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NSU: Der Prozess

Mehr als 400 Verhandlungstage, 93 Nebenkläger, 815 Zeugen und Sachverständige - der Aufwand für das NSU-Verfahren war gewaltig. Doch auch nach dem Urteil, das an diesem Mittwoch fallen soll, werden viele Fragen bleiben - und ein ungutes Gefühl.

NSU-Chronik

Der Saal ist kleiner, als er auf Bildern wirkt, und von der Zuschauertribüne aus sieht man nur die Hälfte. Man sieht die merklich gealterte Hauptangeklagte Beate Zschäpe, die mit fast regloser Miene die Jahre, die Zeugen und die vielen grausamen Bilder an sich hat vorüberziehen lassen. Man sieht den Richter Manfred Götzl, der, schmal und dünnhäutig geworden, mit diesem letzten großen Verfahren seinem Ruhestand entgegengeht. Man sieht die Bundesanwälte in ihren roten, samtbesetzten Roben. Man sieht die gelbgrauen Wände, die grauen Treppen, grauen Decken, die immer gleichen braunen Tische, grauen Absperrgitter. Man sieht die Erschöpfung. Man sieht nicht: die Opfer, die Angehörigen, ihre Anwälte. Sie sitzen unter der Tribüne. Man sieht kein Tageslicht, keine Sonne. Man sieht kein Ende.

Trotzdem ist es jetzt da. Nach fünf Jahren, nach über 400 Verhandlungstagen mit fünf Angeklagten, 15 Verteidigern, 93 Nebenklägern, 815 geladenen Zeugen und Sachverständigen wird für diesen Mittwoch das Urteil erwartet.

Wie die Auschwitz- und die RAF-Prozesse wird das Verfahren vor dem Münchner Oberlandesgericht eingehen in die Geschichte der Bundesrepublik. Weil es um Terror geht. Und um Staatsversagen. Und weil trotz des gewaltigen Aufwands eine Aufklärung nicht gelungen ist.

Der Schwurgerichtssaal 101 im Münchner Oberlandesgericht, Schauplatz des NSU-Prozesses

Der Schwurgerichtssaal 101 im Münchner Oberlandesgericht. Hier findet seit dem 6. Mai 2013 das Verfahren gegen Beate Zschäpe und vier weitere Angeklagte statt

Das Trio

Rückblick: Es ist der 4. November 2011, ein milder, fast frühlingshafter Tag, als im thüringischen Eisenach ein Wohnmobil in Flammen aufgeht. Als das Feuer gelöscht ist, findet man im Fahrzeug zwei erschossene junge Männer. Man findet drei Langwaffen, vier Pistolen und Zigtausende Euro Bargeld. Am Nachmittag des gleichen Tags wird in der Frühlingsstraße 26 im 180 Kilometer entfernten Zwickau eine Wohnung in Brand gesteckt. Die Frau, die literweise Benzin in der Wohnung vergießt, ist Beate Zschäpe. Sie rettet vorher ihre Katzen. Nur durch Zufall wird keiner der Hausbewohner verletzt.

Noch weiß niemand außer Zschäpe und ihren Unterstützern, dass beide Ereignisse zusammenhängen. Noch ist nicht bekannt, dass die brutalen Verbrechen an Migranten oder ihren in Deutschland geborenen Kindern, die in den Zeitungen "Döner-Morde" genannt werden und für die bisher eine nicht näher benannte ausländische Mafia verantwortlich gemacht wird, in Wahrheit das Werk von Neonazis sind. Und dass die Mordserie mehr Opfer gefordert hat, als bisher bekannt. Noch weiß auch kein Außenstehender von den Verwicklungen deutscher Sicherheitsbehörden in das Geschehen.

Die beiden toten jungen Männer werden als die 1998 untergetauchten Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt identifiziert. Zwei der gefundenen Waffen sind die Dienstpistolen der 2007 erschossenen Polizistin Michèle Kiesewetter und ihres schwer verletzten Kollegen.

Beate Zschäpe, die mit Mundlos und Böhnhardt 1998 abgetaucht war, nachdem Ermittler Sprengstoff in ihrer Garage gefunden hatten, und die zuletzt mit ihnen zusammen in Zwickau gewohnt hat, versendet vorbereitete Bekenner-DVDs, in denen die Comicfigur Paulchen Panther die Mordserie dokumentiert. Vier Tage später stellt sie sich den Behörden.

