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Rheinland-Pfalz: Mit Kurt und Kohl im Kasino

Weshalb kann Kurt Beck mit Gulasch punkten? Und wieso hält Dr. Helmut Kohl den CDU-Kandidaten keineswegs für einen geborenen Landesvater? Die Antworten gaben die Herren diese Woche im Kasino einer WM-Stadt.

Aus Kaiserslautern berichtet Florian Güßgen

Er grinst. Er grinst sein breitestes Grinsen, faltet die Hände vor dem Bauch – und schweigt. An diesem Montag, dem letzten vor der Wahl, steht Kurt Beck im großen Saal der rheinland-pfälzischen Landesvertretung in Berlin. Durch das Panoramafenster hinter ihm ist das Holocaust-Denkmal zu sehen, dahinter der Reichstag mit seiner Glas-Kuppel. Eigentlich ist Beck hier, um für Kaiserslautern zu werben, die kleinste WM-Stadt, Motto: "Wer uns findet, findet uns gut". Aber es ist Wahlkampf, und so ganz kann man den auch nicht außen vor lassen. Gerade hat ein Journalist Kaiserslauterns Bürgermeister Bernhard Deubig gefragt, ob es nicht seltsam sei, dass er, der CDU-Mann, nur wenige Tage vor der Wahl die Zusammenarbeit mit dem SPD-Ministerpräsidenten so preise. Zunächst versucht Deubig es mit einem Scherz, dann spielt er die Sache herunter. Nein, nein, versichert er. Er sehe da überhaupt kein Problem. Es gehe ja um die Sache, um den Erfolg der Stadt. Und da wolle er nicht verschweigen, dass Beck und er, dass Land und Stadt an einem Strang gezogen hätten. "Was wir bewirken wollten, das ist da", rühmt er die Kooperation. Beck steht daneben. Er schweigt, er grinst, und er genießt.

SPD und FDP liegen in Umfragen vorn

Beck kann ruhig schlafen, auch in dieser letzten, dieser immerhin lauwarmen Phase des Wahlkampfs in Rheinland-Pfalz. Wenn das Ergebnis am Sonntag die Umfragen nur halbwegs widerspiegelt, so erhält seine Rot-Gelbe Koalition wieder die absolute Mehrheit. Die Demoskopen taxieren die SPD bei etwa 43 Prozent, die FDP pendelt zwischen acht und neun Prozent. Die Union schwankt zwischen 35 und 36 Prozent, die Grünen liegen stabil bei sechs Prozent. Schwer kalkulierbar erscheint lediglich die Zustimmung zur WASG. In den Umfragen liegen die Neo-Linken zwar nur bei drei Prozent, aber auf ihr Scheitern mag sich noch niemand so recht festlegen. Sollte die WASG die Fünf-Prozent-Hürde überspringen, könnte das die Mehrheit von Rot-Gelb gefährden und möglicherweise ein anderes Bündnis erzwingen. Weil der Ministerpräsident in Mainz jedoch aller Voraussicht nach in jedem Fall auch in den kommenden fünf Jahren Beck heißen wird, ist die Wahl aus großkoalitionärer Sicht fast unbedenklich. Ein Zwist in Berlin wird das Ergebnis kaum auslösen.

Der Beck von nebenan

Das Pfund, mit dem die SPD in Rheinland-Pfalz wuchern kann, ist Kurt Beck selbst. In dem latent provinziellen Bindestrich-Land gibt Beck erfolgreich und glaubwürdig den bodenständigen Landesvater. Die Genossen haben den Wahlkampf komplett auf ihn zugeschnitten. "Zweitstimme ist Beck-Stimme" steht auf den Prospekten, die sie verteilen, von zig Postern blickt Beck auf die Wähler herab. Die leicht geplättete Mecki-der-Igel-Frisur, der Vollbart, die leicht proletarisch durchwirkten Gesichtszüge, schon physisch wirkt Beck, der seit 1994 an der Regierungsspitze in Mainz steht, wie einer von nebenan. Im Tagesgeschäft pflegt er dieses Bild. Er hält sonntägliche Bürgersprechstunden ab, übernimmt Patenschaften für Auszubildende, setzt sich für Behinderte ein, schwört auf Ganztagsschulen, verzichtete auf den SPD-Chefposten im fernen Berlin und gab Müntefering kontra, als der Arbeitsminister die Einführung der Rente mit 67 beschleunigen wollte. Er könne sich jedenfalls nicht vorstellen, dass ein Dachdecker bis ins hohe Alter von 67 arbeite, sagte Beck, der gelernte Elektrotechniker, damals. Solche Äußerungen kommen gut an bei der sozialdemokratischen Klientel. Und weil es Rheinland-Pfalz im Vergleich mit anderen Bundesländern wirtschaftlich gut geht, bietet die Regierung in der Sachpolitik kaum Angriffsfläche. Die Beck-Strategie der SPD könnte deshalb aufgehen..

