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Baden-Württemberg vor der Landtagswahl: Schmid und Kretschmann im Check

Sie wollen Stefan Mappus ablösen und Ministerpräsident im Ländle werden: Winfried Kretschmann (Grüne) und Nils Schmid (SPD). Wer sind die beiden, was können sie - und was nicht? Ein Doppelporträt.

Von Sebastian Kemnitzer

Glamour? Hat seine Frau

Erfahren ist er, trotz seines jungen Alters. Seit 14 Jahren sitzt Dr. Nils Schmid, 37, für die SPD im Landtag. In dieser Zeit hat der Politiker Schmid ordentliche Arbeit geleistet, das bescheinigen ihm sogar seine politischen Gegner. Schmid gilt als überaus kompetenter Finanzpolitiker - genau darin liegt aber jetzt auch sein Problem. Dr. Schmid wirkt einfach ein bisschen dröge, ein bisschen wie Schlaubi Schlumpf.

Die Wahllkampfstrategen der SPD wissen das natürlich; sie setzen deswegen auf einen "Substanzwahlkampf ohne Phrasen". Das hat bislang ganz gut funktioniert. Im TV-Duell gegen Stefan Mappus machte Schmid eine gute Figur. Alle prominenten Sozialdemokraten, sogar zuletzt Gerhard Schröder, haben Schmid im Wahlkampf kräftig unterstützt. Und auch in den Umfragen konnte die SPD in den vergangenen Wochen stets zulegen; verglichen mit früheren Wahlergebnissen allerdings auf einem recht bescheidenen Niveau. Trotzdem waren viele Genossen gut drauf - sie träumten sogar schon von einem Ministerpräsidenten mit dem Namen Dr. Nils Schmid.

Doch spätestens seit der Katastrophe in Japan und den jüngsten veröffentlichten Umfragen</ist Ernüchterung eingekehrt; die SPD liegt in der Regel bei 22 Prozent, aktuell bei 24 Prozent. Doch Nils Schmid will kämpfen: "Wir haben gute Karten, sind thematisch breit aufgestellt", sagt er stern.de. "Die Grünen sind quasi ausmobilisiert. Für den Wechsel braucht es eine richtig starke SPD." Schmid will also weiter Ministerpräsident werden. Was soll er auch anderes sagen? Bekommt er am Sonntag tatsächlich nur 24 Prozent, wäre das weniger als bei der vergangenen Landtagswahl. Zur Erinnerung: Die damalige Spitzenkandidatin Ute Vogt, jung, telegen, talentiert, kämpfte danach kurze Zeit um ihr Standing in Baden-Württemberg, dann warf sie hin. Jetzt ist sie eine eher unbedeutende Abgeordnete im Bundestag.

25 Prozent, das erschien den Genossen damals einfach indiskutabel. Nils Schmid hat ein Wahlziel von 25 Prozent + X ausgerufen, daran hält er seit Monaten fest. Außerdem, so sagt er, gebe es das strategische Wahlziel, Schwarz-Gelb unter seiner Führung abzulösen. Nils Schmid bleibt auch bei seiner Meinung zu Stuttgart 21. Er findet den Bahnhofsneubau gut, trotzdem soll noch irgendwann das Volk befragt werden. Eine Wischi-Waschi-Position, die weder in den eigenen Reihen, noch beim Wahlvolk gut ankam. Mittlerweile redet Schmid deutlich weniger über Stuttgart 21 - sein neuer Spruch, den er bei jeder Wahlveranstaltung im tiefsten schwäbisch bringt, heißt: "Wir verstehen mehr als nur Bahnhof."

Ein bisschen stimmt das sogar, vor allem, was Nils Schmid selbst angeht. Wer sich mit ihm unterhält, erlebt einen erstaunlich differenzierten Politiker, der ehrlich wirkt und bescheiden auftritt. Ein weiterer Trumpf von Nils Schmid ist seine türkischstämmige Ehefrau Tülay, die ein wenig für Glamour sorgt. Doch ein entscheidendes As fehlt Schmid: Die Abteilung Attacke, die Pfeile im Köcher, die den politischen Gegner niederstrecken. Auch das wussten die Wahlkampfstrategen natürlich - deswegen sollte der SPD-Wahlkampf ohne Polemik ablaufen. Ob das eine Gewinnertaktik ist? Nein, vermutlich nicht.