Im Brandschutt des Hauses in der Zwickauer Frühlingsstraße stößt die Polizei auf weitere nicht verschickte DVDs, auf 2,5 Kilogramm Sprengstoff, 20 Schusswaffen, davon zwei Maschinenpistolen, 1600 Patronen. Sie findet eine Adressdatei namens "Killer" mit Tausenden weiteren möglichen Opfern, linken Aktivisten, türkischen Funktionsträgern, deutschen Staatsanwälten.

In verschiedenen Verfassungsschutzämtern der Republik beginnen in diesen Wochen Beamte damit, Akten zu vernichten oder zu verstecken. Die Suche nach den "Döner-Mördern" wird gestoppt, die zermürbenden Ermittlungen im Umfeld der Opferangehörigen werden eingestellt. Stattdessen nimmt die Polizei Komplizen und Kontaktpersonen der drei Neonazis fest. Der größte Teil von ihnen muss mangels Beweisen allerdings schon bald wieder freigelassen werden. "Die NSU-Morde sind unser 11. September", sagt der ehemalige Generalbundesanwalt Harald Range.

Bilder von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos werden in den "Tagesthemen" gezeigt

Bilder von Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos werden in den "Tagesthemen" gezeigt, die Fotografin Paula Markert hält den Augenblick fest. Von Markert stammen auch die anderen Fotos auf dieser Seite. Sie sind Ausschnitte aus einem Langzeitprojekt, für das die Hamburgerin drei Jahre lang durch Deutschland reiste, um Menschen und Orte zu fotografieren, die mit dem NSU-Komplex in Verbindung stehen

Angeklagt

Seit dem 6. Mai 2013 läuft der Prozess. Verhandelt werden sollten zehn Morde, ein Mordversuch, 15 Raubüberfälle, zwei Sprengstoffanschläge, einer kommt im Lauf des Verfahrens noch hinzu. Hauptangeklagte ist Beate Zschäpe, dazu vier Unterstützer. Holger G. hat zugegeben, Dokumente und Geld bereitgestellt und eine Waffe transportiert zu haben. Von den Morden will er nichts gewusst haben. Ralf W., ein ehemaliger Thüringer NPD-Funktionär, soll die Mordwaffe für die Dreiergruppe organisiert haben. Carsten S. hat gestanden, den Untergetauchten die Ceská mit Schalldämpfer geliefert zu haben. Er hat sich seit Langem von der Szene gelöst und bricht während des Prozesses mehrfach in Tränen aus. Andre E., der auf dem Bauch eine "Stirb Jude, stirb"-Tätowierung trägt und sich immer noch als Nationalsozialist bezeichnet, soll einer der wichtigsten Vertrauten der Gruppe gewesen sein. Er soll Wohnmobile für das Trio gemietet haben und mit vom NSU bei Banküberfällen geraubtem Geld ins Disneyland nach Paris gefahren sein.

