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Penzlin in Mecklenburg-Vorpommern: Wo CDU und AfD zusammenarbeiten: Der Tabubruch in der Provinz

Im mecklenburgischen Penzlin haben CDU und AfD das Kooperationsverbot von Kramp-Karrenbauer missachtet. Es ist der erste Ort, an dem es eine politische Zusammenarbeit zwischen den beiden Parteien gibt. In Berlin ist es ein Tabu. Aber wie lange noch? 

In Penzlin verstehen sie die Aufregung um die Zusammenarbeit zwischen AfD und CDU nicht

Andere Welt, andere Prioritäten: In Penzlin verstehen sie die Aufregung um die Zusammenarbeit zwischen AfD und CDU nicht

Manchmal richtet die Erregungsgesellschaft ihre Scheinwerfer auf Orte, von denen vorher kaum jemand etwas gehört hat. Würselen ist so ein Beispiel. 2017 war das. Aus Würselen kam mal ein SPD-Kanzlerkandidat. Oder Dormagen. Dort verschwand im Sommer 1994 für Wochen ein Kaiman in einem Baggersee.

Nicht immer sind die Anlässe politisch, manchmal aber schon, und manchmal, so wie im Frühsommer 2019, sind sie sogar hochpolitisch. Diesmal trifft es Penzlin in Mecklenburg-Vorpommern. Es ist der erste Ort, an dem es eine politische Zusammenarbeit zwischen CDU und AfD gibt. Manche sagen: ein Tabubruch. Andere finden, man solle die Kirche im Dorf lassen.

Reinhard Gleisberg, 68, helle Hose, blaues Halbarmhemd, frisch rasiert, steht am Gartenzaun seines kleinen Hauses im Penzliner Ortsteil Wustrow und hat erst mal eine Frage: "Was ist an mir eigentlich so interessant?"

Während Griechenlandkrise der AfD beigetreten 

Das hier ist seine Geschichte. Gleisberg kommt ursprünglich aus Witten, südöstliches Ruhrgebiet. Er ist dort geboren, hat in der Gegend zeit seines Lebens als Betriebsschlosser gearbeitet. Einmal, erzählt er, hat er einen Lehrgang an einem Schweiß-Roboter absolviert. "Und wissen Sie wat, der konnte dat besser als ich." Man hört bisweilen eine leichte Ruhrpott-Klangfärbung, wenn er spricht. Seine Sätze sind kurz. Es ist dann auch schnell alles Nötige gesagt.

Im Video: Mitten in der Nacht fordert die AfD den Hammelsprung – und scheitert an Claudia Roth 

Claudia Roth im Bundestag

Bevor es die AfD gab, hat er sein Leben lang CDU gewählt, nur einmal SPD, als dieser Bayer Bundeskanzler werden wollte, auf dessen Namen er jetzt gerade nicht kommt. Strauß? "Ja, Strauß", sagt Gleisberg.

2013 trat Reinhard Gleisberg in die neu gegründete AfD ein, Kreisverband Ennepe/Ruhr; damals war das noch die Partei des Wirtschaftsprofessors und Euro-Skeptikers Bernd Lucke, eher sturzkonservativ als latent rechtsextrem. Viele Biedermänner und Bedenkenträger. Es war die Zeit der Griechenlandkrise, und Gleisberg war der Ansicht, dass in Deutschland zu viel Geld an der falschen Stelle ausgegeben wird. Er sieht das heute noch so.

Lucke ist längst raus aus der Partei. Gleisberg nicht.

Im vergangenen Jahr zieht er mit seiner Frau Annemarie in das kleine Haus nach Penzlin, Ortsteil Wustrow, sehr abgeschieden, 27 Einwohner. Er hat dort vieles selbst renoviert. Es ist der Alterssitz der Gleisbergs, 2008 im Internet entdeckt, damals für einen Spottpreis. Ein Idyll. Bis zum Ufer des Tollensees sind es nur ein paar Schritte. Im Sommer verirren sich ab und zu ein paar Touristen mit dem Fahrrad in diese Gegend. Im Winter aber, sagt Gleisberg, "ist es sehr ruhig".

Reinhard Gleisberg von der AfD. Das Fotomotiv mit der Deutschlandfahne im Hintergrund hat er selbst vorgeschlagen, sein Haus soll nicht zu erkennen sein – aus Angst vor Schmierereien. 

Reinhard Gleisberg von der AfD. Das Fotomotiv mit der Deutschlandfahne im Hintergrund hat er selbst vorgeschlagen, sein Haus soll nicht zu erkennen sein – aus Angst vor Schmierereien. 

Der AfD-Mann wird Dritter

Ende Mai sind Kommunalwahlen. Die Gleisbergs treten für die AfD an. Sie verteilen im Wahlkampf Flyer und Kugelschreiber. Flyer ohne Kugelschreiber – läuft nicht, das weiß Gleisberg aus Erfahrung. An einem Abend lädt das AfD-Ehepaar in die "Buddelscheune" ein, ein Lokal in Penzlin, dem man herzlich wünscht, dass es mal bessere Zeiten erlebt haben mag. "War aber nicht viel los", sagt Gleisberg.

