der Umwelt, das waren die Markenzeichen der Politik, bevor es die Grünen gab.

Da war der Stopp, der Ausstieg, das Nein die richtige Methode. Und alles, was man mit Neinsagen erreichen kann, haben die Grünen geschafft. Mit dem Jasagen gab es hingegen immer Probleme, von Anfang an.

Sag jein heißt die neue Methode

Schon der Gründungkongress im Januar 1980 stand bis zur letzten Sekunde auf der Kippe, weil eine große Strömung der Bewegung eigentlich keine Partei sein wollte. Und mit jedem weiteren Ja hat sich ein weiteres Fundigrüppchen beleidigt

abgesetzt: beim Einzug in den Bundestag 1983, bei Joschkas erster Regierungsbeteiligung in Hessen 1985. Um den dramatischen Schwund zu stoppen, setzten die Grünen fortan auf den faulen Kompromiss, den sie Formelkompromiss nannten: Sag jein heißt die neue Methode. Mit einem solchen Jein zu Garzweiler lügen sich die Grünen in Nordrhein-Westfalen jetzt schon in der zweiten Legislaturperiode über die Runden.

Viel gravierender als ihr genereller Ekel vor konstruktiver Politik ist die Tatsache, dass die Grünen noch immer eine Bewegung der 70er Jahre sind. Ihre Analysen, ihr Freund-Feind-Denken, ihre komplette Erkenntniswelt stammt noch aus der Zeit, bevor sie Partei wurden. Bei diesen noch immer ungelösten Problemen können sie so auch heute noch vorneweg diskutieren: In der Verkehrspolitik, weil die Güter weiterhin nicht auf der Schiene rollen. In der Landwirtschaftspolitik, weil in den Ställen die Wende gerade erst begonnen hat. Doch ökologische Landwirtschaft heißt inzwischen »Verbraucherschutz«. Das klingt schon irgendwie nach FDP.

Gen-Debatte wird heute von Konvervativen geführt

Die neuen Zukunftsfragen, die Politik und Gesellschaft erst nach den 70er Jahren herausgefordert haben, ließen die Grünen nicht mehr an sich ran. Anfang der 80er war für neue grüne Ideen Einsendeschluss. Das nenne ich ökologische Konsequenz auch im Denken: Wozu sich mit neuen Themen beschäftigen, wenn man die alten noch recyceln kann. Darum sind die Grünen für Menschen unter 30 heute so attraktiv, wie für uns einst Kohl. Darum haben sie nie ein Verhältnis zur Gesellschaft der neuen Länder gefunden, denn die kamen erst nach dem grünen Gedankenschluss dazu. Darum wird die Gen-Debatte heute von

Konservativen geführt. Darum haben die Grünen keine erkennbare Haltung zu Fluch und Segen der Globalisierung, denn auch dieser Begriff ist erst in den 90er Jahren aufgetaucht. Darum wird die Frage von Krieg und Frieden die Grünen in den kommenden Monaten endgültig beerdigen. Es ist die ultimative, existenzielle Frage in der Politik überhaupt. Und ausgerechnet diese Frage beantworten die Grünen mit Jein.

In den 80er Jahren waren wir alle Pazifisten. Auch ich. In unserer Generation hatte der Kommunismus schon viel von seiner Anziehungskraft eingebüßt, Religion war was für Weihnachten, und die Demokratie brachte regelmäßig Leute wie Helmut Kohl an die Regierung. Aber Frieden schaffen ohne Waffen, das galt, uneingeschränkt. Der Pazifismus wurde zur Ersatzreligion der Generation Grün. So was gibt man nicht so leicht auf. Wir hatten ja nichts anderes.

Frieden schaffen mit Waffen

Doch der Krieg auf dem Balkan hat gezeigt: Ohne die Waffen der Nato gab es keinen Frieden. 200 000 Bosnier starben zwischen 1992 und 1995. Drei Jahre war die »ethnische Säuberung« jeden Abend Hauptprogrammpunkt im Fernsehen. Zuschauen beim Völkermord - eine bewundernswerte Gewissensleistung. Dann endlich bombte die Nato. Seitdem ist in Bosnien wenigstens nicht mehr Krieg. Die 200 000 Toten gehen auch auf das Konto des Zögerns. Im Kosovo fing die Nato früher an zu bomben. Viele Albaner verdanken ihr Leben diesen Bomben. In Serbien entwickelt sich eine Demokratie und Slobodan Milo?evi? sitzt in Den Haag hinter Gittern. In Mazedonien griff die internationale Gemeinschaft noch früher ein. Ergebnis: keine Bomben, kein Krieg, wenige Tote. Frieden schaffen mit Waffen.

Es geht ihnen zuerst um das eigene Seelenheil

Viele Grüne sind dennoch gegen jeden Militäreinsatz. Weil die Stimmen der pazifistischen Wähler sonst bei der PDS landen. Weil sie es nicht mit ihren 20 Jahre alten Prinzipien und einer überkommenen Parteitradition vereinbaren können. Weil es ihnen zuerst ums eigene Seelenheil geht und dann erst um die Bosnier, die Kosovo-Albaner, die Mazedonier.

Oder die Afghanen. Zum ersten Mal seit Jahren gibt es die realistische Chance, Hilfslieferungen in großen Mengen nach Afghanistan zu bringen und damit Tausenden Menschen über den Winter zu helfen. Eine herbeigebombte Chance. Den Amerikanern gehe es doch gar nicht um das afghanische Volk, entgegnen die Pazifisten bei den Grünen. Kann sein. Doch den Frauen, die jetzt wieder wie Menschen leben können, den Menschen, die auf den Straßen lachen, singen und tanzen, denen ist es egal, ob ihnen aus Gründen geholfen wird, die nicht mit dem grünen Parteiprogramm vereinbar sind.

Zu klein für zwei so gegensätzliche Weltanschauungen

Die anderen Grünen stehen in der Kriegsfrage im gegenüberliegenden Lager. Die einen üben uneingeschränkte Solidarität mit dem Pazifismus, die anderen uneingeschränkte Solidarität mit George W. Gewiss kann es auch mal unterschiedliche Positionen in einer Partei geben. Soll es sogar. Aber in der Mutter aller Fragen kann eine Partei nicht beide Außenpositionen vertreten. Ich fühle mich betrogen, wenn ich Joschka Fischer wähle und damit Hans-Christian Sröbele ins Parlament helfe. Eine Partei ist zu klein für zwei so gegensätzliche Weltanschauungen.

Was hält sie noch zusammen?

Das wissen die Grünen. Es gibt auf der politischen Bühne keine Gruppierungen, die sich so abgrundtief hassen wie grüne Fundis und grüne Realos. Was hält sie noch zusammen? Die Fünf-Prozent-Klausel. Keines der Lager könnte allein in den Bundestag kommen. Gäbe es die Hürde nicht, hätten wir längst zwei grüne Parteien. Oder drei. Oder vier.

Jetzt gibt es nur ein: Sagt tschüs!

So wird es dennoch kommen. Im nächsten Jahr wird das Zwecklos-Bündnis endlich zerbröseln. Keine Zerreißproben mehr, keine Formelkompromisse, keine Endlosdebatten über die Geschäftsordnung, kein Kampf Basis gegen Promis, keine Beschwörungsreden von Joschka. Jetzt heißt es nicht mehr: Sagt nein. Jetzt gibt es nur ein: Sagt tschüs!

Ihr werdet mir fehlen.

Walter Wüllenweber