Schmerz, der nicht vergeht

Vieles hat man schon wieder vergessen aus diesen fünf Jahren Prozess. Wer erinnert sich noch daran, wie die Witwe von Habil Kiliç mit stockender Stimme erzählt, dass ihre Tochter nach dem Mord an ihrem Mann von der Schule verwiesen wurde? Man hatte dort Angst, die Mörder des Vaters würden vielleicht auch das Mädchen auf dem Schulhof suchen. Wer erinnert sich noch daran, wie sich der Vater des ermordeten Halit Yozgat mit dem Bauch auf den Boden des Gerichtssaals legte, direkt vor die Angeklagte Beate Zschäpe, um zu zeigen, wie er seinen sterbenden Sohn fand, in einer Blutlache, und wie er seinen Kopf wiegte? Wie viel ist im Gedächtnis geblieben von Abdul Kerim Simsek, der lange überlegt hat, ob er vor Gericht das Wort ergreift? Der Sohn des Blumenhändlers Enver Simsek, der vor 18 Jahren ermordet wurde, trägt an diesem Tag einen schwarzen Anzug und eine schwarze Krawatte. Er ist ein stiller, in sich gekehrter Mann mit weichen Gesichtszügen, der Bart ist gestutzt, das schwarze Haar kurz, die braunen Augen zweifelnd und müde. 13 Jahre alt war er, als sein Vater starb. Ein Junge, der zu schnell erwachsen werden musste. Ein stolzer Internatsschüler, den man nach Hause beorderte, um von seinem Vater Abschied zu nehmen. Der Junge sah im Krankenhaus den Vater an Maschinen, sah das zerfetzte Auge, zählte die Einschüsse, ein paar Atemzüge noch, dann war sein Papa tot. Jahrelang hat er seine Tränen niemandem gezeigt. Auch seinen Schulkameraden in Saarbrücken hat Abdul Kerim Simsek damals nicht erzählt, was passiert ist. "Ich wollte nicht, dass mein Vater zu denen gehört, die da erschossen werden, Döner-Mord, Mafia und so weiter. Ich war immer sicher, dass mein Vater hundert Prozent unschuldig ist. Doch ich wusste, dass die anderen mir vielleicht nicht glauben." Wer erinnert sich noch an Sandro D., dermit fast monotoner Stimme vor Gericht erzählt, wie er die Kölner Keupstraße entlangläuft und wie die Nagelbombe explodiert und 700 Zimmermannsnägel durch die Luft schießen? Wie vier davon in seinem Körper landen, einer durchbohrt seinen Oberschenkelknochen. Wie beide Trommelfelle platzen, Teile seines Körpers brennen und er ein Loch in der Schulter hat und bis heute ein Loch in der Seele. Wer weiß noch, wer Martin A. ist, der Kollege der ermordeten Michèle Kiesewetter? Er erzählt dem Gericht, wie sein Traum vom Polizistenberuf an seinem allerersten Diensttag nach der Ausbildung beendet wird. An diesem Tag, den er niemals vergessen wird, denn einen Teil des Projektils, das ihn umbringen sollte, trägt er noch immer im Kopf mit sich herum, jede verdammte Sekunde.

Dass die Opfer und ihre Angehörigen eine Stimme bekommen in diesem Prozess, dass ihr Leid gemildert wird durch größtmögliche Aufklärung, war die Hoffnung der Nebenklage. Dass sie nach all den Jahren endlich erfahren, warum gerade sie, ihre Väter, Söhne, Töchter, Opfer wurden. Wer hatte sie ausgewählt, wer hatte den Ort und Zeitpunkt zum Morden bestimmt, wer hatte den Daumen letztlich gesenkt? Wie fanden die Täter die Orte, teils versteckte kleine Läden, teils erst wenige Wochen existent, teils mit deutschen Namen? Ohne Ortskenntnis, ohne die Opfer vorher jemals gesehen zu haben. Und sie wollten wissen, warum niemand die Mörder gestoppt hatte, warum niemand es konnte oder niemand es wollte. Die Ermittler nicht, die immer nur in die eine Richtung ermittelten, in die Richtung der Opfer. Die die Toten stets in kriminelle Machenschaften verstrickt vermuteten, in Drogen, Schutzgeld, Mafia oder in private Probleme, Schulden, Geliebte. Aber auch Verfassungsschützer nicht, Staatsschützer, die über viele Jahre dem NSU nahe waren, sehr nahe, die mehr als 30 Spitzel in seinem Umfeld platziert hatten und aus Steuergeldern bezahlten und die das Töten dennoch nicht verhinderten.

Diese Hoffnungen sind enttäuscht worden. Und das musste so sein, meint die anklagende Bundesanwaltschaft. "Es geht in einem Strafprozess nicht um allumfassende Aufklärung, sondern um die Angeklagten und die ihnen zur Last gelegten Taten", sagt Bundesanwalt Herbert Diemer. Aber lässt sich das so einfach trennen? Zu den angeklagten Taten gehören ja auch die Vorbereitungen. Gehören die Planung, mögliche Mittäter, die Finanzierung. Für die Frage nach Schuld und Strafmaß spielt es eine Rolle, wie leicht oder schwer die Täter es hatten, wie konspirativ sie sein mussten und ob sie von staatlicher Stelle geschont wurden.

Das Gericht unter Vorsitz von Manfred Götzl hat die Mehrheit der Beweisanträge der Nebenkläger abgelehnt. "Aber möchten Sie sich bitte einen Moment vorstellen", sagt Thomas Bliwier, der die Familie Yozgat vertritt, "es hätte die Nebenklage nicht gegeben und nicht die Plädoyers der Opfer? Hätten wir dann noch begreifen können, worum es in diesem Prozess überhaupt geht?" Was kann, was muss ein Prozessleisten - auch darum tobt seit fünf Jahren ein Streit.

