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Schnauze, Wessi!: Für Kohl, 'n Appel und 'n Ei

Der "Vater der Einheit" wurde oft als Birne verunglimpft. In Berlin soll eine Obstschale daran erinnern. Auch in Leipzig wollten sich Westdeutsche ein Denkmal bauen. Ein Eiertanz

Von Holger Witzel

Ei, ei, ei: Helmut Kohl 1989 in Bonn

Ei, ei, ei: Helmut Kohl 1989 in Bonn

Wann immer ich in Halle bin, muss ich an Kohl denken. Nicht an Genscher, Händel oder das letzte Hochwasser - immer Kohl. Helmut! Helmut! Manchmal fahre ich sogar Umwege, sage Termine ab, doch das hilft auf Dauer alles nichts. Es ist wie ein Zwang, unwillkürlich, quälenden Bilder... Aber vielleicht werde ich sie ja los, wenn ich hier mal das kleine schmutzige Geheimnis verrate, das ich mit ihm und dieser Stadt teile?

Also gut: Ich war damals dabei, als die Eier flogen. Sie erinnern sich, Mai 1991 – und wie der Einheitskanzler in heiligem Zorn auf den undankbaren Pöbel losging, kaum zu bremsen von seinen Personenschützern. Hoffentlich ist es verjährt oder hat nach Besatzungsrecht keine Konsequenzen mehr - und es ist mir nach mehr als 20 Jahren auch wirklich unangenehm: Aber geworfen habe ich nicht mit. Allein Kohls Wut, dieses Gesicht, dieser selbstvergessene Moment der kaiserlichen Blöße wird mich immer verfolgen: Da schenkt man denen die D-Mark, Bananen, alles - und dann das!

Dresden und Halle

Das Jahr 1989 und die zu Denkmälern erstarrende Erinnerung daran haben überhaupt viel mit Obst und Eiern zu tun. Seit 2009 erinnert etwa ein Bronze-Ei auf dem Leipziger Augustusplatz an die fliegenden Eier - natürlich nur indirekt, denn nie wird in Leipzig ein Denkmal für Hallenser stehen. Die Städte haben ein ähnliches Verhältnis wie Köln und Düsseldorf, HSV und St.Pauli, Ost und West. Offiziell heißt es auch nicht Ei, sondern "Freiheitsglocke" und soll immer montags, 18.35 Uhr, läuten - als Erinnerung an die Demonstrationen nach dem Friedensgebet. Eine Art Eier-Uhr also, doch schon bei der Einweihung blieb sie stumm. Es war ein Menetekel, so wie die verschlüsselte Botschaft hinter der technischen Panne: Außen gold, innen hohl. Letztlich auch dafür, was man uns - oder noch schlimmer - was wir uns selbst für ein Ei mit der Einheit gelegt haben.

Obwohl noch nichts davon zu sehen ist, hat der Volksmund das zentrale "Freiheits- und Einheitsdenkmal" in Berlin bereits in Obstschale umgetauft. Sogar der Sprecher des Lobbyvereins heißt Apelt. Dennoch wird es nun wohl doch nicht mehr vor dem Flughafen fertig. Derzeit streiten sich verschiedene Behörden über Fledermäuse und behindertengerechte Zugänge. Und wie immer, wenn es um viel Geld und Deutungshoheit geht, lohnt sich ein Blick auf die beteiligten Menschen und ihre Herkunft.

FrEihEit und EinhEit

Anfangs war der Berliner Denkmal-Wettbewerb noch für alle offen. Von den ersten Entwürfen, darunter natürlich auch riesige Bananen und Eier, fand keiner die Gnade der Jury. In der zweiten Runde entschied man sich deshalb für einen "beschränkten Wettbewerb mit Bewerbungsverfahren". Die fünf ostdeutschen der insgesamt 15 Preisrichter - das wird wie vor 1989 aber leider auch nur hinter vorgehaltener Hand kolportiert - wurden am Ende überstimmt. Es blieben drei westdeutsche Entwürfe übrig, darunter die schwankende Obstschale aus Glas und Metall. Offiziell heißt das Werk "Bürger in Bewegung" und stammt von einem Stuttgarter Architekten und einer Ausdruckstänzerin, die sich seit 20 Jahren in Ost-Berlin breitmacht.

Inzwischen haben sich die beiden westdeutschen Künstler zerstritten. Offenbar bereitete es auch gewisse Schwierigkeiten, passende Zitate von Bürgerechtlern zu finden, in denen neben dem Wort Freiheit auch das Wort Einheit vorkommt. Und da ist es wieder, das Ei, das sich in den Worten FrEihEit und EinhEit glEich zwEimal versteckt. Ohne Ei gäbe es sie gar nicht - ähnlich wie REinfall oder EinerlEi. Und da hat noch nicht mal jemand gefragt, ob die Silbe von einem frEilaufende Huhn stammt oder zuerst da war. Etwa im DEitschen REich. Es ist eine eInzige Eierei.

