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Plagiatsvorwürfe gegen Silvana Koch-Mehrin: Das Schweigen des liberalen Postergirls

Silvana Koch-Mehrin hat abgeschrieben und bangt still um ihren Doktortitel. Auch wenn der Medien-Darling der FDP die Affäre überstehen sollte, werden empfindliche Kratzer bleiben.

Von Carsten Heidböhmer

Silvana Koch-Mehrin ist für eine Politikerin jung, sie sieht gut aus - und sie ist eine Frau. Eine perfekte Mitarbeiterin also für eine Partei, die bald wieder mit Fast Drei Prozent buchstabiert werden kann. Doch seit ein paar Tagen taugt das "schöne Gesicht der FDP" nicht mehr für Imagepolituren der Liberalen, zumindest vorerst nicht. Der Plagiatsfall Silvana Koch-Mehrin ist für die angeschlagenen Liberalen ein peinlicher Zwischenfall zur Unzeit. Die FDP setzt auf Aussitzen. Die Angst im Thomas-Dehler-Haus: Ein falsches Zitat könnte die Debatte um die Blonde aus Brüssel richtig entfachen. Daher schweigt die FDP zu den Plagiatsvorwürfen.

Zwar stören sich viele Liberale seit langem an der Medienpräsenz und den Selbstinszenierungen von Koch-Mehrin, die privat als sehr umgänglich und unverkrampft gilt. Doch da ihr Machtanspruch in Berlin gering ist, lässt man sie im fernen Brüssel gewähren. So gibt es auch intern bislang keine Forderungen nach Konsequenzen - und daher niemanden, der Koch-Mehrin öffentlich in den Rücken fällt. Die Partei will das Urteil der Uni Heidelberg abwarten, die die Doktorarbeit prüft - und freut sich still und heimlich, dass sie sich im Fall Guttenberg so stark zurückgehalten hat.

Nun gibt es den Fall Koch-Mehrin. Wenn auch dessen Dimensionen nicht recht klar sind, so steht eines sicher fest: Mindestens mal ist das alles äußerst peinlich. Die Internetplattform "VroniPlag Wiki" erhebt Vorwürfe, Koch-Mehrin habe aus anderen Quellen ganze Absätze übernommen, ohne deren Herkunft in den in der Wissenschaft üblichen Quellenangaben transparent zu machen. stern.de hat eine Reihe der Fundstellen überprüft und alle bestätigt gefunden: Koch-Mehrin hat mehrmals abgeschrieben. Derweil sammeln die Plagiatsjäger von "VroniPlag Wiki" unermüdlich neue Passagen. Inzwischen will man mehr als 40 verdächtige Stellen gefunden haben.

"Der blonde Bluff"

Für Koch-Mehrins Karriere könnte die Affäre einen heftigen Dämpfer bedeuten. Die 1,84-Meter-Frau hat dem scheidenden Parteivorsitzenden Guido Westerwelle viel zu verdanken. Als Westerwelle 2001 zum Parteivorsitzenden gewählt wurde, wurde die damals noch unbekannte Blonde sogar kurz als Generalsekretärin gehandelt. Koch-Mehrin ließ sich diese Spekulationen gerne gefallen - schließlich erhöhten sie ihren Bekanntheitsgrad. Der stern titulierte sie daraufhin als "blonden Bluff".

2004 machte Westerwelle die gebürtige Wuppertalerin überraschend zur FDP-Spitzenkandidatin bei den Europawahlen. Koch-Mehrin bescherte den Liberalen nach zehnjähriger Abstinenz den Wiedereinzug ins EU-Parlament. Damals prangte der Doktortitel sogar auf den Wahlplakaten. 2009 führte sie die FDP auf sagenhafte 11 Prozent. Bis heute gilt sie als einzige deutsche Europapolitikerin, die es zu einer gewissen Bekanntheit gebracht hat.

Faulste EU-Abgeordnete?

Unmittelbar nach der Europawahl drohte Koch-Mehrins steiler Aufstieg allerdings ins Stocken zu geraten, als sie sich für einen von 14 Vizepräsidenten-Posten im EU-Parlament bewarb. Erst im dritten Wahlgang erhielt sie die nötige Mehrheit - und das nur dank der Grünen. Das Wahlergebnis ist damals von vielen als Denkzettel für ihren mangelnden Arbeitseinsatz im Parlament interpretiert worden. Vor der Wahl hatte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" aus einem Bericht zititiert, nach dem Koch-Mehrins Präsenzquote bei unter 40 Prozent lag. Werner Langen, Vorsitzender der CDU/CSU-Abgeordneten im Europaparlament, lästerte: "Tatsache ist, dass Frau Koch-Mehrin im Europaparlament mit Abwesenheit und Arbeitsscheu glänzt." Die ansonsten so medienerfahrene Politikerin beging den Fehler, gegen die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zu klagen - und verlor. Aus dem Debakel zog Koch-Mehrin die Konsequenzen und engagierte den früheren Politik-Chef des stern und der "Bild"-Zeitung, Georg Streiter, als ihren Sprecher.

Abgesehen von der "FAZ"-Schlappe verstand es die 40-Jährige immer wieder geschickt, sich für die Medien zu inszenieren. 2005 posierte sie im stern hochschwanger mit nacktem Babybauch. 2004 schrieb sie sogar für die "Praline".

Dreifache Rabenmutter

Silvana Koch-Mehrin wohnt seit 1997 in Brüssel und lebt mit dem irischen Rechtsanwalt James Candon zusammen. Sie ist Mutter dreier Kinder. Ein Herzensthema ist für Koch-Mehrin seit Jahren die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, insbesondere Männer sieht sie hier in der Pflicht. In ihrem Buch "Schwestern: Streitschrift für einen neuen Feminismus" ist Koch-Mehrin 2007 gegen den falschen Mutter-Mythos ins Feld gezogen, der Frauen benachteilige und berufstätige Frauen stigmatisiere. Offensiv hat sich Koch-Mehrin als "Rabenmutter" bezeichnet, als Mutter die nicht 24 Stunden am Tag nur um ihr Kind kreist.

Abgesehen von solchen Initiativen gilt Koch-Mehrin in Parteikreisen eher als Leichtgewicht, zu wenig hat sie sich profilieren können. Sie galt als treuer Westerwelle-Zögling. In den vergangenen Wochen gehörte sie zu den wenigen, die loyal zu dem angeschlagenen Parteivorsitzenden standen.

Vor einigen Jahren verriet Silvana Koch-Mehrin "Zeit", sie habe als Teenager Großwildjägerin in Sambia werden wollen. Es ist anders gekommen. So wie es aussieht, ist sie jetzt die Gejagte. "VroniPlag" sucht weiter.

Mitarbeit: Lutz Kinkel