Die Hauptangeklagte Zschäpe steht - von der Kamera abgewandt - zwischen ihren Verteidigern im Gerichtssaal

Die Hauptangeklagte Zschäpe steht - von der Kamera abgewandt - zwischen ihren Verteidigern im Gerichtssaal. Zschäpe hat fast während des ganzen Prozesses geschwiegen. In einer schriftlichen Erklärung vom 9. Dezember 2015 gab sie zu, die Zwickauer Wohnung des Trios in Brand gesetzt zu haben. An den Morden des NSU will sie nicht beteiligt gewesen sein

Dunkelmänner

"Der Prozess findet in der Öffentlichkeit statt, aber nicht für die Öffentlichkeit", hat Richter Manfred Götzl in einem seiner wenigen Statements ganz am Anfang des Prozesses dazu gesagt. Das stimmt, juristisch, aber mit jedem Verhandlungstag zeigte sich deutlicher, dass es trotzdem nur die halbe Wahrheit ist. Denn auch die Öffentlichkeit hat einen Anspruch darauf, den NSU und seine Geschichte verstehen zu können - und es ist nicht nur die Geschichte dreier isolierter Bösewichter und einiger weniger Helfer. Es ist nicht nur für das Gericht, sondern auch für die Öffentlichkeit aufschlussreich, wie viel im Prozess die Rede ist von verweigerten Aussagegenehmigungen, von höheren Interessen, von Geheimhaltung. Denn das alles geschieht im Namen der Bürger dieses Landes. Beamte haben im Prozess Erinnerungslücken, die unerklärlich sind. Ermittler sprechen in offiziellen Dokumenten von "Negern" und "Zigeunern". Ein Verfassungsschützer ist während des Mordes in dem Internetcafé anwesend, in dem Halit Yozgat erschossen wird. Es ist ein Mann, der rechte V-Leute führt, der den Spitznamen Klein-Adolf trägt und zu Hause "Mein Kampf" stehen hat. Und der sich, anders als alle anderen Gäste des Cafés, nicht als Zeuge meldet, weil er angeblich Angst vor seiner Frau hat. Am 167. Verhandlungstag gibt es den, man muss es "Auftritt" nennen, eines kriminellen V-Manns aus der rechten Szene. Er kreuzt mit Perücke und Sonnenbrille im Gerichtssaal auf und mit einem vom Staat bezahlten Anwalt. Es ist ein V-Mann, mit dem Verfassungsschützer in Brandenburg in den 90er Jahren gemeinsam Bier holen fuhren und zu Konzerten, dem sie einen Laden einrichteten und mit dem gemeinsam sie die Justiz in der Haftanstalt überlisteten, damit der Neonazi, verurteilt wegen versuchten Totschlags an einem Nigerianer, weiter seine verbotenen Nazi-CDs verkaufen konnte.

Der fünf Jahre währende Blick in die Abgründe des NSU und seines Netzwerks ist auch ein Blick in die Gründerjahre des wiedervereinigten Deutschlands. Ein Blick auf die Wirren der Nachwendezeit, die Überforderung und Selbstüberschätzung und auf den Irrglauben, dass man entstehende Strukturen rechter Gewalt dadurch kontrollieren könnte, dass man deren Führungskader aus Steuergeldern bezahlt. Noch verstörender allerdings sind die Bemühungen, das Versagen und die Mitverantwortung von Behörden ab 2011 zu verschleiern. Die Vernichtung von Akten ließ bei vielen den Verdacht keimen, dass staatliche Institutionen nicht nur heillos überfordert waren, voreingenommen, auch denkfaul und bequem - sondern dass da Beamte waren, die wussten, dass es den NSU gibt, wo seine Leute sich aufhalten und womöglich, was sie tun. Und die zusahen.

