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Verdächtiger Stephan E.: "Hass auf alles und jeden": Auf den Spuren des Mannes, der Walter Lübcke ermordet haben soll

Stephan E. war ein einsames Schlüsselkind. Sein Vater war Alkoholiker. Aus Angst vor ihm, so schilderte es Stephan E. vor Jahren einem Gerichtspsychiater, schlief er als Kind mit einem Messer im Bett. 

Von Isabel Stettin, Kerstin Herrnkind und Ingrid Eißele

Das Haus des verstorbenen Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU)

Das Haus des verstorbenen Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU). Der 45-jährige Stephan E. hatte ein ganzes Waffendepot angelegt

dpa

Das Haus bei Wiesbaden ist gepflegt, gelb getüncht, groß. Es ist zugewachsen, ein Garten liegt geschützt hinter Bäumen und Büschen. Hier zog Stephan E. mit Eltern und Bruder ein, als er elf Jahre alt war. Hier lebte er. Bis er 1999 nach Kassel zog. In der Nähe, in Wolfhagen-Istha, soll er Anfang Juni den CDU-Politiker Walter Lübcke erschossen haben.

Ein naher Verwandter will eigentlich nicht mit der Presse reden. Er hat Angst um seine Familie und seinen Ruf.  "Ich kann nur sagen, ich kann mir nicht vorstellen, dass er es gemacht hat. Er war total stolz auf seine Kinder, hat immer an seinem Haus rumgebastelt, von daher bin ich davon ausgegangen: Nun ist alles gut."

Tatsächlich war es Jahrzehnte nicht gut gegangen mit Stephan E. (45). "Er hat von klein auf Probleme gemacht", sagt eine Nachbarin. Niemand will namentlich genannt werden. Anfang der Neunziger Jahre habe  Stephan E. ihr das Fahrrad aus der Garage gestohlen, erzählt die Frau. "Mit ihm oder der Mutter habe ich darüber nie gesprochen. Für mich war die Sache erledigt, als das Rad wieder da war." Sie habe keinen Ärger gewollt.

Der Vater sei Arbeiter in einem großen Werk gewesen. Die Mutter habe als Friseurin gearbeitet. Stephan E. sei ein zurückgezogener Einzelgänger gewesen. "Stephan hat sich, soweit ich das beurteilen kann, in keinster Weise im Dorf mit anderen Jungs verbunden. Später hatte er immer die Springerstiefel an. Da war schon klar, in welche Richtung es geht", erinnert sich ein anderer Nachbar.

Erster Brandanschlag mit 15

Tatsächlich wurde Stephan E. früh kriminell. Er war 15 Jahre alt, als er ein Mehrfamilienhaus in Brand setzte. Er wurde vor Gericht gestellt. Ob und zu welcher Strafe er verurteilt wurde, ist nicht bekannt. Die Gesamtschule verließ er mit dem Hauptschulabschluss, fing eine Maurerlehre an, die er jedoch nach zweieinhalb Jahren wegen einer Verletzung abbrach. Immer wieder geriet er mit dem Gesetz in Konflikt.

Am 23. November 1992 stand Stephan E. morgens im Hauptbahnhof Wiesbaden neben einem anderen Mann am Urinal. Er habe den Eindruck gehabt, der Mann wolle ihn sexuell anmachen, sagte Stephan E. später aus. Er zog ein Messer und stach dem Mann, einem Migranten, in den Rücken. Als sich das Opfer umdrehte, stach er ihm von vorne in die Brust "kurz unterhalb der rechten Brustwarze". Der Mann wurde lebensgefährlich verletzt, konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden. Warum Stephan E. damals nicht in U-Haft genommen wurde, vermag die Staatsanwaltschaft nicht mehr zu rekonstruieren. 

