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Schnauze Wessi! Was denn nun: Herd oder Quote?


Eben noch rotteten sich westdeutsche Frauen für mehr Chefposten zusammen. Nun sollen sie wieder Rezepte tauschen und dafür staatliches Haushaltsgeld bekommen. Ein Backlash.
Von Holger Witzel

Als es vor drei Monaten überall um Quoten und Benachteiligung im Job ging, um Minderheiten in Chefetagen und grundsätzlich schlechtere Bezahlung - dachte ich zuerst, die Rede sei von Ostdeutschen. Leider war es nur eine kurze Kampagne rund um den Frauentag. Statt mehr Einfluss, ein Vorstandsgehalt oder wenigstens eine entsprechenden Quote soll es nun bald das sogenannte Betreuungsgeld geben. Läppische, wenn nicht in Kern und Höhe Frauenverachtende 150 Euro. Bei allem Verwöhnaroma, liebe Toffifee-Muttis: Ebenso gut hätte man Taliban-Frauen als Integrationsbeihilfe im deutschen Asyl erstmal einen Burka-Zuschuss versprechen können.

Es mag einer gewissen Logik entsprechen, dass vor allem West-Mütter, die sich diesen Luxus leisten können, auch noch dafür belohnt werden. Vermutlich aber ist der familienpolitische Backlash nur die reaktionäre Reaktion auf das laute Gekreische im Quotenfrühling 2o12. Ein Zeichen der Zeit, in der eine uneheliche "Frau Gauck" zwar First Lady werden kann, aber sich danach eben auch nur noch um Müttergenesungswerk und die Deko im Schloss Bellevue kümmern darf. Eine berufstätige Hessin - selten genug und damit doppelt anachronistisch - gibt ihre Unabhängigkeit ausgerechnet für einem Mecklenburger Rentner auf, weil der mit 72 Jahren noch mal Karriere machen will!

Angela Kasner macht Karriere ohne Milchquote

Dabei kennt es der neue Bundesprediger selbst anders. Ohne Ansehen der äußeren Geschlechtsmerkmale überließen wir Funktionen in der FDJ gern strebsamen Mädchen wie Angela Kasner. Es gab weder Milchquoten noch scherte sich das DDR-Fernsehen darum. Insofern versteht hier auch kaum jemand, wozu eine Frauen-Quote gut sein soll, so lange sie bei "Frauen-Tausch" auf RTL2 stimmt. Symbolische Almosen oder halbherzige Phrasen von Gleichberechtigung helfen wenig, damit haben ostdeutsche Frauen und Männer seit 22 Jahren ausreichend Erfahrung.

Als quasi von Haus aus wenig ambitionierter Hilfsarbeiter mit Ostgehalt kann ich es deshalb nur begrüßen, dass auch unser Verlag noch mehr Frauen in Führungspositionen unterbringen möchte. Hamburger Kollegen dagegen machen sich, natürlich nur hinter vorgehaltener Hand, Sorgen um ihre Karriere; manche denken über Geschlechtsumwandlung nach: Da haben sie jahrelang ihre Familie vernachlässigt, sich den Arsch aufgerissen, um in fremde zu kriechen - und nun sollen Frauen, so will es angeblich das verlagseigene Projekt "Female Factor", bei gleicher Eignung "bevorzugt berücksichtigt" werden! Gilt das sonst nicht nur für Schwerbehinderte, flüstern sie auf dem Männerklo und machen sich gegenseitig mit Zitaten aus dem Grundgesetz Mut, wonach niemand "wegen seines Geschlechtes benachteiligt werden" darf.

Fünf-Jahr-Plan für Chefposten

Weil aber auch im Westen nie mehr alles so schön und einfach wie früher ist, unterschreiben vorsichtshalber auch Männer bei der Journalistinnen-Initiative "ProQuote". Dort wird beklagt, dass "nur zwei Prozent aller Chefredakteure der rund 360 deutschen Tages- und Wochenzeitungen Frauen" sind und dieses Jahr keine einzige einen "Henri-Nannen-Preis" bekam. Ihr Fünf-Jahr-Plan sieht nun eine 30-Prozent-Quote vor, zumindest bei Chefposten. Und ich frage mich, ob es eigentlich sehr jammerostig wirken würde, wenn Ostdeutsche irgendwann Ähnliches fordern würden? Sei es auch erstmal nur eine Wunschquote von zwei Prozent für Ost-Chefs bei Ost-Zeitungen - zur Not auch für ostdeutsche Chefredakteurinnen.