Er wird nicht vollendet, der Kölner Dom,
Obgleich die Narren in Schwaben
Zu seinem Fortbau ein ganzes Schiff
Voll Steine gesendet haben.
Heinrich Heine, Caput IV

6,5 Millionen und 25 Jahre

Das "nationale EinhEits-Symbol" soll 10 Millionen Eiro kosten. Bernd Naumann, eIn Realschullehrer aus Bremen und sEinerzEit Kulturstaatsminister war von der Obstschale glEich begEistert. EInstimmig winkte sie auch der Kulturausschusses im Bundestag durch, darunter zwEI eInstige DDR-Volkspädagogen, olle ThEIrse natürlich - VerzeEihung: Thierse – früher Mitarbeiter im Kultur-Ministerium der DDR, außerdem die letzte AbtEilungslEiterin für Kultur der SED-BezirkslEitung Magdeburg. Der Rest wahrschEinlich "unbelastet", wie man im eInfältigen Westen gern sagt.

Noch pEinlicher beziehungswEise bezeEichnender ist nur der Eiertanz um das sogenannte "FrEihEits- und EinhEits-Denkmal" in LEipzig. Die eInhEimischen Helden wollten eIgentlich gar kEins. Sie haben ja schon das goldene Ei und eine Säule der NikolAikirche auf dem Platz davor. WEil Bund und Sachsen aber eInmal 6,5 Millionen Euro versprochen hatten, wollte es der westdeutsche OberbürgermEister unbedingt durchziehen. Genau wie das Berliner Denkmal sollte es in diesem Herbst, zum 25. Jahrestag der großen Leipziger Demonstrationen, fertig sein.

Bunte Kisten und herbstliche Bäume

Nach Bürgerforen und allerlEi schEindemokratischen Firlefanz, der Transparenz und BetEiligung vorgaukeln sollte, betreute ein Architekturbüro aus Kassel den Wettbewerb. Das PrEisgericht, in dem neben dem ObermEister lEider etliche Leute saßen, die den Herbst 89 nur aus dem Fernsehen kennen, favorisierte im Juli 2012 den Entwurf eines Münchner Architekturbüros, das Siebzigtausend bunte Kisten zum Mitnehmen aufstellen wollte. Den zweiten Platz belegten zwei Berliner Künstler aus Köln. Den indigenen Leipzigern aber gefiel - wenn überhaupt - nur der drittplatzierte Entwurf: Ein "Herbstgarten" mit Obstbäumen, an dem immerhin eine ostdeutsche Fotografin beteiligt war.

Besonders dreiste Leipziger forderten gar einen Volksentscheid, ob es ein Denkmal dafür geben soll, dass sie vor 25 Jahren einmal kurz das Volk waren. Und vielleicht ist dieses geflügelte Wort überhaupt der größte Irrtum. Es hieß ja nie: "Wir sind das Volk". Da muss man sich nur noch mal die alten Aufnahmen anhören: Die Menschen auf dem Leipziger Ring riefen: "Mir sind das Volk". Das hat mit ihrer Indoktrinierung zu tun, mit Russisch und dem Weltfrieden. Es sind gewissermaßen faule Eier - so ähnlich wie in "kEine Gewalt" oder in "UkrEine". Auf jeden Fall hat mit "mir" oder "wir" niemand den Westen gemeint. Oder hat etwa jemand gerufen: Wir wollen Eure Billiglöhner sein, Eure Mieter, Konsumenten und Bürger eines Meisters aus dem Siegerland? Baut doch bitte ein Denkmal für uns! Nein: Für Euch!

Stasi und NSA

Um ihr Gesicht und den Eindruck zu wahren, man beuge sich nicht diesem kulturlosen Volk, forderten die westdeutschen Wettbewerbshüter "Nachbesserungen" von allen Preisträgern. Vor einem Jahr lag dann plötzlich der "Herbstgarten" vorn. Das wiederum wollten sich die Münchner Vorjahressieger nicht gefallen lassen und verwickelten die Auslober in juristische Händel. Nur nochmal zur Klarheit: Westdeutsche stritten also vor westdeutschen Richtern am Oberlandesgericht Dresden mit westdeutschen Ausrichtern des Wettbewerbs, wer für diese übermütigen Ostdeutschen von 1989 ein Denkmal bauen darf. Bevor es noch absurder wird, haben ein paar mutmaßlich echte Leipziger Stadträte die Notbremse gezogen und das Denkmal-Projekt nun erst mal auf unbestimmte Zeit verschoben.

Der westdeutsche Oberbürger, zunächst begeistert vom Lego-Entwurf aus München, nach der undurchsichtigen Preisträger-Rochade aber auch vom "Herbstgarten" angetan - jedenfalls immer für irgendein Denkmal - ist laut dpa auf eInmal auch "froh" über diese "Atempause". Und tatsächlich kann man sich kein besseres "Freiheits- und Einheitsdenkmal" vorstellen als keins. Denn wofür sollte es auch stehen: Für den Tausch der Stasi gegen die NSA? Die Verwandlung von Kleinmut in Mut und wieder zurück? Von Helden in Helmut-Helmut-Rufer? Für einen Appel, ein Ei und Bananen? So gesehen ist es nur konsequent: Keine Freiheit. Keine Einheit. Kein Denkmal.