Ein gutes Jahr später, im  Dezember 1993, plante Stephan E. eine "Aktion" beim Asylbewerberheim in Hohenstein-Steckenroth. Er jobbte inzwischen in einem Baumarkt, hatte eine zweite Ausbildung zum Holzverarbeiter abgebrochen. Für den Anschlag  besorgte er sich Schreckschusspatronen, nahm die Zündmittel raus und legte sie in ein Installationsrohr, das er mit Blindverschlüssen verschloss. Diese Rohrbombe probierte er mit Benzin und Lötbrenner zunächst im heimischen Garten aus.

Am Tattag, dem 23. Dezember 1993,  schlug er das Fenster eines Autos ein, das zwischen Wohncontainern stand und platzierte die Rohrbombe im Auto, entzündete sie mit Benzin und dem Lötkolben. Sein Plan war, das Auto in die Luft zu sprengen. Der Brand wurde bemerkt und gelöscht.

Eine Sonderkommission wurde gegründet. Die Staatsanwaltschaft setzte eine Belohnung von 5000 Mark aus. Noch am selben Tag wurde Stephan E. im Haus seiner Eltern festgenommen. Zeugen hatten ihn erkannt. Er legte ein Geständnis ab. Als Motiv gab er "ausländerfeindliche Motive" an. Er sei nicht organisiert, versicherte er den Beamten. "Der Polizei liegen auch keine Hinweise auf Mittäter oder Tatbeteiligte vor", schrieb die Lokalpresse.

Stephan E. wurde in U-Haft genommen, wo er wenige Tage später die nächste Gewalttat beging. Schnell hatte sich unter den Häftlingen herumgesprochen, dass dort ein Neonazi im Knast saß. Er sei deshalb von ausländischen Häftlingen beschimpft und bedroht worden, gab Stephan E. später zu Protokoll. Als die Zellen am Abend  des 3. Januar für die Essensausgabe geöffnet wurden, ging er mit einem Stuhlbein aus Eisen in die Zelle und schlug auf einen Mithäftling ein.

"Hass auf alles und jeden"

Im Sommer 1995 stand Stephan E. wegen gefährlicher Körperverletzung, Brandstiftung und versuchten Mordes vor dem Landgericht Wiesbaden. Er war inzwischen 21 Jahre alt. Der "Wiesbadener Kurier" berichtete ausführlich über den Prozess. "Obwohl in allen Fällen Ausländer die Opfer waren, ... bietet der Prozess nicht den geringsten Hinweis auf politische Motive, die auch der Angeklagte verneint. 'Ich hab' Wut gehabt', ist seine wiederkehrende Antwort auf Fragen nach dem Warum", schrieb die Zeitung. Er sei mal mit einem Türken befreundet gewesen, erzählte Stephan E. vor Gericht. Als die Freundschaft abgeflacht sei, habe er sich das Wort "Haß" in die Hand geritzt. Es sollte ihn daran erinnern, nicht mehr "anhänglich" zu sein. Er habe aus "Haß 'auf alles und jeden', auf Ausländer und gegen sich selbst" gehandelt.

Ein Psychologe und Psychiater wurden vor Gericht gehört, attestierten Stephan E. Fehlentwicklungen und Persönlichkeitsstörungen. Er sehe sich, so notierte es der Gerichtsreporter des "Wiesbadener Kuriers", als "unverstandenen Außenseiter". Seine Aggressionshemmung sei "gering", außerdem habe Stephan E. "ein auffälliges Defizit in der Urteils- und Einsichtsfähigkeit".

Auch die Kindheit von Stephan E. kam vor Gericht zur Sprache. Die hatte der Angeklagte den Gutachtern als wenig glücklich geschildert. Sein Vater sei Alkoholiker gewesen. Aus Angst vor ihm habe er "mit einem Messer im Bett" geschlafen. Die Mutter habe gearbeitet, so dass er als "Schlüsselkind" viel allein gewesen sei. Zum Schluss der Verhandlung fragten die Richter die Gutachter, ob Stephan E. noch gefährlich sei. Er habe sich während der U-Haft stabilisiert. Dennoch sei Stephan E. "nicht ungefährlich".  