Gerechtigkeit, Nudeln und Gulasch

Wie Beck Volksnähe demonstriert kann man an diesem Mittwoch in Kaiserslautern beobachten, in einem Saal des Kulturzentrums Kammgarn. Eine alte Fabrik ist das, hell, modern, hergerichtet im besten urbanen Latte-Macchiato-Stil. Kanzlerin Merkel war vor einer Woche hier, den CDU-Spitzenmann Christoph Böhr hatte sie im Schlepptau. Heute sind die Genossen dran. Draußen haben sie rote SPD-Flaggen gehisst, drinnen in der Halle, die hier "Kasino" heißt, hält der Regierungs-Chef seine Standard-Rede. Die dreht sich um den Arbeitsmarkt, um Ausbildung, um Studiengebühren, um Sicherheit, um Fraunhofer-Institute und um die gleißende High-Tech-Zukunft der WM-Stadt Kaiserslautern. Beck muss die Rede schon Hunderte Male gehalten haben in diesem Wahlkampf. Und dennoch, fast überraschend, vermittelt der 57-Jährige Leidenschaft. Er ist ganz Mensch, und das ist sogar glaubwürdig. In einer Passage etwa erzählt er von Eltern, die ihre Kinder vom gemeinsamen Mittagessen in der Schule abmelden, weil sie die drei oder vier Euro nicht mehr aufbringen können. Klar, sagt Beck. An der Vermutung sei wohl etwas dran, dass der Papa das Geld wahrscheinlich lieber für Schnaps ausgibt als für das Kind. Aber was soll’s? Das sei kein Argument dagegen, mit Zuschüssen zu helfen. Fast drohend hebt er die Stimme. "Es darf nicht so sein in unserer Gesellschaft, dass die einen drinnen ihre Nudeln und ihr Gulasch essen und die anderen vor die Tür gehen. Das werden wir in Rheinland-Pfalz nicht dulden." Man glaubt Beck, dass ihn diese und ähnliche Problem tatsächlich umtreiben.

"Der kann net mit de Leut'"

Die CDU hat sich auch in diesem Wahlkampf schwer getan, eine richtige Antwort auf diese Popularität Becks zu finden. Inhaltliche Gewinner-Themen gab es nicht – im Kern begnügte sich die CDU damit, 900 neue Lehrer, 800 neue Polizisten und beitragsfreie Kindergärten zu fordern – und personell hat die Partei ein Problem. Zwar brandmarken die Christdemokraten Beck als selbstverliebten Sonnenkönig, aber insgeheim dürften sie sich ärgern, dass ihr Spitzenmann dem Regierungschef gerade auf der emotionalen Ebene nicht ebenbürtig ist. Im Vergleich mit dem Genossen wirkt Christoph Böhr, der promovierte Philosoph, spröde und blutarm. "Der kann net mit de Leut'", soll Alt-Kanzler Helmut Kohl, selbst einmal rheinland-pfälzischer Regierungs-Chef, noch 2001 geunkt haben – ein vernichtendes Urteil war das aus dem Munde des "rheinland-pfälzischen Bundeskanzlers", wie er in Kaiserslautern begrüßt wurde. Nach der Niederlage 2001 hat sich Böhr in Sachen Volksnähe zwar gebessert, aber auch bei seinem zweiten und wohl letzten Anlauf scheint die CDU ihrem Spitzenmann nicht vollends zu trauen. Plakatiert wird er auffallend wenig, in Reden wird er von so manchem Landtagskandidaten vergessen oder unterschlagen – und auch als Dr. Helmut Kohl, Bundeskanzler a.D., am Donnerstag in das "Kasino" in der Kammgarn kommt, wirkt die Hymne reichlich gequält.

"Er ist nicht der geborene Landesvater"

Sicher, zunächst bemüht sich der 75-Jährige sichtlich, den potenziellen Nachfolger zu preisen, ihm nur ja nichts Übles anzuhängen. Böhr sei ein "Freund", sagt er. Er sei ein "Mann mit Charakter", einer, von dessen Art es wenige gebe in der Politik. Böhr sei keiner, der dem flüchtigen Zeitgeist hinter her renne und die Politik als Show begreife. Das "Schaugeschäft", wie Kohl es nennt, nütze vielleicht in Wahlkampfzeiten, aber in der praktischen Politik nütze es nichts. Böhr sei ein "Vordenker" der CDU, vor allem deshalb, weil er "ein nachdenklicher Mann" sei. Schlecht klingt das nicht, wenn auch ein wenig gestelzt, ungewöhnlich gestelzt aus dem Munde Kohls. Irgendwann flutscht es dann - trotz aller guten Absichten - ohnehin heraus aus Kohl. "Er ist vielleicht nicht der geborene Landesvater", sagt der Kanzler der Einheit, nur um sich Sekunden später in Schadensbegrenzung zu üben. Schnell fügt er hinzu, dass das aber auch nur halb so schlimm sei, weil selbst er, Kohl, am Anfang auch kein "geborener Landesvater" gewesen sei. Der ehemaligen Ministerpräsident unterschlägt dabei wohlwollend, dass er bei seinem ersten Amtsantritt im Mai 1969 erst 39 Jahre alt war. Der Welpenschutz für Böhr müsste demnach eigentlich abgelaufen sein. Der ist heute bereits 52.

SPD verspottet Oberbürgermeister

CDU-Bürgermeister Bernhard Deubig dürfte nach seinem partei-übergreifenden WM-Auftritt in Berlin übrigens das Scherzen doch noch vergangen sein. Als die SPD-Landtagskandidatin Ruth Leppla nämlich direkt vor Becks Auftritt in Kaiserslautern dessen Verdienste rühmt, kann sie sich einen Seitenhieb auf Deubig nicht verkneifen. "Dass in Berlin auch der Oberbürgermeister unserer Stadt anwesend war, dass er sich wenige Tage vor der Wahl auch als CDU-Politiker mit dem Ministerpräsidenten gezeigt hat, dass lässt nur eine Vermutung zu", spottet die Genossin: "Auch die CDU geht davon aus, dass der nächste Ministerpräsident Kurt Beck heißen wird." Ob der Ministerpräsident Lepplas Worte gehört hat, ist nicht überliefert. Wenn ja, hätte er wohl nicht gegrinst. Er hätte schallend gelacht.