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Pressestimmen

Coronavirus-Pandemie: "Was muss passieren, damit alle den Ernst der Lage erkennen?"

Das Coronavirus stellt die gesamte Gesellschaft auf die Probe: Sind wir solidarisch genug? Kann die Wirtschaft die Krise managen? Und wie steht es wirklich um unser Gesundheitssystem. Pressestimmen so vielfältig wie die Krise.

Hamburger Ladenbesitzer

Das Land kennt praktisch nur noch ein Thema: die Coronavirus-Epidemie. Die Einschränkungen im Alltag sind massiv und nur noch einen Schritt von Ausgangssperren entfernt. Das Land ist aber längst im Ausnahmezustand - auf allen Ebenen. Sind wir solidarisch genug? Kann die Wirtschaft diese Krise managen? Ist das Gesundheitssystem ausreichend ausgerüstet? Wann kann es wieder sportliche und andere Großereignisse geben?

Das sagen die Kommentatoren ...

... zur Solidarität in der Gesellschaft

"Zeit online": Ja, jede Einschränkung tut weh. Kulturpessimisten sehen die Krise schon als Chance zur Besinnung, zur Besinnung auf das Wesentliche. Was für ein Hohn. Besonders für jene, die nicht einfach zu Hause arbeiten können, die allein sind oder krank, die jetzt kein Geld mehr verdienen, die pleitegehen oder die nicht wissen, wo sie Essen herkriegen sollen, weil die Tafeln schließen. Die Probleme der Privilegierten sind kleiner, harmloser. Aber auch die Privilegierten trifft es. Haben Sie schon mal versucht, einer Dreijährigen zu erklären, dass sie nicht in die Kita darf und auf den Spielplatz auch nicht? "Aber da waren wir doch gestern noch", sagt sie und ich muss antworten: "Ja, aber vielleicht war das auch gestern schon falsch."

"Reutlinger General-Anzeiger": Was muss passieren, damit alle den Ernst der Lage erkennen? Ein: "Ich fühle mich gesund und gehöre nicht zur Risikogruppe"  ist nicht nur gedankenlos, sondern auch egoistisch. Es müssen alle mitmachen, damit die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus greifen können. Wenn die Menschen sich selbst jetzt nicht für das Allgemeinwohl einschränken lassen wollen, könnte es auch hierzulande zu rigideren Maßnahmen, wie einer Ausgangssperre kommen. Das Gebot der Stunde lautet: Solidarität mit den Schwächsten der Gesellschaft. Dafür sollte es nicht zu viel verlangt sein, auf Partys oder Shoppingtouren zu verzichten.

"Ludwigsburger Kreiszeitung": Die Coronakrise holt eigentlich Großartiges aus den Menschen hervor: Hilfe für andere, Umsicht, die Bereitschaft, sein eigenes Leben einzuschränken. Aber sie weckt auch böse Geister, die in den sozialen Netzwerken mit der Situation spielen. Falsche Warnungen vor bestimmten Medikamenten gehören ebenso dazu wie Verschwörungstheorien über die Herkunft des Virus, die das Ziel haben, die Menschen gegen Gruppen oder Staaten zu hetzen. Oder die sie dazu bringen sollen, die verordneten Schutzmaßnahmen nicht zu befolgen. "Fake News" in solch einer Situation sind ein Verbrechen. Und wer sie teilt, hilft Verbrechern.

"Münchner Merkur": Auf nicht für möglich gehaltene Weise stellt das Coronavirus plötzlich Mitgefühl und Solidarität einer Gemeinschaft auf die Probe, die daran gewöhnt war, in vollen Zügen die Annehmlichkeiten einer Spaßgesellschaft zu genießen, in der sich viele selbst die Nächsten waren. Jetzt muss sich zeigen, ob wir die Zuneigung, die unser Land 2015 für Flüchtlinge aufbrachte, auch den Schwachen und Alten zuteil werden lassen. Wird sich die vom Virus verschonte Fridays for Future-Generation für den Schutz der Großeltern genauso leidenschaftlichen einsetzen wie für das Klima? Um uns herum gibt es viele zärtliche Gesten der Solidarität. Aber auch das gibt es: Bis direkt vor Inkrafttreten der Clubschließungen waren die Bars voll, bildeten sich lange Schlangen an den Skiliften, und sogar jetzt noch wird zu "Corona-Partys" eingeladen.