Dass die Bundesanwaltschaft sich nicht nur in der Anklageschrift, sondern auch in ihrem Plädoyer am Ende des Prozesses hinter dem Dogma des abgeschotteten, im wesentlichen allein agierenden Mördertrios verschanzt hat, obwohl der Prozess zahlreiche Hinweise auf Mittäter zutage gefördert hat, gilt weithin als Ärgernis. "Fliegengesumme" und "haltlose Spekulationen selbst ernannter Experten" nannte Bundesanwalt Diemer im Plädoyer die Fragen nach weiteren Tätern. Das klingt arrogant, gegenüber der Beweisaufnahme im Prozess, aber auch gegenüber den Ausschüssen von Bundes- und Landesparlamenten, die Hunderttausende Seiten Ermittlungsakten gelesen haben, die Tausende Zeugen befragt und sich in Ortsterminen ein eigenes Bild gemacht haben - und die zu gegensätzlichen Ergebnissen kamen. Man fragt sich, woraus sich diese Arroganz speist, nach all den im Prozess offenbarten Behördenfehlern.

Auch der Obmann des zweiten Bundestags-Untersuchungsausschusses, Clemens Binninger (CDU), hält es für "fraglich, dass zwei Leute elf Jahre lang diese Verbrechen begehen, nie erwischt werden, nie gesehen werden und nie Spuren hinterlassen, keine DNA, keine Fingerabdrücke, nicht an den Waffen, nicht an den Opfern" (lesen Sie hier im stern das komplette Interview mit Clemens Binninger). Er verweist auf zahlreiche anonyme DNA-Spuren an den Tatorten, die man bis heute niemandem zuordnen kann. "Darunter zum Beispiel eine am Rücken eines der Opfer von Heilbronn, wo man über hundert 'Tatortberechtigte' geprüft hat aus dem Umfeld, also Rettungssanitäter, Freunde, Familie, Bekannte, Kollegen und die man niemandem zuordnen kann, auch den bisher Angeklagten nicht."

NSU-Chronik

Offene Fragen

Der Prozess gegen Beate Zschäpe und ihre Helfer geht zu Ende. Aufgeklärt aber sind die Taten des NSU nicht. Zu viele Fragen sind offen. Der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter und der Mordversuch an ihrem Kollegen Martin A. gehören sicher zu den rätselhaftesten der Serie. Er ist, so das Ergebnis der damaligen Ermittlungen, von mindestens drei bis sechs Tätern begangen worden. Eine Jogginghose mit Kiesewetters Blut wurde in der Zwickauer Wohnung des Trios gefunden. Aber dass Mundlos und Böhnhardt allein nach Heilbronn gereist sind, um auf der belebten Theresienwiese eine zufällig ausgewählte "Repräsentantin des Staates" zu ermorden, klingt neben zahlreichen Ungereimtheiten, die die Ermittlungen ergeben haben, doch sehr weit hergeholt. Ob Michèle Kiesewetter nur zufälligerweise bei Einsätzen gegen rechts dabei war und warum ihr Onkel, ebenfalls Polizist in Thüringen und Kiesewetters Vorbild, vier Jahre vor Auffliegen des NSU als Einziger eine Verbindung herstellte zu der Mordserie an Migranten, ist unklar. Dass auch der Fall der ermordeten neunjährigen Peggy Knobloch mit dem NSU zusammenhängt, ist denkbar, seit Uwe Böhnhardts DNA am Fundort der Leiche des kleinen Mädchens entdeckt wurde. Warum die drei ihre letzte Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße umbauten, mit Schallschutz versahen, die Decken abhängten, was sie planten und warum sie es nicht mehr umsetzten, weiß man nicht. Warum sie in ihrem gemieteten Fluchtwohnmobil in Eisenach nicht nur zahlreiche Waffen, darunter die Dienstwaffen von Kiesewetter und ihrem Kollegen dabeihatten, sondern auch hohe Summen Bargeld - man weiß es nicht. Wer den NSU unterstützt hat, wer die Opfer ausgespäht hat, wer Teil des NSU war, wer an den Morden möglicherweise noch beteiligt war und wer vielleicht, bis heute unentdeckt, schon wieder an neuen Anschlägen werkelt, ist ungewiss. Ob all die Pannen bei der Ermittlung und Aufklärung nur Pannen waren und blöde Zufälle, ist immer noch unklar. Unaufgeklärt ist nach wie vor, wohin die Fotos der Feuerwehr aus dem Innern des Wohnmobils verschwunden sind, warum das Wohnmobil so schnell abtransportiert wurde und wer Beate Zschäpe an jenem 4. November aus dem sächsischen Innenministerium angerufen hat.

