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Pro und Contra: Guttenberg-Show am Hindukusch

PR-Stunt für die Guttenbergs oder Solidaritätsbekundung zu den Soldaten in Afghanistan? Ein Pro und Contra zum Frontbesuch des Verteidigungsministers.

Von Sophie Albers und Axel Vornbäumen

Neid auf Stars

Was ist eigentlich los mit den Deutschen? Während Michelle Obama und Carla Bruni jederzeit in bewährter Jackie-Kennedy-Manier als Frauen an der Seite mächtiger Männer angehimmelt werden dürfen, setzt es für den Frontauftritt der Verteidigungsminister-Gattin Stephanie zu Guttenberg in Afghanistan reflexartig Medienprügel. "Die Schönen und der Krieg" titelt die "Frankfurter Rundschau" und wirft den Guttenbergs unisono mit Stimmen der Opposition eine "noch nie dagewesene Kampagne zur Pflege ihrer eigenen Marke" vor. "Die Guttenberg-Show", nennt es die "FAZ", "Ego-Feldzug am Hindukusch" die "SZ". "Peinlich und unangemessen", findet das "Handelsblatt" den Frontbesuch. Oder wie SPD-Chef Sigmar Gabriel es so uneigennützig unterhaltsam formulierte: "Frau Katzenberger fehlt noch. Da hätten wenigstens die Soldaten was davon."

Mal abgesehen von Gabriels geschmackloser "Apocalypse Now"-Romantik, muss man sich langsam schon fragen, in welchen Wunden die Guttenbergs eigentlich bohren, dass sie so leidenschaftlich gescholten werden.

Kindergarten

Fakt ist, dass das adlige Paar eine Lücke füllt, die in diesem Land seit Jahren klafft: Ein Grund für Guttenbergs Aufstieg sei die "Farb- und Glanzlosigkeit der anderen Politiker", hatte der Hamburger Politik-Professor Michael Greven im Oktober analysiert. "Er sieht gut aus, ist ein Freiherr, hat eine hübsche Frau und macht einen ganz ordentlichen Job." In einem anderen Land sei das vielleicht nicht weiter bemerkenswert, aber in der deutschen Politik mache das Guttenberg zu einer schillernden Figur.

Ist es also Neid, der da an den Kritikern nagt? Missgunst, die mit aller Macht geforderte urdeutsche Eigenschaft der Schadenfreude? Wenn einer alles hat, ihm alles gelingt, dann soll er dabei nicht auch noch gut aussehen? Ganz ehrlich, das wäre Kindergarten-Niveau. So lange der Mann seinen Job "ganz okay" macht, darf er seiner Frau ruhig für Fotos über die Wange streicheln. Geht ja auch anders, wie diverse eher lieblose Politikerehen zeigen. Aber zurück zur Aufregung: Es ist wohl doch noch etwas anderes, das die Kritik schneidender werden lässt, als die Figur, die Guttenberg macht, wenn er in Wüstenboots durch den Hindukusch stapft.

Fragen Sie Patricia Riekel

Und jetzt wird es lustig, denn genau genommen haben die Guttenbergs ein ähnliches Problem wie einst Katja Riemann oder auch Til Schweiger: Deutschland mag keine Stars, jedenfalls nicht aus den eigenen Reihen: "Erfolg ist verdächtig, und wer ihn genießt, gilt als oberflächlich", sagte einst "Bunte"-Chefin Patricia Riekel, und die muss es ja wissen. Und dass Guttenberg auch noch Baldrian-Talker Johannes B. Kerner mit an die Front genommen hat, um den knapp 5000 deutschen Soldaten mit vereinter Medienmacht "Frohe Weihnachten" zu wünschen, gilt als maximale Oberflächlichkeit.

Es scheint die preußische Tugend der Bescheidenheit zu sein, die Guttenberg vermissen lässt, und die sich offensichtlich auch nicht durch die anderen wie Fleiß, Sparsamkeit, Geradlinigkeit und Disziplin aufwiegen lässt.

Aber wie hießen eigentlich noch mal die Verteidigungsminister vor Guttenberg und was waren ihre größten politischen Errungenschaften?

