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Pressestimmen

Fastnachtsauftritt: Deutsche Presse zu AKK: "Merkel wäre das nicht passiert"

Es ist Karneval, aber auch an Karneval gibt es Grenzen. Hat Annegret Kramp-Karrenbauer diese bei ihrem Fastnachtsauftritt überschritten? Darüber diskutiert die deutsche Presse. 

Das Netz ist über Kramp-Karrenbauers Büttenrede empört

Mit einer Fastnachtsrede hat CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer für Empörung gesorgt. Zu der Einführung von Toiletten für das dritte Geschlecht, sagte Kramp-Karrenbauer: "Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist die Toilette." Es dauerte etwas, bis die Brisanz der Äußerung in der Medienwelt ankam. Doch nun diskutiert die gesamte deutsche Presselandschaft über den Fastnachtauftritt. 

"Rheinische Post"

Im Karneval ist so gut wie alles erlaubt. Dafür gibt es ja die  tollen Tage. Die Obrigkeit wird vorgeführt, keine Gnade für US-Präsident Donald Trump oder Kanzlerin Angela Merkel. Aber genau das ist ein wesentliches Merkmal: Man knöpft sich die Herrschenden und Mächtigen vor. Und nicht als Parteichefin eine kleine Minderheit. Annegret Kramp-Karrenbauer will Bundeskanzlerin werden. Gerade als CDU-Vorsitzende sollte sie wissen, dass sie auch  in diesem großen Amt Stimmungen erzeugen kann - auch gegen  Minderheiten. Das ist gefährlich. Wer Menschen zuhört, die sich weder als Mann oder Frau oder in einem falschen Körper fühlen, der mag eine Ahnung von den damit verbundenen Problemen bekommen. Die Katholikin Kramp-Karrenbauer sieht auch die Ehe von Homosexuellen kritisch. Es handelt sich um eine kleine Gruppe von Menschen, aber auch deren Familien schauen genau hin, wie mit ihren Angehörigen umgegangen  wird. Auch deswegen hatte Merkel die Ehe für alle abgeräumt. Bisher wurde Kramp-Karrenbauer gern mit ihr verglichen. Nun kann man einmal umgekehrt sagen: Merkel wäre das nicht passiert.

"Mannheimer Morgen"

 Das Motto von AKK lautet offenbar: Es lagen viele Fettnäpfchen auf ihrem Weg, und sie hat sie alle gefunden. Natürlich möchte niemand, dass sich Kramp-Karrenbauer so weit verbiegt, bis sie Merkel II geworden ist. Zumal das Publikum sehr feinfühlig merkt, wenn jemand nicht mit sich selbst identisch ist. Aber deutlich mehr Sensibilität für ihre neue Rolle als CDU-Vorsitzende, und das ist immer auch die Kanzlerin in spe, sollte die Saarländerin dringend entwickeln. Vielleicht sollte sie eine aktive Teilnahme am Karneval künftig meiden. 

"Hannoversche Allgemeine Zeitung"

Der Sinn des Karnevals ist, dass das Volk sich über seine Oberen lustig macht - nicht umgekehrt. Gehört also eine CDU-Chefin in die Bütt? Und wenn: Sollte sie sich nicht über die politische Kaste lustig machen statt über Minderheiten - auch wenn der Witz vielleicht ursprünglich auf den politischen Betrieb in Berlin abgezielt hat? Und wenn Witz Tabubruch ist: Ist das etwas für Spitzenpolitiker? Interessant an dem Vorgang ist dies: Die Debatte zeichnet sehr fein einen Bruch durch die Gesellschaft nach: den zwischen Stadt und Land, kleinkarierter politischer Korrektheit und "das wird man ja noch sagen dürfen", Progressiven und Traditionalisten.

"Rhein-Zeitung"

Von den fastnachtsfernen Metropolen Hamburg und Berlin aus betrachtet, mögen die flapsigen Äußerungen von AKK einen Skandal wert sein. So monierte Berlins Regierender Bürgermeister, Michael Müller (SPD), hinter Humor stehe immer eine Haltung. Vor allem hinter Humorlosen steht eine Haltung, möchte man ihm entgegnen. CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer stand nicht im Bundestag, sondern vor dem Stockacher Narrengericht, als sie die Latte-Macchiato-Fraktion zum Überschäumen brachte. Dass sie jetzt von einer Empörungswelle überrollt wird, zeigt, dass mit Büttenreden selbst in der Karnevalszeit nicht zu spaßen ist.

"Reutlinger General-Anzeiger" 

Man hätte die - zugegebenermaßen ziemlich verunglückte Redepassage - verhallen lassen können. Am Aschermittwoch ist ja sowieso alles vorbei. Stattdessen nutzen nun allerlei Hüter der politischen Correctness und parteipolitische Süppchenkocher die Steilvorlage, erklettern die Palmen, kramen ihre Goldwaagen hervor und tun so, als ginge es bei der Narretei der Christdemokratin um einen ernsthaften, programmatisch- philosophischen Text. Hat Deutschland wirklich keine wichtigeren Probleme? Und wo blieb - nur ein Beispiel! - bei all den schwiegermutterfeindlichen Büttenreden der vergangenen Jahrzehnte der entsprechende Aufschrei zugunsten der geschmähten Verwandtschaft?

"Neue Osnabrücker Zeitung"

Natürlich gibt es Grenzen. Rassistische und diskriminierende Äußerungen haben in keiner Jahreszeit etwas verloren, auch nicht in der fünften. Davon ist der Witz von Kramp-Karrenbauer aber weit, sehr weit entfernt. Nicht die CDU-Chefin ist in diesem Fall das Problem, sondern die Empörten. Das "Narrengate" steht exemplarisch für ein Meinungsklima, das intoleranter wird und die Gesellschaft polarisiert. Die moralische Diskreditierung Andersdenkender verfolgen Akteure von links und rechts bewusst. Sie wollen den Shitstorm an die Stelle des Diskurses setzen. Hetze statt Argumente - das wäre der Tod der Vernunft.

"Frankfurter Allgemeine Zeitung"

Schon im Altertum tauschten an bestimmten Tagen Herr und Knecht die Rollen, auch im Mittelalter wurde die Obrigkeit parodiert. Insofern wäre es womöglich angebrachter gewesen, wenn die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer Bundeskanzlerin Angela Merkel persifliert (...) oder ihr lustiges Völkchen der Saarländer veräppelt hätte. (...) Abgesehen davon, dass heute zum Glück keine Minderheiten mehr verfolgt und jeder geradezu ein Recht darauf hat, durch den Kakao gezogen zu werden: Auch der Umgang mit einer benachteiligten Gruppe kann selbstverständlich eine komische Betrachtung wert sein. Es stellt sich heute tatsächlich die Frage, ob aus einer Antidiskriminierungspolitik nicht (...) eine Privilegierungspolitik geworden ist. Das ist ein Thema für Politik und Parlamente - und deshalb auch für politischen Karneval....

Das Netz ist über Kramp-Karrenbauers Büttenrede empört
ivi / DPA / AFP