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Schäuble bei G-20-Tagung: Ein Minister für alle Fälle

Beim Treffen der G-20-Finanzminister dreht sich alles um die Ukraine und Wolfgang Schäuble spielt den Weltpolitiker. Er kritisiert nicht nur die Russen, sondern holt gleich zum Rundumschlag aus.

Von Andreas Hoffmann, Washington

In 12.000 Metern Höhe, unter sich den Atlantik und ein Wolkenbett, fühlt sich Wolfgang Schäuble ganz entspannt. Er sitzt in einem Besprechungsraum des Airbus 310, der nach Washington zur Frühjahrstagung der G-20 Finanzminister und Notenbankchefs des Internationalen Währungsfonds (IWF) düst. Schäubles Hände liegen auf einem weißen Kissen in seinem Schoß, er hat einen grauen Pullover übergestreift. Als ihn die Journalisten umringen, greift der Finanzminister zu einem Mikro, redet darüber, was ihn erwartet, bis er sagt: "Ich glaube, es wird eine unspektakuläre IWF-Tagung werden."

Von wegen. Zu dieser Zeit ahnt Schäuble noch nicht, dass Wladimir Putin das Treffen aufmischen wird. Der russische Staatschef hatte seinen europäischen Kollegen einen Brief geschrieben, warf ihnen Tatenlosigkeit vor, sie redeten, appellierten, versprachen, aber sie würden der Ukraine nicht helfen, sondern die Hilfe Russland überlassen. Gas wolle er jetzt nur noch per Vorkasse liefern, schrieb er noch.

Was für ein Aufschlag. Durch die Hallen des IWF an der Pennsylvania Avenue, wo sie über die Quotenreform, Deflation oder Aktionspläne brüten wollten, wandelt nun der Geist Putins. Natürlich würden sie die Tagungsordnung abarbeiten, sagt ein Mitarbeiter Schäubles, bis seine Hände einen unsichtbaren Ballon formen und er sagt: "Die Ukraine schwebt über allem."

Aber was sollen die Finanzminister eigentlich tun?

Klar, der Westen will helfen, aber die Ukraine ist korrupt, eines der korruptesten Länder der Welt. Sollen Europa und der IWF diesen Korruptionssumpf mit weiteren Milliarden auffüllen? Selbst wenn das Geld nicht versickert, wäre es kaum besser. Die Ukrainer würde damit ihre Gasrechnungen in Russland bezahlen, das Geld europäischer Steuerzahler landete bei Gazprom.

Will man das? Die EU hatte doch Zypern die Hilfe verweigert, weil sie fürchtete russische Oligarchen zu unterstützen. Und jetzt das. Schäuble weiß das alles. Er weiß auch, dass an diesem Wochenende keine Entscheidungen fallen, weil noch unklar ist, um wie viel Geld es eigentlich geht. Elf Milliarden will die EU geben, 14 bis 18 der IWF, verteilt auf zwei Jahre. Die Ukrainer sollen auch etwas dafür tun, etwa die Gaspreise moderat anheben, ihre Währung abwerten und das Klima für Unternehmer verbessern.

Aber noch müht sich der Westen mit einer Entscheidung, frühestens Ende April könnten die Milliarden fließen. Alles ein Mist. Was kann da ein deutscher Finanzminister nur machen?

Er kann reden. Und sich inszenieren.

Am Freitagmorgen, im Untergeschoss des Ritz-Carlton, gibt Wolfgang Schäuble den vorsichtigen Außenpolitiker. "Wir wollen keine Eskalation", sagt er. Man wolle die Russen nicht verprellen, suche eine gemeinsame Lösung. Das hatte er auch dem russischen Finanzminister Anton Siluanow gesagt, mit dem er sich am Abend zuvor getroffen hatte, doch der hatte ihm nur noch einmal Putins Brief erläutert. Fünf Stunden später, bei einem Treffen von Außenpolitikern klingt Schäuble schärfer. Nun ist nicht von Mäßigung die Rede. Er prangert die Russen an. Die wirtschaftliche Zukunft des Landes sei düster, die Industrie schlechter aufgestellt als zu Zeiten der Sowjetunion: "Ein Vorbild für die Schwellenländer ist Russland nicht."

Einmal in Fahrt greift er auch die USA an. Sie müssten sich anstrengen, wenn sie ihre Bedeutung in der Welt nicht verlieren wollten. "Wir Europäer sorgen uns, dass die Amerikaner an Einfluss verlieren", sagt er. Zu Indien und China fällt ihm ein, dass sie auch nicht zum Vorbild taugen würden, wenn es um den Schutz geistigen Eigentums geht. Wolfgang Schäuble der Weltpolitiker, der Mann, der mit seinen Standpunkten jongliert. Die Rolle gefällt ihm.

Ob das alles etwas hilft? Gar der Ukraine? Egal. Schäuble hat Zeit gewonnen und Handlungsfähigkeit inszeniert. Das hilft Europa am meisten.