P.S.: Was halten Sie von dem Besuch in Afghanistan? Diskutieren Sie mit auf der Facebook-Seite von stern.de.

Kitsch des Boulevard

Sieben Mal war Karl-Theodor zu Guttenberg in seiner gut einjährigen Amtzeit nun schon bei der Truppe am Hindukusch. Das ist eine ziemlich enge Taktung, selbst für einen Verteidigungsminister. Guttenberg hat versprochen, sich an diesen Rhythmus zu halten. Wenn man ihm also eines nicht vorwerfen kann, dann den Umstand, er habe die Bundeswehr in Afghanistan aus dem Auge verloren. Niemand, der bei Verstand ist, behauptet das.

Im Gegenteil. Der Krieg am Hindukusch ist Guttenbergs zentrales Aufgabenfeld, und das aus gutem Grund. Mehr noch als eine passabel gestaltete Bundeswehrreform würde ein geregelter Abzug der deutschen Soldaten aus Afghanistan als Bonus auf das Karrierekonto des ambitionierten CSU-Politikers gebucht. Um es in den zynischen Denkkategorien der Machtpolitik zu formulieren: Karl-Theodor zu Guttenberg hat in Afghanistan viel zu gewinnen. Schon in eigenem Interesse muss er also sehen, dass das Thema weit oben auf der Aufmerksamkeitsagenda angesiedelt ist.

Wahl der Mittel

Nun hat er sich in der Wahl seiner Mittel vergriffen: Durch die Mitnahme seiner Frau Stephanie und des TV-Softtalkers Johannes B. Kerner an die Front in Kundus hat Guttenberg die Bundeswehrsoldaten zur Kulisse für seine eigene PR-Show degradiert. Was im Gewand von angeblicher Ernsthaftigkeit und Anteilnahme daher kommt, ist in Wahrheit ein weiterer Ausflug in die Kitschwelt des Boulevard. Die Frage nach der richtigen "Ausrüstung" bekommt angesichts des Holzfällerhemdes der Ministergattin plötzlich einen ganz anderen Touch.

Wer anderes behauptet, sollte sich kritisch prüfen, was bei ihm selbst von dem Besuch der Guttenbergs hängen geblieben ist - es sind eher die Bilder der beiden inmitten lächelnder Soldaten als die rundgeschliffenen Solidaritätsadressen, zu deren Abgabe die Gattin vorgeblich mitgereist ist. Dass sich die Soldaten über ein bisschen Abwechslung in der Vorweihnachtszeit freuen - geschenkt. Interessanter ist schon, wie schal der Nachgeschmack ist, wenn sie nach Abreise der Guttenbergs die Doppelbödigkeit des Besuchs wahrnehmen.

Gabriel und die Katzenberger

Jetzt fehle beim nächsten Mal nur noch "Frau Katzenberger", stichelt SPD-Chef Sigmar Gabriel - und wahrscheinlich würden sich die Soldaten über die dralle Blondine aus dem Trash-Fernsehen tatsächlich nicht minder freuen. Gabriel meinte es aber als Stilkritik. Sie zielt indes daneben. Hinter der Fantasie, wen mitzunehmen Guttenberg sich in Zukunft noch trauen wird, bleibt zurück, dass der Minister bereits diesmal eine Grenze überschritten hat.

Was aber kann noch kommen? Ein Weihnachtskonzert in Kundus, dirigiert von Karl-Theodors Vater Enoch zu Guttenberg? Ein Überraschungskonzert vor der Truppe von AC/DC, der vermeintlichen Lieblingsband des Ministerehepaars, zu deren Auftritten die Guttenbergs ebenfalls das passende Outfit im Schrank haben. Alles scheint möglich. Die Soldaten dürfen gespannt sein. Dass Guttenberg AC/DC eigentlich längst nicht mehr hören kann, muss die Erwartungen nicht über Gebühr dämpfen. Solange es seinem Image förderlich ist, wird auch das wahrscheinlich nicht völlig utopisch sein. Und zur Not gibt es ja auch Ohrstöpsel. Davon hat die Bundeswehr wirklich genug.

P.S.: Was halten Sie von dem Besuch in Afghanistan? Diskutieren Sie mit auf der Facebook-Seite von stern.de.