Viele der Fragen werden offenbleiben müssen, wenn sich nicht doch einer der Beteiligten entschließt, Antworten zu geben. Manches aber, was offengeblieben ist, könnte geklärt werden, mithilfe der Behörden und ihrer damals und heute tätigen und zuständigen Mitarbeiter. "Das Gericht hat die Schuld der Angeklagten nachweisen können", lautet das Fazit des Nebenklage-Anwalts Mehmet Daimagüler. "Der Rechtsfrieden aber wurde nicht wiederhergestellt. Das war und ist aber der eigentliche Zweck jedes Prozesses, aber besonders dieses Falles, wo die Mitverantwortung staatlicher Organe so offensichtlich ist."

Das Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln

Das Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln. Nach dem Auffliegen des NSU wurden dort Akten über die Arbeit von V-Männern geschreddert

Das Schweigen

Über Beate Zschäpes Person hat man in diesem Prozess wenig erfahren. Ihre Entwicklung, ihre Motive, ihre Ängste und Nöte blieben weitgehend im Dunkeln. Zschäpes Mutter verweigerte die Auskunft, ihre Oma, bei der sie aufgewachsen ist, war zu krank, um überhaupt vorgeladen zu werden. Ihre beiden engsten Vertrauten sind tot, weitere Bekannte sind mitangeklagt oder Beschuldigte in anderen Verfahren. Sie selbst ist damit beschäftigt, sich nichts anmerken zu lassen. So wie sie all die Jahre seit 1998 damit beschäftigt war, sich nichts anmerken zu lassen.

Es ist das gute Recht einer Angeklagten zu schweigen, und der Rechtsstaat garantiert, dass ihr daraus kein Nachteil entsteht. Niemand darf gezwungen werden, sich selbst zu belasten. Und dass es ohne ihre Mithilfe schwierig werden würde, ihr Mittäterschaft nachzuweisen, war von Anfang an unstrittig. Dass sie dann aber ihre Verteidiger erst gegeneinander auszuspielen versuchte, sie dann ablehnte, und auch wie das geschah, fügt den vielen Rätseln dieses Prozesses ein weiteres hinzu. Und dürfte womöglich mehr Einblick in ihre Persönlichkeit erlauben, als ihr recht sein kann. Einen abhängigen, unterwürfigen Charakter, den ihre neuen Verteidiger in ihrem Plädoyer beschrieben, der ihr die Distanzierung von Mundlos und Böhnhardt unmöglich machte, stellt man sich anders vor. Andererseits: Wer weiß, was man ihr versprochen hat, wer weiß, worauf sie gehofft hat. Ihr Horizont und ihre Menschenkenntnis dürften schon aufgrund der Lebensumstände der letzten 20 Jahre eher beschränkt sein. Ob ihre vom neuen Anwalt verlesene Teilaussage, ob überhaupt die Auswahl neuer Anwälte für sie hilfreich war, wird sich im Urteil zeigen.

Beate Zschäpe wird womöglich eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüßen müssen. Stellt das Gericht zudem eine besondere Schwere der Schuld fest, kann nach Ablauf von 15 Jahren keine Entlassung auf Bewährung beantragt werden. Das Gericht bestimmt dann eine weitere Frist zwischen zwei und zehn Jahren, die mindestens weiter abzusitzen ist. Sollte zusätzlich Sicherungsverwahrung angeordnet werden, entscheidet ein Gericht nach Ablauf der Haftzeit, ob Zschäpe noch gefährlich ist.

Neun Ermittlungsverfahren gegen namentlich bekannte Unterstützer des NSU sind noch offen. Teilweise arbeiteten diese Unterstützer für den Verfassungsschutz. Ob irgendwann Anklage erhoben wird gegen Susann E., Thomas S., Jan W. und die anderen, ist ungewiss. Ein weiteres Verfahren gegen unbekannt, mit dem mögliche weitere Taten und mögliche weitere Unterstützer ermittelt werden sollen, tröpfelt, so sagen es Insider, vor sich hin. "Kontrollierte Verjährung" nenne man so etwas behördenintern.

