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Plagiatsvorwürfe gegen Guttenberg: Wenn das Internet zum Fluch wird

Das Internet und Karl-Theodor zu Guttenberg stehen auf Kriegsfuß: Es tauchen immer mehr Passagen aus seiner Doktorarbeit auf, die stark nach Plagiaten aussehen. Der Minister ergreift die Flucht.

Wenn doch das Internet nicht wäre, wird sich der Verteidigungsminister denken. Denn im Netz wird die Liste der Plagiatsverdächitungen immer länger. Die Plattform Guttenplagwiki listet genüsslich Passagen von nicht weniger als 23 Seiten der guttenbergschen Doktorarbeit auf - und es scheinen fast stündlich mehr zu werden.

Zunächst hieß es, dass Guttenberg nur bei Zeitungsartikeln aus der "Neuen Zürcher" und der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" abgeschrieben habe. Doch nicht nur Blogs im Netz liefern jetzt Belege, die davon ausgehen lassen, dass sich der rote Faden der Kopie quer das 476 Seiten starke Werk zieht.

Der Rechtswissenschaflter Andreas Fischer-Lescano , der die Affäre losgetreten hat, listet in seinem Beitrag für die Zeitschrift "Kritische Justiz" jedoch noch zahlreiche andere Quellen auf, derer sich Gutttenberg offenbar bedient hat. Der Text, der stern.de in einer Vorabversion vorliegt, soll in drei Wochen erscheinen.

Sie listet als Vorlagen für Guttenberg auf:

- die schriftliche Fassung eines Vortrags von Wilfried Marxer, Politikwissenschaftler aus Liechtenstein

- ein Referat der Wissenschaftlerin Gret Haller aus Frankfurt

- Artikel von Hartmut Wasser, erschienen in der Zeitschrift "Informationen zur politischen Bildung"

- "Working-Paper" des Centrums für angewandte Politikforschung von Sonja Volkmann-Schluck

- Artikel des Jura-Professors Martin Nettesheim

- Vortrag von Günter Burghardt, dem damaligen Botschafter der Europäischen Union in den USA

Laut "Spiegel Online"verwendete Guttenberg einen Absatz von der Webseite der US-Botschaft ohne Fußnote verwendet und sich aus einem Beitrag des CDU-Europaabgeordneten Andreas Schwab bedient. Außerdem habe er mehrere Absätze aus einer Rede des Jura-Professors Gerhard Casper ohne direkten Hinweis verwendet.

Guttenberg steht nach dem Plagiatsvorwurf zunehmend in der Kritik. Dagegen erhält er Unterstützung aus den Reihen der Union, bei der von einer "Schmutzkampagne" gegen den beliebten CSU-Politiker die Rede ist. Die Passauer Professorin Barbara Zehnpfennig, bei der Guttenberg Teile der Einleitung seiner Dissertation abgeschrieben haben soll, fordert, ihm den Doktortitel abzuerkennen.

"Der Lack ist endgültig ab", sagte der SPD-Verteidigungspolitiker Rainer Arnold der in Halle erscheinenden "Mitteldeutschen Zeitung" über den Verteidigungsminister. "So geht's halt, wenn man sich zu sehr auf Hochglanz poliert." Sollte Guttenberg der Doktortitel aberkannt werden, wäre er aus Sicht des SPD-Politikers auch als Minister nicht mehr zu halten. "Guttenbergs Glaubwürdigkeit wäre dann völlig zerstört", sagte Arnold. "Und ein Minister, der seine Glaubwürdigkeit verloren hat, kann nicht mehr wirklich arbeiten - im Bereich der Bundeswehr, in dem es in hohem Maße auf Vertrauen ankommt, vielleicht noch schwerer als in anderen Ressorts."

Parteifreunde geben Rückendeckung

Unionsfraktionsvize Günter Krings (CDU) bezeichnete die Vorwürfe gegen den Verteidigungsminister in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" als "lächerlich". Seine Doktorarbeit sei von einem der führenden deutschen Verfassungsrechtler wissenschaftlich betreut worden und in einem höchst renommierten Wissenschaftsverlag erschienen. Einzelne fehlende oder falsch gesetzte Fußnoten seien sicher ärgerlich, das könne aber nicht ernsthaft einen Plagiatsvorwurf begründen. Krings warf der Opposition im Bundestag eine "Schmutzkampagne" vor. "Die maßlos überzogenen Reaktionen der Opposition zeigen, dass es hier in Wahrheit nur um eine neue Episode aus der Reihe "Schlag den Guttenberg" geht."

Nicht ganz so schützend stellt sich Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger vor ihren Kabinettskollegen. Sie hat eine gründliche Klärung der Plagiatsaffäre gefordert. "Die Plagiatsvorwürfe gegen den Verteidigungsminister sollten ganz in Ruhe aufgeklärt werden", sagte die FDP-Politikerin dem "Hamburger Abendblatt". Sie warnte jedoch: "Aufgeregte Kommentare sollten genauso unterbleiben wie Vorverurteilungen."

Hochschulverband: Kein Aberkennung der Diss

Der Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbands (DHV), Michael Hartmer, sieht angesichts der bisher geäußerten Vorwürfe gegen Guttenberg keine Grundlage für eine Aberkennung des Doktortitels. Er sagte er der "Financial Times Deutschland", bislang gebe es allenfalls Anlass für eine Rüge.

Der Europarechtler an der Uni Frankfurt, Felix Hanschmann, der die Vorwürfe zusammen mit Fischer-Lescano erhoben hatte, interpretiert Guttenbergs Reaktion als ein Schuldeingeständnis. "Herr zu Guttenberg räumt darin bereits vereinzelte Verstöße ein. Offenbar hält er die von uns formulierten Vorwürfe nicht für aus der Luft gegriffen", sagte er der "Passauer Neuen Presse".

Minister auf Frontbesuch

Den Diskussionen um seine Person zum Trotz flog zu Guttenberg am Mittwochabend nach Afghanistan. Der Besuch bei der Bundeswehr war nicht angekündigt worden. Im Gegensatz zu den vorherigen Besuchen reiste der Minister ohne Medienbegleitung und verbrachte die Nacht in einem Außenposten. Guttenberg wolle sich über die Lage der Soldaten informieren, sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin. Einzelheiten zum weiteren Programm nannte er nicht. Guttenberg hatte zwar bereits bei einer früheren Reise einen gefährlichen Posten besucht, aber noch nie im unmittelbaren Kampfgebiet übernachtet.Derzeit sind rund 4600 deutsche Soldaten im Norden Afghanistans stationiert.

Die Reise ist bereits der neunte Besuch des Ministers in Afghanistan seit seinem Amtsantritt Ende Oktober 2009. Zuletzt war der CSU-Politiker Mitte Dezember mit Bundeskanzlerin Angela Merkelmit seiner Frau StephanieOpposition warf dem Minister daraufhin mediale Inszenierung

Am Donnerstagabend wurde der Minister zu einem Wahlkampftermin in Barleben in Sachsen-Anhalt erwartet. Dies wäre sein erster öffentlicher Auftritt in Deutschland nach Bekanntwerden der Plagiatsvorwürfe gegen ihn.

ben/swd/DPA/AFP / DPA