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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin Pegida - nur noch ein Mob ohne Flash


Pegida zerbricht. Aber eines ist den selbsternannten Rettern des Abendlandes gelungen: Deutschland streitet über den richtigen Umgang mit Asylsuchenden.
Von Silke Müller

Endlich wächst wieder zusammen, was zusammen gehört: Lutz Bachmann und der Stammtisch. Wenn die Teilnehmerzahlen weiter so rasant sinken, kann sich Pegida demnächst in der Lieblingskneipe des Ex-Ex-Vorstandsmitglieds treffen. "Zurück zu den Wurzeln" war ja auch das Motto der gestrigen, ersten Pegida-Versammlung nach der Spaltung. Also ab an den Tresen.

Pegida ist jetzt wieder das, was es von Anfang an war: Ein Haufen von Überdruss geplagter, unter ihrer Bedeutungslosigkeit leidender Wutbürger mit "Frustrationshintergrund", wie die taz einmal treffend schrieb. Ein Mob ohne Flash.

Aber eines ist den selbsternannten Rettern des Abendlandes gelungen: Deutschland streitet über den richtigen Umgang mit Asylsuchenden, und viele, denen die Hetze Pegidas gegen den Strich ging, haben mit neuen Initiativen, guten Ideen und persönlichem Engagement Zeichen gesetzt.

Und auch eine neue Debatte über Integration, verpasste Chancen und einen respektvollen Umgang miteinander ist in Gang gekommen. Es liegt an uns allen, dies in eine fruchtbare, konstruktive Richtung zu entwickeln, und den Spaltern und Hetzern keinen Handlungsraum zu überlassen.

Zweiter Fehlstart in Kathrin Oertels Karriere

Kathrin Oertel hingegen, die zweite Lichtgestalt des einstigen Pegida-"Orgateams", scheint Gefallen an ihrer Rolle als sächsische Volksvertreterin zu finden. Doch mit ihrem neuen Club "Direkte Demokratie für Europe" (DDfE) legte sie vergangenen Sonntag bereits den zweiten Fehlstart ihrer Polit-Karriere innerhalb von vier Monaten hin: Nach ihrem Abgang bei Pegida lockte sie nur noch etwa 500 Neugierige auf den Dresdener Neumarkt. Auch hier eine klare Tendenz zum Kaffeekränzchen. Auf ihrem Logo verortete sie dann noch zu allem Überfluss Schleswig-Holstein jenseits der deutschen Grenze - Hoppla, wir sind ja nur das Volk.

Mit ihrem Neustart stellt sie sich einer echten Herausforderung: Seit 1993 haben die Bürgerinnen und Bürger in Sachsen die Möglichkeit, Entscheidungen auf kommunaler Ebene direkt zu beeinflussen. Ganze zwei Mal nutzten die Dresdner seither dieses Instrument: 2012, um der Privatisierung städtischer Krankenhäuser entgegenzuwirken. Und 2005, um die städtebaulich umstrittene Waldschlösschenbrücke durchzusetzen. Eine Entscheidung, die Dresden denn auch prompt den Titel "Unesco Weltkulturerbe" kostete.

Dass die direkten Einflussmöglichkeiten der Bürger innerhalb einer repräsentativen Demokratie beschränkt und mit hohen Hürden versehen sind, hat gute Gründe. Als das Thema bei einer Diskussion in der Dresdner Frauenkirche zur Sprache kam, dachte Bundesinnenminister Thomas de Maizière einmal laut nach: "Eine Abstimmung mit dem Ergebnis, ich möchte keine Asylbewerber in meinem Land haben - darf das sein?" Und der sächsische Landesbischof Jochen Bohl schob hinterher: "Ich bin auch froh, dass es nie eine Volksabstimmung über die Todesstrafe gab. Es gibt Grenzen unserer direkten Einflussnahme." Und beide wussten genau, wo sie dies aussprachen, und warum.

Stern-Reporterin Silke Müller twittert unter @silkeundmueller. Ihre Reportage über Dresden unter dem Einfluss von Pegida können Sie im neuen stern lesen - ab 12. Februar am Kiosk.


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