Gericht sieht keine gezielte Heimtücke

Das Landgericht Wiesbaden verurteilte Stephan E. im Juni 1995 zu sechs Jahren Jugendstrafe. Er kam glimpflich davon. Der psychiatrische Gutachter hatte ihm eine verminderte Schuldfähigkeit attestiert. Die Richter werteten die Taten nicht als Mordversuche: Die Rohrbombe sei noch nicht mal in der Lage gewesen, das Fahrzeug in die Luft zu sprengen. Bei dem Messerangriff auf der Bahnhofstoilette sahen die Richter "keine gezielte Heimtücke". Deshalb werteten sie die Tat als versuchten Totschlag.

1999 zog Stephan E. nach Kassel. Im August 2002 wurde er  laut der Rechercheplattform "Exif" auf einer Veranstaltung der NPD in Kassel gesehen. Die NPD bestätigt, dass Stephan E. "kurze Zeit passives Mitglied" war. Er sei jedoch im Jahr 2004 "wegen säumiger Beitragszahlungen als Mitglied gestrichen" worden. Stephan E. soll laut "Zeit Online" Verbindungen zur Naziorganisation Combat 18 gehabt haben. Die Zahl 18 steht für den ersten und achten Buchstaben des Alphabets - die Initialen von Adolf Hitler. "Combat 18" sieht sich als bewaffneter Arm der in Deutschland verbotenen Gruppe "Blood & Honour". Einer der Drahtzieher ist Robin S., der mit Beate Zschäpe während ihrer Haft angeblich regelmäßig Briefkontakt hatte.

Video: Bouffier verspricht umfassende Aufklärung im Fall Lübcke

Stephan E. ist Thema im NSU-Ausschuss

Stephan E. war auch Thema im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss, der sich mit dem Mord an Halit Yozgat beschäftigte. Der 21-Jährige war im April 2006 von der NSU in seinem Internetcafé erschossen worden. Der Name Stephan E. war den Linken bei Durchsicht der Akten wegen seiner Gewalttätigkeit aufgefallen. Im Juli 2015 stellte die Fraktion den Beweisantrag, mehrere Mitarbeiter des Landesamtes für Verfassungsschutz zu vernehmen, darunter die zuständige Sachbearbeiterin. Doch die Verfassungsschützerin konnte nicht viel zu Stephan E. sagen. "Ich war enttäuscht, wie wenig sie wusste. Da war gar nichts", erinnert sich der hessische Landtagsabgeordnete Hermann Schaus. Dem Verfassungsschutz war Stephan E. also bekannt. Er hatte inzwischen geheiratet, war Vater zweier Kinder, arbeitete im Schichtdienst in einem international tätigen Unternehmen. Sonntags ging er mit seinem Sohn zum Bogenschießen, war Mitglied im Schützenverein.

Im Februar 2016 vernahm der Ausschuss Benjamin G. Der Rechtsradikale hatte als V-Mann für den hessischen Verfassungsschutz gearbeitet. Er wurde unter anderem von Andreas Temme geführt. Der Beamte des Verfassungsschutzes war in die Schlagzeilen geraten, weil er im Internetcafé gewesen war – etwa zu der Zeit, als Halit Yozgat erschossen wurde.

Als der Abgeordnete Hermann Schaus G. fragte, ob er Stephan E. kenne, antwortete Benjamin G.: "Ich kannte einen Stephan. Aber den haben wir NPD-Stephan genannt." Über die Rolle von E. in der Kasseler Rechtenszene konnte G. angeblich keine Angaben machen.

Im Video: "Erschossener Regierungspräsident: Kassel nimmt Abschied von Walter Lübcke"

Erschossener Regierungspräsident: Kassel nimmt Abschied von Walter Lübcke

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(