Nils Schmid: Ein stiller Herausforderer, der nach der Wahl vielleicht Finanzminister wird. Und um seine Position in der SPD Baden-Württemberg kämpfen muss

Viel grün, viel schwarz

Winfried Kretschmann könnte Geschichte schreiben. Aktuell liegt Grün-Rot - und eben nicht Rot-Grün - in den Umfragen vor Schwarz-Gelb. Nach der Katastrophe in Japan und wegen des umstrittenen EnBW-Deals, den sich Stefan Mappus geleistet hat, ist es durchaus möglich, dass der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands den Namen Winfried Kretschmann trägt. Noch vor zwei Jahren hätten selbst eingefleischte Grünen-Wähler in Baden-Württemberg keinen Cent auf einen möglichen Ministerpräsidenten Kretschmann gewettet. Eher schon auf Jogi Löw oder Jürgen Klinsmann, so absurd war die Vorstellung damals noch.

Die Umstände haben sich verändert, der Kandidat nicht: Kretschmann, 62, war noch nie ein mitreißender Politiker. Der ehemalige Lehrer scheitert sogar im Vergleich mit seinen grünen Parteifreunden: Cem Özdemir ist telegen, Claudia Roth schrill. Renate Künast gilt als clever, Jürgen Trittin ist der überragende Stratege. Und der baden-württembergische Spitzenkandidat? Kretschmann wirkt recht bieder, achtet auch sehr darauf, bloß keine falsche Aussage zu treffen, bloß nicht zu sehr auf Angriff zu schalten. Deswegen schließt er vor der Wahl - Achtung, kleine Überraschung! - auch eine schwarz-grüne Koalition nicht aus. In Kretschmanns Worten klingt das so: "In Ausnahmesituationen, die äußerst unwahrscheinlich sind, muss die Politik gesprächsbereit und handlungsfähig bleiben." Klare grüne, klare linke Kante schaut sicher anders aus. Vermutlich empfinden ihn deshalb viele Grüne außerhalb Baden-Württembergs als erzkonservativ; bis heute gilt Kretschmann bundesweit als ein Anhänger schwarz-grüner Koalitionen. Doch derzeit wäre ein solches Bündnis nach der Wahl niemandem zu vermitteln.

Kretschmann weiß das und trägt schon seit längerem den rot-grünen Hut. Seit gut einem halben Jahr hat er noch einmal einen Gang hochgeschaltet - jetzt will er offiziell Ministerpräsident werden. "Wir wollen die stärkere Kraft in einer rot-grünen Regierung sein", sagt er stern.de.

Schon heute ist klar, dass die Grünen am 27. März der überragende Wahlgewinner sein werden; sie werden ihr Ergebnis von 11,7 Prozent bei der vergangenen Landtagswahl ungefähr verdoppeln. Allein diese Perspektive bringt den Grünen noch mehr Stimmen: Der moderne Wähler liebt es, am Wahlabend bei den Gewinner-Parteien dabei zu sein. Und für die Grünen unter Winfried Kretschmann gibt es zwei Gewinner-Themen: die Atomkraft und Stuttgart 21. Zwar haben die Proteste gegen das Bahnprojekt merklich abgenommen, doch immer noch finden zehntausende Menschen die Alternative eines umgebauten Kopfbahnhofes besser. Genau diese Menschen werden die Grünen wählen. Winfried Kretschmann selbst kämpft seit 15 Jahren gegen Stuttgart 21; er verspricht für einen möglichen Wahlsieg eine Volksabstimmung über das Projekt.

Noch mehr profitiert Kretschmann, trotz aller konservativer Ansätze, von seiner konsequenten Haltung gegen Atomkraft. Die Katastrophe von Japan könnten dem gläubigen Katholiken Kretschmann die entscheidenden Stimmen bringen, um Stefan Mappus als Ministerpräsident abzulösen.

Winfried Kretschmann: Ein stiller Herausforderer, den vor der Wahl keiner im Land kannte. Am 27. März, 18 Uhr, wird sich das ändern.