Stattdessen lesen die unterdrückten Schwestern im Westen auch noch, der Osten sei "das gelobte Land für Frauen, die Karriere machen wollen." Hier säßen - von westdeutschen Männern mal abgesehen - schon viel mehr Frauen am Hebel als im traditionellen Hinterwald der Republik. Nicht bei Schlecker, sondern zum Beispiel auch als Rektorin an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst - im Westen eher als "Neo-Rauch-Akademie" bekannt. Nach Universität und Technischer Hochschule war das in kurzer Zeit schon die dritte Berufung einer Frau an der Bildungs-Spitze der Heldinnen-Stadt. Die Damen kommen zwar aus Hannover, Osnabrück und Gelsenkirchen, aber so trägt ihre Karriere im Osten nicht nur dort zu einer fast natürlichen Quote bei, sondern auch zu einer gewissen Entspannung im westdeutschen Geschlechterkampf.

Mit Sex hat der Fall nichts zu tun

An der zuständigen Kultusministerin in Sachsen lag es nicht. Sie ist zwar selbst in Köln geboren und in München aufgewachsen, gilt außerdem sowohl als Expertin für Menschen- als auch für Frauenrechte, aber nach ihrer Auffassung erfüllte eine Kandidatin trotzdem "nicht die Voraussetzungen" für eine Ernennung, die auch laut Beamtenrecht "ohne Rücksicht auf Geschlecht, ethnische Herkunft" oder gar "sexuelle Identität" zu erfolgen hat

Doch mit Herkunft oder Sex hatte der Fall gar nichts zu tun. Die Kandidatin aus dem Rheinland galt nach einer Krankheit als geheilt, aber noch als "behindert" - und ließ die Bedenken gegen ihre Verbeamtung in Sachsen schließlich gerichtlich ausräumen. Es ist also mitnichten so, dass Frauen, Behinderte oder Westdeutsche bei gleicher Eignung immer bevorzugt werden - ja, nicht einmal westdeutsche, behinderte Frauen. Sie klagen auch nicht alle darüber, sondern klagen sich einfach in den Job.

Ein Säugling im Ministerium

Manchmal stelle ich mir vor, wie Christine Lieberknecht - die nach fast drei Amtsjahren immer noch weitgehend unbekannte Ministerpräsidentin von Thüringen - und die etwas bekanntere Kanzlerin sich heimlich mit verdrehten Augen zublinzeln, wenn sich ihre westdeutschen CDU-Blockflöten von der Leine und deren Nachfolgerin mal wieder über Quoten fetzen. Die eine darf ihren Säugling mit ins Ministerium bringen; die andere fordert demnächst womöglich eine männliche Erzieherquote für ohnehin fehlenden Kitas. Was wollen diese Zicken eigentlich noch? Wieso nicht mal eine gesetzliche Erfolgsquote für Ideen aus dem Familienministerium? Vielleicht noch 30 Prozent mehr Belichtungszeit für den Hanni-und-Nanni-Foto-ReporterInnen-Preis oder blickdichte Stillkabinen in westdeutschen Fußgängerzonen?

Als deshalb vor kurzem eine Krefelderin aus einem Café flog, ermittelte das Bielefelder Meinungsforschungsinstitut Emnid, dass so etwas im Mutterland der betreuten Herde zu 16 Prozent nicht gern gesehen wird. Im Osten stören nackte Brüste dagegen nur sechs Prozent. Aber da rauchen sie ja sogar auf der Strasse, tragen in aller Öffentlichkeit Hosen und sagen - bevor sie sich für Herd, Quote oder Stillen bis zur Pubertät entscheiden sollen: Schnauze, Wessi.


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