... zur Situation des Gesundheitssystems

"Nürnberger Nachrichten": Sollte sich das Virus unkontrolliert ausbreiten, werden die Kliniken bald an ihre Grenzen kommen. Die Ärzte in manchen italienischen Regionen durchleiden jenen Alptraum, den die Politik für Deutschland in jedem Fall vermeiden will: Sie müssen Patienten sterben lassen, weil ihnen die überlebenswichtigen Geräte fehlen. Bleibt uns das erspart, ist es den Preis wert. Deshalb fährt die Republik sicher immer weiter herunter. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder beweist sich in der Krise, er zeigt Qualitäten, die ihm vorher die meisten nicht attestiert hätten.

... zur Situation der Wirtschaft

"Badische Zeitung", Freiburg: Geschäfte müssen mit wenigen Ausnahmen geschlossen bleiben, Fabriken fahren die Produktion herunter, benötigen keine Lieferungen mehr, dadurch wird die gesamte Produktionskette unterbrochen. Aus diesem Zielkonflikt zwischen Gesundheitsschutz und Geldverdienen gibt es keinen Ausweg, bestenfalls lassen sich die Folgen mildern.

"Kölner Stadt-Anzeiger": Aus der Finanzkrise hat die Politik gelernt, jetzt nicht klein zu denken. Kanzlerin und Minister haben sich in ihrer Wortwahl an die - erfolgreiche - Krisenrhetorik des damaligen EZB-Präsidenten Mario Draghi angelehnt: Es wird getan, "whatever it takes" - was immer nötig ist. Doch viele, ob am Band oder im Management, ahnen, dass der Staat trotz guten Willens irgendwann an Grenzen stoßen könnte.

"Nordbayerischer Kurier", Bayreuth: Die Perspektiven sind düster: Produktionskürzungen, Absatzeinbrüche, Personalabbau. Und für Deutschland insgesamt: Rezession. Weil der Autobau deutsche Kernkompetenz und Schlüsselindustrie ist, wirkt er breit ins Land hinein. Jetzt hängt alles davon ab, wie lange das Virus Welt und Wirtschaft lähmt. Mit rigorosen Maßnahmen hat China den Erreger eingedämmt. Europa, anfangs zu zögerlich, folgt nun. Ein Virus verändert die Welt. Noch vor Kurzem hätte dies kaum jemand für möglich gehalten. Die Zukunft, sie ist immer ungewiss.

... zur Politik in Corona-Zeiten

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": Es wäre schön, wenn die Union, die nicht zuletzt auf Solidarität aufbaut, dieses Prinzip in der Krise nicht (völlig) vergisst. Denn dann kann man, sollte es noch schlimmer kommen - immerhin wird schon an Versorgungsluftbrücken für Deutschland gearbeitet -, vieles andere gleich auch vergessen. So weit darf es nicht kommen. Kein europäisches Land sollte sich in dieser Krise alleingelassen fühlen; kein westliches Land sollte in dem Wettlauf nach einem Impfstoff einem engstirnigen Zynismus erliegen. Und sollten andere Länder uns um Hilfe rufen, sollten wir uns nicht verschließen. Jede Regierung wird versuchen und ist dazu verpflichtet, Wohl und Gesundheit der eigenen Bürger zu wahren. Das bedeutet aber nicht, dass man es nicht gemeinsam tun kann.

"Stuttgarter Nachrichten": Es ist enttäuschend, dass Deutschland Ausfuhrbeschränkungen für Atemmasken und medizinisch notwendige Geräte auf den Intensivstationen erlässt, während in Italien in den Krankenhäusern die Not zum Himmel schreit. Es müsste auch selbstverständlich sein, dass Frankreich und andere Nachbarn, bei denen viele Betten auf den Intensivstationen zumindest jetzt noch frei sind, Betroffene aus Norditalien aufnehmen. In der Stunde der Krise sind vor allem die Nationalstaaten gefragt. Sie sind es, die den Takt vorgeben. Sie entscheiden über die Wiedereinführung von Grenzkontrollen im Schengen-Raum.

