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Schwabenkampf: Falsche Orgasmen, echte Langeweile

Der baden-württembergische Landtagswahlkampf plätschert selbst kurz vor dem Finale vor sich hin. Schön, dass wenigstens der Südwestrundfunk und die "Bild" ein paar zündende Ideen haben.

Eine Glosse von Jörg Isert

Zoom, Halbtotale, Zoom, Halbtotale. Dann schnell noch eine Schwindel erregenden Kamerafahrt um den schnieken Chefredakteur Michael Zeiss. "Mir könnet älles - sogar 'Christiansen'", bedeutet das wohl.

Doch wir sind nicht bei Christiansen. Sondern in der Diskussionsrunde der vier Spitzenkandidaten des baden-württembergischen Wahlkampfs im Südwestfernsehen. Und die Regie muss mächtig aufdrehen, weil es in der Diskussion so behäbig zugeht. Ob es um Ökologie, Wirtschaft, Bildung oder Einbürgerung geht - Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) und Herausforderin Ute Vogt (SPD) gehen sich nicht an die Wäsche. Sie wirken genauso originell wie ihre Wahlkampfslogans. Die CDU plakatierte "In der Tat besser", die SPD konterte mit der XXL-SMS "Schwach, Herr Oettinger". Nun ja.

"Baden-Württemberg hat/ist/braucht"

Das schlimmste, was sich über den Ministerpräsidenten sagen lässt: Dass er "keinen verprellen will", wie die Südwestpresse anmerkte. Und dass Oettinger nach wie vor mehr schwäbelt, als der Bund erlaubt. Wird er mal direkt nach seinen Plänen gefragt, weicht er in die Abstraktion aus: Statt eines "Ich will" sagt Oettinger im Zweifelsfall "Baden-Württemberg hat/ist/braucht".

Immerhin: Oettinger kann schon staatsmännisch in Ferne gucken. Ute Vogt setzt ihm einen nicht minder beeindruckenden Silberblick entgegen. Sie ist redegewandter, hat aber die schlechte Angewohnheit, auch vor kleinem Publikum zu agitieren, als gäbe es kein Morgen mehr.

Höchstes Peinlichkeitspotential

Das alles aber ist harmlos im Vergleich mit dem medialen GAU, den Vogt gerade erlebt. Im vergangenen Herbst war sie schon einmal geprügelt worden, weil sie für Franz Münteferings Rücktritt vom SPD-Vorsitz mitverantwortlich gemacht wurde - Vogt hatte freimütig erklärt, dass sie dafür gestimmt hatte, Andrea Nahles zur Generalsekretärin zu machen. Nun hat sie sich auf einen Lügendetektortest bei einem privaten Radiosender eingelassen. Sie hätte wissen müssen, welches Peinlichkeitspotential das in sich birgt.

Dennoch beantwortete sie die Frage, ob sie schon einmal einen Höhepunkt vorgetäuscht habe - und zwar mit einem schlichten "Ja". Daraus konstruierte die "Bild" flugs die Mär von der "Orgasmus-Lüge" und ließ eine Sexualtherapeutin kommentieren, die selbst so aussieht, als liege ihr letzter Höhepunkt schon einige Jahre zurück. Am Freitag durfte Franz-Josef Wagner auf sie säfteln, dann kritisierte selbst Parteifreund Peter Struck den Faux-Pas. Der umtriebige schwäbische CDU-Fraktionsvorsitzende Stefan Mappus von der Abteilung "Moral und Werte" durfte schließlich auch nicht fehlen: Entrüstet gab er seine eigene kleine Mappus-Show zum Besten. Doch hat's Vogt tatsächlich geschadet? Bei so viel perfekt getimetem Trubel, ist ein amtierender Ministerpräsident, der gesteht, einst im Schullandheim gekifft zu haben, selbst im Ländle nur noch der letzte Heuler.

Passables Enterprise-Feeling

Doch zurück zum SWR, zur Runde der Spitzenkandidaten. Der Fernsehsender gab als besonderes Schmankerl Headsets anstatt der üblichen Ansteckmikrophone. Solche Yps-Gimmicks waren Ende der neunziger Jahre richtig hip, heute werden sie bevorzugt vom Security Personal bei "Tokio Hotel"-Konzerten eingesetzt. Im SWR produzierten sie - im virtuosen optischen Zusammenspiel mit dem schnittigen Stehpult - immerhin ein passables Raumschiff-Enterprise-Feeling. Und wir erinnern uns: Bei "Star Trek" wurde auf der Brücke vor allem eines: geredet. Bei allen Meinungsverschiedenheiten steuerte die Crew letzten Endes frohen Mutes in eine bessere Zukunft. Und kaum zu glauben: Vogt und Oettinger waren gestern abend noch akkurater frisiert als Uhura und Captain Kirk. Oetti und Ute: Ende, Over und aus.