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Mordfall Walter Lübcke Neue Erkenntnisse nach Politikermord: Saß Stephan E. bei Lübcke im Publikum?


Der Tatverdächtige im Fall Lübcke, Stephan E., war laut Verfassungsschutzchef Thomas Haldenwang seit Jahren "unauffällig". Das ARD-Magazin "Monitor" widerspricht Haldenwang und auch der "Spiegel" berichtet von neuen Erkenntnissen.

Nach dem Mord an Walter Lübcke prüfen die Ermittlungsbehörden offenbar eine mögliche persönliche Verbindung des Tatverdächtigen Stephan E. zu dem Kasseler Regierungspräsidenten. Es sei möglich, dass E. am 14. Oktober 2015 in Lohfelden an einer Bürgerversammlung mit Lübcke teilgenommen habe, schreibt der "Spiegel". Auf dieser Veranstaltung hatte der CDU-Politiker eine geplante Flüchtlingsunterkunft verteidigt und sich gegen Schmährufe gewehrt. Dabei sprach er von Werten des Zusammenlebens und sagte: "Wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist." Daraufhin wurden zunächst unter den 800 Besuchern im Saal Proteste laut. Später wurde ein Video des Auftritts im Internet veröffentlicht und erntete zahlreiche Hasskommentare.

E. soll Lübcke als "Volksverräter" beschimpft haben

Stephan E. habe Lübckes Auftritt nicht nur "sehr genau wahrgenommen", sondern gegenüber Gleichgesinnten auch "kommentiert und bewertet", zitiert der "Spiegel" nicht näher bezeichnete Ermittler. In einem Chat habe er sich über Lübcke aufgeregt und ihn "Volksverräter" genannt.

Dem Bericht zufolge liegt das Bürgerhaus von Lohfelden, in dem die Versammlung stattfand, nur zwei Kilometer von E.s Wohnhaus entfernt. Die Erstaufnahmeeinrichtung habe nur einen guten Kilometer von seinem Haus entfernt entstehen sollen. Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, die inzwischen die Ermittlungen führt, wollte sich zu dem Bericht nicht äußern.

Unterdessen meldet das ARD-Magazin "Monitor", Stephan E. habe deutlich länger Kontakt in die rechtsextreme Szene gehabt als bislang angenommen. Noch im März habe er an einem konspirativen Treffen von Mitgliedern neonazistischer Organisationen teilgenommen.

"Monitor" widerspricht Verfassungsschutzchef

Verfassungsschutzchef Thomas Haldenwang hatte Anfang dieser Woche erklärt, der Mordverdächtige sei seit zehn Jahren "unauffällig" gewesen. Nach den Erkenntnissen von "Monitor" nahm E. aber am 23. März an einer konspirativen rechten Veranstaltung im sächsischen Mücka teil. Dort sei er zusammen mit Mitgliedern der neonazistischen Organisationen Combat 18 und Vereinigung Brigade 8 fotografiert worden.

Das ARD-Magazin wertete die Bilder nach eigenen Angaben in Zusammenarbeit mit einem Gutachter aus, der diese als authentisch eingestuft habe. Combat 18 wurde als bewaffneter Arm des Neonazi-Netzwerks Blood and Honour gebildet, das wiederum als zentrale Unterstützergruppe des rechtsextremistischen Nationalsozialistischen Untergrundes gilt.

Nach Ansicht der Ombudsfrau für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer, Barbara John, könnte E. zum Umfeld der Terrorgruppe gehört haben. "Ich schließe nicht aus, dass der jetzt Festgenommene damals zu den NSU-Kreisen gehört hat, die im Hintergrund beteiligt waren", sagte John den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland mit Blick auf die Ermordung von Halit Yozgat durch die Terroristen in Kassel im Jahr 2006 und forderte eine Untersuchung möglicher Verbindungen zwischen dem Mordfall Lübcke und dem Netzwerk. 

Lübcke war in der Nacht zum 2. Juni auf der Terrasse seines Wohnhauses im hessischen Wolfhagen-Istha niedergeschossen worden. Dringend tatverdächtig ist E., der 45-Jährige sitzt in Untersuchungshaft. Die Bundesanwaltschaft stuft das Verbrechen als politisches Attentat mit rechtsextremem Hintergrund ein.

mad AFP DPA

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