"Neue Osnabrücker Zeitung": Bei der Bewältigung der Corona-Krise findet abgestimmtes Handeln in der EU erst im Nachhinein statt. Tatsächlich darf man von ihr derzeit nicht zu viel erwarten. Der Ball liegt im Spielfeld der Nationalstaaten. Das hat in dieser Krise auch Vorteile, denn nur wer das Vertrauen der Bürger genießt, bekommt Akzeptanz für härteste Maßnahmen. Wenn nun die Schließung der EU-Außengrenzen bevorsteht und an den Binnengrenzen des Schengenraums systematisch kontrolliert wird, dreht dies nicht das Rad der Integration zurück. Die EU muss aber garantieren, dass die Auswirkungen auf den Binnenmarkt als Ort des freien Warenverkehrs möglichst gering ausfallen, damit es nicht zu Engpässen bei der Versorgung kommt. Gelingt das nicht, droht Corona den Ruf der EU arg zu ramponieren.

... zur Absage der Fußball-EM

"Süddeutsche Zeitung": Im Theater der Emotionen ist "die große Fußball-Familie" nur gespielt, das Wort Verzicht kommt nicht vor. Schon das bloße Verschieben der EM verkauft die Uefa als großes Opfer. Jeder schaut, wo er bleibt: Das Pay-TV braucht Ware für seine Abonnenten, die Klubs brauchen das Fernsehen für ihre Sponsoren, die Sponsoren brauchen das Fernsehen für die Werbung, Spieler und Manager brauchen alles für ihre Gehälter. Mal sehen, wer am Ende in diesem Boot voller Schiffbrüchiger wen aufgefressen hat. Die großen Klubs sehen schon mal nicht ein, die kleinen mit ihrer Solidarität für deren Armut zu "belohnen" - man sei "im Wettbewerb", sagt Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer der Borussia Dortmund GmbH & Co KGaA.

"Berliner Morgenpost": Die Verschiebung des Leuchtturm-Events EM hat den Alltagsbetrieben des Fußballs (samt der hochlukrativen Champions League) nun ein wenig Zeit verschafft, um die Saison im Mai und Juni vielleicht doch noch zu Ende bringen zu können. Die Entscheider haben verstanden, dass selbst der hellste Leuchtturm in sich zusammenbricht, wenn das Fundament zerbröckelt. Damit die EM im Sommer 2021 stattfinden kann, kommt sogar der Weltverband Fifa der Uefa entgegen, dabei pflegen die Dachorganisationen ein eher vergiftetes Verhältnis. Fifa-Präsident Gianni Infantino will die von ihm initiierte und für Sommer 2021 geplante Klub-WM verlegen. Alle haben begriffen: Jetzt ist nicht die Zeit für Machtkämpfe. Ein Signal, das Mut macht.

"Schwäbische Zeitung", Ravensburg: Der Dienstag war ein guter Tag für die Europäer - nicht obwohl, sondern gerade weil erstmals eine Fußball-EM abgesagt wurde. Die Entscheidung der Uefa, das Turnier um ein Jahr zu verschieben, war alternativlos. Hätte sie auf dem Termin im Sommer beharrt, hätten sich wohl keine Teilnehmer gefunden. Alle 24 Fußballnationen haben derzeit nur eine Priorität: mittels Geisterspielen ihre Liga zu beenden, was angesichts der großen Wahrscheinlichkeit, dass alle Teams bei Infektionen in Quarantäne müssen, schwierig genug werden dürfte. Bleiben aber die TV-Einnahmen aus, müssen etliche Vereine um ihre Existenz bangen. Die Uefa hat dem Fußball somit den Schritt ermöglicht, sich selbst zu retten. Einer für alle - selten war das Credo jedes Mannschaftsports so bitter nötig.

dho / DPA / AFP

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