Obwohl ihn kaum jemand kennt, erhält Reinhard Gleisberg 382 Stimmen, das drittbeste Ergebnis aller Bewerber. Sieben Stimmen mehr, dann wäre er sogar Zweiter geworden. Es reicht für einen Sitz in der Stadtvertreterversammlung. Seine Frau Annemarie (120 Stimmen) scheitert knapp. Er hätte sonst mit ihr eine Fraktion bilden können. Gleisberg sagt: "Wir haben der AfD in Penzlin ein Gesicht gegeben."

Was nun folgt, ist ein Lehrstück über Taktiererei in der Politik, die sich im Kleinen oft nicht allzu sehr unterscheidet von dem, was sich auf großer Bühne abspielt, in Berlin oder Brüssel. Es ist aber auch ein Lehrstück über die Schwierigkeit, Grenzen zu ziehen in einer Gesellschaft, die auf Orientierungssuche ist. Grenzen zu ziehen in einem Land, in dem die Ungleichzeitigkeit Einzug gehalten hat.

Reinhard Gleisberg ist die Schlüsselfigur in diesem Stück. Er kann nicht mal etwas dafür.

Das nervöse Berlin 

In Berlin ist die Aufregung über die Vorgänge in Penzlin groß, was auch damit zu tun hat, dass CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer exakt in diesen Wochen ihren Kurs gegen Parteimitglieder verschärft, die über eine Zusammenarbeit mit der AfD nachdenken. AKK hat allen Grund dazu. In Brandenburg und Sachsen sind im September Landtagswahlen. Sie werden die Republik in Wallung versetzen. Demoskopen rechnen mit außerordentlich hohen Ergebnissen für die AfD, in Sachsen stehen die Chancen der Rechtspopulisten nicht schlecht, stärkste Partei zu werden. In der Union ist man nervös.

An einem Sonntagabend Ende Juni sagt Annegret Kramp-Karrenbauer in der Fernsehsendung "Anne Will", dass sie dem CDU-Bundesvorstand bitten werde, ihr Prokura zu geben, "jedes Mittel durchzuprüfen, um eine Zusammenarbeit und eine Annäherung an die AfD wirklich auch zu verhindern". Der CDU-Chefin schwebt eine Kontaktsperre bis hinunter in die Kommunen vor. CSU-Chef Markus Söder versteigt sich anderntags sogar zu der These, dass selbst ein Kaffeeplausch untersagt sein müsse. Übertrieben? Die Zeiten sind so.

Auf dem Sofa bei Anne Will sagt AKK, die AfD sei "eine Partei, die zumindest in Teilen oder mit Repräsentanten keine klare Linie zu Rechtsextremismus und Rechtsradikalen zieht". Sie könne sich angesichts des Kurses der AfD nicht vorstellen, dass es "jemals" eine Kooperation geben könne.

Das sind Worte für die Ewigkeit, gewissermaßen. Apodiktischer geht es nicht.

Im Video: Wie sich die AfD im Ludwigshafener Stadtrat selbst aus dem Hauptausschuss wählte 

Die Afd hat sich im Ludwigshafener Stadtrat selbst aus dem Hauptausschuss gewählt

Der neue wird erstmal beschnuppert 

Es ist ungefähr der Moment, in dem Reinhard Gleisberg auf seinem Sofa in Wustrow den Fernseher ausmacht. "Wenn die Dame das so sieht", sagt er.

Penzlin ist nur zwei Autostunden von Berlin-Mitte entfernt, im Prinzip immer die B 96 hoch bis Neustrelitz, dann links ab. Und doch liegen Welten dazwischen. Es ist eine Reise in die Ungleichzeitigkeit dieser Republik, man muss sozusagen Zonengrenzen überwinden.

Kurz nach der Wahl lädt Penzlins Bürgermeister die neu gewählten Stadtvertreter zu einer Kennenlernrunde ins Rathaus. Gleisberg steht anfangs ein bisschen verloren herum, wie er sich erinnert. Er kennt ja keinen. Immerhin: Man macht Small Talk, der Neue wird beschnuppert, er ist, wie sich rausstellt, ein Handwerker, das ist schon mal nicht schlecht. Handwerker gibt es auch in der CDU-Fraktion. Auch der SPD-Vertreter Sven Rose (145 Stimmen) redet kurz mit dem AfD-Mann. Rose steht auf dem Standpunkt: Einbindung ja, Zusammenarbeit nein.

