Rudolf Scharping "Genosse Scharfsinn"


Rudolf Scharping zieht sich aus der SPD-Spitze zurück und wird in Zukunft nicht mehr dem Vorstand der Partei angehören. Auch in der rheinland-pfälzischen Landespolitik will er keine Rolle mehr spielen. Wirklich traurig ist darüber niemand in der SPD.

An Selbstbewusstsein hat es Rudolf Scharping nie gemangelt. Noch am Tag seiner Entlassung als Verteidigungsminister Mitte Juli 2002 sagte der frühere SPD-Parteichef, er verlasse das Amt "mit erhobenem Haupt und geradem Rückgrat". Als Minister hatte er vom PR-Berater Moritz Hunzinger 140.000 Mark Honorare kassiert - aber das fand Scharping in keinster Weise verwerflich. Nun, mehr als ein Jahr später, folgt der nächste Schritt im langen Abstieg des "Genossen Scharfsinn": Er wird beim SPD-Parteitag im November nicht wieder als Stellvertreter von Parteichef Schröder kandidieren, wie er erklärte.

"Aber es reicht jetzt"

Prompt wagten sich am Montag seine Kritiker aus der Deckung: Juso-Chef Niels Annen sagte, Scharping habe nun offenbar erkannt, dass eine Kampfkandidatur gegen den rheinland-pfälzischen Regierungschef Kurt Beck "in einem Desaster für ihn geendet hätte". Nun müsse Scharping auch sein Abgeordnetenmandat im Bundestag niederlegen, forderte er. Zwar habe der frühere rheinland-pfälzische Ministerpräsident seine Verdienste. "Aber es reicht jetzt. Wir brauchen einen klaren Schnitt."

Scharpings Stern begann schon zu sinken, als er zum Höhenflug ansetzte. Die ihm zur Last gelegte Wahlniederlage gegen Helmut Kohl am 16. Oktober 1994 bestätigte die Zweifel vieler Spitzengenossen an der Durchsetzungsfähigkeit des erst 16 Monate zuvor zum Parteichef Gekürten. Nach dem "Königsmord" durch Oskar Lafontaine im Jahr darauf leiteten schwindende Autorität, mangelnde Fortune und politische Instinktlosigkeit einen unrühmlichen Niedergang ein.

Sohn eines Westerwälder Möbelhändlers

Dabei hatte alles so glanzvoll begonnen: Der blitzgescheite Sohn eines Westerwälder Möbelhändlers machte eine steile Karriere in der rheinland-pfälzischen SPD. Als der damals 44-Jährige im Jahr 1991 die Mainzer Staatskanzlei eroberte, galt er als überaus volksnah, effizient und als freudiger Entscheider. Im Rausch des Hochgefühls nutzte Scharping die Gunst der Stunde. Als der charismatische Björn Engholm wegen einer Falschaussage in der Barschel-Affäre zurücktreten musste, kämpfte er 1993 gegen Gerhard Schröder und Heidemarie Wieczorek-Zeul um den Parteivorsitz und obsiegte. Es begann die eigentümliche Wandlung Scharpings vom souveränen Ministerpräsidenten zur immer hölzerner und verlassener wirkenden Galionsfigur der Sozialdemokraten.

Glücklos verordnete er der Partei im Wahljahr 1994 eine Politik der Mitte und eckte damit bei der Linken an. Als Leckerbissen für die angeschlagene CDU/CSU erwies sich Scharpings strikte Ablehnung einer Koalition mit der PDS, was nur wenig später durch die rot-rote Duldungskoalition in Sachsen-Anhalt konterkariert wurde. Hinzu kam eine herbe Niederlage der SPD bei der Europawahl und der unspektakuläre, manche sagten "schlaffe" Bundestagswahlkampf: Die SPD und ihr neuer Vorsitzender verspielten einen nur Monate zuvor sicher gewähnten Sieg.

Statt ins Bonner Kanzleramt einzuziehen, übernahm der damals 46-Jährige das Amt des Oppositionsführers. Die an seiner Statur zweifelten, und das waren nicht wenige, warfen ihm Führungsschwäche, Orientierungslosigkeit und Eigenmächtigkeit vor.

Von Lafontaine gestürzt

Dennoch hatten auf dem Mannheimer Parteitag im November desselben Jahres nur wenige geahnt, dass Scharping von Oskar Lafontaine gestürzt würde. Als der gescheiterte SPD-Vorsitzende 1998 mit Gerhard Schröders Wahlsieg auch das Amt des Fraktionsvorsitzenden im Bundestag verlor und mit dem ungeliebten Posten des Verteidigungsministers vorlieb nehmen musste, mag sich in Scharping eine gewisse Wurstigkeit breit gemacht haben. Anders ließen sich nach Ansicht von Beobachtern die Instinktlosigkeiten seiner Turtelfotos mit Gräfin Pilati und seine privaten Mallorca-Flüge auf dem Höhepunkt der Balkan-Krise nicht erklären. Wegen seines äußerst langsamen Sprachduktus war er schon seit Jahren eine beliebte Zielscheibe von Kabarettisten.

Die Enthüllungen zum Thema Hunzinger-Honorare des "stern" im Sommer 2002 waren dann nur der berühmte Tropfen, der das Fass überlaufen ließ: Scharping wurde am 18. Juli von Schröder entlassen, weil er von Hunzinger 1998 ein Lizenzgeld für seine Memoiren von 80.000 Mark (rund 40.900 Euro) und 1999 Vortragshonorare von 60.000 Mark (rund 30.700 Euro) angenommen hatte. Scharpings Versicherung, er habe das Geld ordnungsgemäß versteuert und für soziale und karitative Einrichtungen oder politische Arbeit verwendet, interessierte den Kanzler nicht mehr.

Seitdem tauchte Scharping allenfalls auf den Vermischtenseiten der Zeitungen auf: Im April 2003 heiratete er seine Lebensgefährtin, die Frankfurter Rechtsanwältin Kristina Gräfin Pilati. Erst einen Monat zuvor war er nach 32-jähriger Ehe von seiner Frau Jutta geschieden worden.

Torsten Holtz und Anselm Bengeser print

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