Was bleibt

Deutschland im Jahr 2018. Der NSU-Prozess hat dem Land einen Spiegel vorgehalten, einem Land, das sich gewaltigen Umbrüchen stellen muss und das sich in den Jahren, die der Prozess währt, stark verändert hat. Rechte Gewalt und Fremdenfeindlichkeit haben sich nach dem Entsetzen im Jahr 2011 nicht verflüchtigt. Sie sind eher stärker geworden, haben sich neue Ziele gesucht, neue Koalitionen geschmiedet. 13 Untersuchungsausschüsse haben sich mit dem Behördenversagen, mit den schiefgelaufenen Ermittlungen und der dubiosen Rolle der Verfassungsschutzbehörden befasst. Sichtbare Konsequenzen sind aus den Ergebnissen nicht gezogen worden. Im Bundestag sitzt eine rechtspopulistische Partei mit unklarer Abtrennung zur extremen Rechten, die sich als Vertreterin einer schweigenden Mehrheit fühlt. Das Bekennervideo mit drastischen Bildern der erschossenen Opfer ist im Internet frei verfügbar. Der Mann, der 2011 in einem Bierzelt gerufen hatte, er werde die Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme "bis zur letzten Patrone" bekämpfen, ist Bundesinnenminister und verstört die Republik mit immer neuen Manövern und Plänen zur Abwehr von Migranten. 

Aus den Kindern der Opfer des NSU sind junge Erwachsene geworden, die tageweise am Prozess teilgenommen haben. Die Morde an ihren Vätern, von denen der erste vor 18 Jahren stattfand, haben ihr Leben geprägt. Ihre Heimat betrachten sie mit Sorge. Aus der Frühlingsstraße 26 in Zwickau, dem letzten Unterschlupf des NSU-Trios, ist nach dem Abriss des Hauses ein friedlicher Ort geworden, ein begrüntes Grundstück. Weiß und rosa blühen Büsche von Rhododendron.

Ismail Yozgat ist das Urteil mittlerweile egal. Aufklärung über den Tod seines Sohnes und die wahre Rolle des Verfassungsschutzbeamten Andreas T., der zur Tatzeit anwesend war, aber nichts bemerkt haben und nicht beteiligt gewesen sein will, erwartet er nicht mehr. Das hessische Landesamt für Verfassungsschutz hat den Mängelbericht zum eigenen Umgang mit Informationen über Waffenbesitz bei Rechtsextremen im Juli 2017 für 120 Jahre gesperrt. Alles, was Ismail Yozgat noch möchte, ist, dass die Straße, in der sein Sohn starb, nach ihm benannt wird, als bleibende Mahnung.

Abdul Kerim Simsek wird nach dem Urteilsspruch seine Koffer packen. Er hat in den vergangenen Jahren Medizintechnik studiert und steht kurz vor dem Abschluss. Sein Vater, da ist er sicher, wäre stolz auf ihn. Zwei oder drei Monate möchte er sich zurückziehen. Er will in dem steinernen Haus in Isparta leben, das sein Vater für die Familie gebaut hat und in dem er seinen Ruhestand verbringen wollte. Ein üppiger Obstgarten umgibt es, Oliven und Pistazien wachsen da, Äpfel und Sauerkirschen hängen an den Ästen. Als Abdul Kerim ein Kind war, saß er oft gemeinsam mit seinem Vater unter den Zweigen. Jetzt liegt sein Vater dort begraben, im Haus stehen nur die Bilder von ihm, einem sanft lächelnden Mann mit dichtem Schnauzbart, und Abdul Kerim Simsek hat inzwischen selbst ein kleines Kind. Sein Töchterchen kennt die Bilder und sagt "Opa" dazu. Irgendwann, wenn sie alt genug ist, Fragen zu stellen, muss Abdul Kerim Simsek seiner Tochter erzählen, was mit ihrem Opa geschehen ist, in dem Land, das ihre Heimat geworden ist.

NSU

stern-Autorin Frauke Hunfeld war in den 90er Jahren Korrespondentin in Leipzig und berichtete über die Umbrüche, über Neonazis und überforderte Behörden. Vieles von dem, was sie damals erlebte, versteht sie erst jetzt. Fotografin Paula Markert wollte sich mit ihrem Projekt ein Bild machen von dem Land, in dem die Taten des NSU möglich waren. Isabel Stettin unterstützte bei der Recherche.

Dieser Artikel erschien zuerst im am 30. Mai 2018 im stern und wurde für die Online-Veröffentlichung aktualisiert.

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