Die SPD ist es übrigens auch, die später den Vorschlag machen wird, die Sitzverteilung in den Ausschüssen nach dem sogenannten Hare-Niemeyer-Verfahren vorzunehmen. Dies bilde das Wahlergebnis besser ab. Wäre es so gekommen, hätte die SPD davon profitiert, der AfD-Mann Gleisberg allerdings auch. Er hätte einen Sitz im wichtigen Hauptausschuss bekommen. Wie hatte SPD-Mann Rose gesagt? Einbindung ja, Zusammenarbeit nein.

Man müsste an dieser Stelle eigentlich die Formeln für die unterschiedlichen Verfahren bei der Sitzverteilung einblocken. Aber das ist kompliziert. Und dann wäre womöglich nicht mehr Platz genug für Penzlins dreiköpfige CDU-Fraktion, für Mario Röse (141 Stimmen), Steffen Burr (160 Stimmen) und Bernd Ebert (388 Stimmen). Und für ihre Motive.

Ein Plausch auf der Veranda

Burr und Ebert sitzen irgendwann in den Tagen nach der Kennenlernrunde und vor der konstituierenden Sitzung der Penzliner Stadtvertreterversammlung bei den Gleisbergs auf der Veranda, ungefähr dort, wo auch die Lichterkette angebracht ist, bei der sich Fußbälle und kleine Lampions in Deutschlandfarben abwechseln. Gleisberg ist Borussen-Fan, Dortmund.

Es wird ein Plausch. Man kommt sich näher. Redet ein bisschen über die Kommunalpolitik. Verabredet, die große Politik auszusparen. Es ist die klassische Kungelei, das Prinzip "Good for you and good for me".

Es sollte, jedenfalls nach den Regeln von Markus Söder, eigentlich verboten sein.

"Wir haben uns kurz seine Geschichte erklären lassen", sagt Mario Röse, der CDU-Fraktionschef, der auf Gleisbergs Veranda nicht dabei war, sich das Gespräch aber hat schildern lassen. "Alles, was mit rechts zu tun hat, ist absolut nicht zu erkennen gewesen."

Und so fädelt Mario Röse einen Coup ein, der Tage später tatsächlich die Republik in Wallung und AKK in Schwierigkeiten bringt. Röse bildet mit seiner CDU-Fraktion und dem AfD-Abgeordneten Reinhard Gleisberg in der konstituierenden Sitzung eine Zählgemeinschaft – und weil die Sitzverteilung doch nicht nach Hare-Niemeyer vonstatten geht, sondern nach dem etwas anderen D’Hondt-Verfahren, ist die CDU bei der Vergabe der Ausschusssitze sehr gut bedient. Allerdings: Auch Reinhard Gleisberg profitiert. Er sitzt nun im Rechnungsprüfungsausschuss, im Schul- und Kulturausschuss und ist im Hauptausschuss Stellvertreter. Immerhin.

Die Frage nach der Grenzziehung 

"Da kommt Arbeit auf mich zu", sagt Gleisberg. Er war auch schon auf einer Vernissage, schließlich ist er Mitglied des Kulturausschusses. Im leider nicht sehr inspirierenden Vorraum des Rathauses betrachtete er Blumenmotive der Malerin Kristine von Helms. "War nicht viel los", sagt Gleisberg.

Er kann die Aufregung immer noch nicht verstehen. Und Mario Röse auch nicht. Röse glaubt, dass die Wogen erst gar nicht so hoch geschlagen wären, hätte ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung nicht den Fehler gemacht, auf der Homepage eine CDU/AfD-Fraktion auszuweisen. Inzwischen ist das wieder korrigiert. Da sei mal "kurzzeitig alles drunter und drüber" gegangen. Röse bekam Anrufe aus Berlin und Schwerin, der CDU-Bundestagsabgeordnete Matthias Hauer forderte sogar den Parteiausschluss der drei Penzliner CDU-Mitglieder.

Es ist die Frage nach der Grenzziehung in dieser Republik der Ungleichzeitigkeit.

Mario Röse findet, Gleisberg solle nun seine Arbeit machen, er könne sich da beweisen. SPD-Mann Sven Rose sieht das im Prinzip auch so, "solange er auf dem Boden der Verfassung steht" . Norbert Schumacher vom Zusammenschluss "Lebenswertes Penzlin" (379 Stimmen) ist auf gleicher Linie. "Menschen sind für mich erst mal Menschen", sagt der Tierarzt, "und wenn er mit seiner Katze kommt, weil die ein Bein gebrochen hat, dann würde ich die auch behandeln."

Reinhard Gleisberg sitzt auf seiner Veranda. Dort, wo er von den CDU-Leuten nicht nach großer Politik gefragt wurde. Seine AfD hat sich verändert, seit er eingetreten ist. Sie ist weiter nach rechts gerückt. Es gibt Leute wie den Thüringer Björn Höcke, den Anführer der radikalen Kräfte. Was hält er von Höcke?

"Schwierige Frage", sagt Gleisberg. Er hat Höcke mal auf einer Veranstaltung in Neubrandenburg erlebt. Gleisberg sagt: "Reden kann er."