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Pläne zum Ausbau der Stromnetze: Merkel gibt Milliarden für plötzliche Energiewende aus

Kanzlerin Merkel hält trotz aller Zweifel am Atomausstieg bis 2022 fest. Die Trassenbetreiber sehen einen Bedarf an Stromautobahnen von 3800 Kilometern. Das wird teuer.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist das Zweifeln leid. Der Atomausstieg und der dazu notwendige Um- und Ausbau der Stromnetze im Land seien machbar, sagt sie auch mit Blick auf das eigene Lager am Dienstag bei einem Besuch der Bundesnetzagentur in Bonn. Am Atomausstieg bis 2022 wird nicht gerüttelt. Ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg dorthin ist für Merkel der Entwurf des nationalen Netzentwicklungsplanes, den ihr die vier Betreiber der deutschen Stromautobahnen überreichen. Dieser zeigt Merkel die Hausaufgaben beim Ausbau der Trassen für die nächsten zehn Jahre auf.

Der Plan, der an diesem Mittwoch der Öffentlichkeit vorgestellt werden soll, ist Basis für ein neues Gesetz, das bis Ende des Jahres den bundesweiten Stromnetzbedarf festschreiben soll. Die wichtigsten Zahlen werden bereits bei Merkels Besuch publik gemacht: 3800 Kilometer an neuen Stromautobahnen schlagen die Betreiber bis 2022 vor, um den Weg hin zu immer mehr Ökostromeinspeisung zu schaffen. 2100 Kilometer davon sollen als Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung konzipiert werden, so lässt sich etwa Windstrom aus dem Norden über hunderte Kilometer ohne große Verluste gen Süden transportieren. Als Kostenpunkt werden insgesamt 20 Milliarden Euro veranschlagt.

Begleitet wurde Merkel am Dienstag von Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) und Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP), auf die es beim schnellen Ausbau nun besonders ankommen wird. Denn niemand will solche Leitungen gerne in seiner Gemeinde stehen haben. Die Energiewende sei eine Herkulesaufgabe, sagt der Chef von Tennet, Martin Fuchs. Aber man sei der Überzeugung: "Wir können das Übertragungsnetz für eine erfolgreiche Energiewende fit machen." Netzbetreiber Amprion, den Merkel nachmittags besucht, unterstreicht das mit der Ankündigung, in den nächsten Jahren nahezu zehn Milliarden Euro in den Netzausbau investieren zu wollen.

In Süddeutschland drohen Engpässe

Durch den Wegfall von 4960 Megawatt Leistung nur in süddeutschen Atomkraftwerken drohen hier Engpässe und Spannungsprobleme. Gleiches gilt für den Großraum Hamburg, wo drei Meiler stillgelegt wurden. Während es früher nur rund ein Dutzend Eingriffe in den Netzbetrieb gab, steuert diese Zahl nun auf tausend pro Jahr zu. Besonders die Lage im Winter war an einigen Tagen sehr angespannt.

2009 waren im Energieleitungsausbaugesetz 1807 Kilometer als vordringliche Projekte eingestuft worden. "Davon sind erst 214 gebaut und 11 Kilometer in Betrieb genommen", kritisiert der Chef der Bundesnetzagentur, Jochen Homann. Bis Ende 2013 sollen es laut Wirtschaftsminister Rösler 600 Kilometer sein. Der forcierte Ausbau wird Milliarden kosten - schon in diesem Jahr trieben die Netzentgelte den Strompreis - und nicht so sehr die Förderung erneuerbarer Energien. Nun ist auch noch eine Umlage geplant, um endlich See-Windparks schneller an das Netz anschließen zu können.

Auch wenn viel gemosert wird: Zuletzt gab es auch positive Nachrichten, etwa für eine Entspannung im Raum Hamburg, wo wegen Industrie und Hafen so viel Energie verbraucht wird wie an nur wenigen Standorten in Deutschland. So soll die Windsammelschiene, mit der Windkraft aus dem Nordosten gebündelt und per Stromautobahn nach Hamburg geschickt wird, nach langem Stillstand bis Ende des Jahres vollendet werden. Es liegt nun auch ein Planfeststellungsbeschluss aus Schleswig-Holstein für die 88 Kilometer lange Leitung vor.

Oft bremsen nicht Bürgerproteste, sondern Länderauflagen

Das Beispiel zeigt, dass es nicht immer nur die viel beschworenen Bürgerproteste sind, die bremsen, sondern oft auch unterschiedliche Länderauflagen. Für jeden gefällten Baum macht es Schleswig-Holstein nach Angaben von 50Hertz zur Auflage, dass drei Bäume an anderer Stelle neu gepflanzt werden. Auch mussten Waldstücke nächtelang beleuchtet werden, um erst einmal die Fledermäuse zu vertreiben. Und die Umsiedlung von Haselmäusen bremste den Weiterbau zusätzlich.

Eine weitere positive Nachricht gibt es von der Trasse, die über den Thüringer Rennsteig Strom in den Süden bringen soll. Wird diese 380-Kilovolt-Stromautobahn nicht rasch fertig, könnte die Abschaltung des bayerischen Kernkraftwerks Grafenrheinfeld 2015 problematisch werden, da hier sonst zu viele Kapazitäten wegfallen könnten. Das Bundesverwaltungsgericht hatte vergangene Woche Anträge auf einen Baustopp zurückgewiesen. Die 210 Kilometer lange Trasse soll Strom vom Umspannwerk Lauchstädt (Sachsen-Anhalt) zum Umspannwerk Redwitz im Norden Bayerns leiten. Die Gegner befürchten zu starke Eingriffe in die Natur durch eine Schneise mit bis zu 100 Meter hohen Masten.

Nach Meinung der Stadtwerke wird allerdings viel zu sehr über die großen Stromautobahnen geredet. 97 Prozent der erneuerbaren Energien würden auf Verteilnetzebene eingespeist. Diese Netze seien dafür historisch betrachtet nie gedacht und ausgelegt gewesen, betont der Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), Hans-Joachim Reck. Der Neubau- und Modernisierungsbedarf nur hier belaufe sich auf mehr als 25 Milliarden Euro.

jar/DPA / DPA