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Landtagswahlen Baden-Württemberg: "Ich spüre die Wechselstimmung"

Der atomtreuen CDU in Baden-Württemberg droht nach der Jahrhundertkatastrophe in Japan eine herbe Schlappe. stern.de sprach mit Winfried Kretschmann - er könnte der erste grüne Ministerpräsident der Bundesrepublik werden.

Herr Kretschmann, die Regierungsparteien werfen Ihnen vor, Wahlkampf mit der Jahrhundertkatastrophe von Japan zu machen. Stimmt das?
Dieser Vorwurf ist geradezu abstrus. Wir müssen unseren jahrzehntelangen Kurs nicht ändern. Dagegen ist das von der Bundesregierung beschlossene Moratorium vielmehr als eine Reaktion auf den Wahlkampf einzustufen. Die Regierung tut so, als müsse man sich in drei Monaten etwas Neues ausdenken. Rücknahme der Laufzeitverlängerung und endgültige Stilllegung der ältesten Reaktoren ist angesagt und kein Moratorium.

Und sie werden jetzt im Wahlkampf dieses Thema in den Vordergrund rücken?
Das Thema Atompolitik gab es von Anfang an im Wahlkampf, es ist Kernthema der Grünen, wir beschäftigen uns seit mehr als 30 Jahren damit. Weshalb sollen wir jetzt damit aufhören? Die Katastrophe in Japan wühlt uns alle auf, die Katastrophe selbst forciert das Thema.

Angenommen, das bringt Ihnen bei der Wahl am 27. März die entscheidenden Stimmen. Freut Sie das als praktizierender Katholik?
Was hat mein Glaube mit der Wahl zu tun? Äußere Ereignisse können Wahlen beeinflussen Das versteht sich ja von selbst. Wir lassen uns jetzt im Wahlkampf klar von der Sache leiten: in der Atompolitik, aber auch in anderen Politikfeldern.

Dank Stefan Mappus und seinem EnBW-Deal</linkkintern> besitzt Baden-Württemberg nun vier Atommeiler. Wie wollen Sie nach der Wahl da rauskommen?
Das wird wirklich schwierig. Das Land musste für das Paket – dank Mappus – einen völlig überhöhten Preis zahlen. Die Kurse werden weiter dramatisch fallen, der EnBW-Deal wird uns teuer zu stehen kommen.

Was planen Sie in Sachen Atompolitik?
Wenn wir eine Mehrheit bekommen, werden wir alles dafür tun, dass Deutschland endgültig aus der Atomkraft aussteigt und zügig einen Masterplan zum Ausbau der regenerativen Energien erarbeitet und schnellstmöglich umsetzt. Zudem treten wir dann als Land der Klage gegen Laufzeitverlängerung bei.

Angenommen, Stefan Mappus gewinnt die Wahl oder kann sich in eine Große Koalition retten. Wie würden Sie, der Lehrer, das einer Schulklasse erklären?
Dazu wird es, denke ich, nicht kommen: Ich spüre klar die Wechselstimmung im Land.

Hand auf's Herz: Spielt es für Sie jetzt überhaupt noch eine Rolle, vor der SPD zu landen? Oder wollen Sie einfach nur gemeinsam Mappus ablösen?
Das Hauptziel ist natürlich, Mappus abzulösen und die CDU auf die Oppositionsbank zu schicken. Aber wir wollen auch die stärkere Kraft in einer rot-grünen Regierung sein. Die SPD wackelt immer wieder und vertritt zum Beispiel in Sachen Stuttgart 21 eine andere Meinung.

Spielt Stuttgart 21 noch eine Rolle?
Nach wie vor spielt Stuttgart 21 eine sehr große Rolle, die Veranstaltungen dazu sind immer noch proppenvoll. Der brachiale Polizeieinsatz im Herbst, den Mappus zu verantworten hat, darf auch nicht vergessen werden, daran wollen wir die Wähler erinnern.

Und Sie versprechen weiterhin eine Volksabstimmung für einen möglichen Wahlsieg?
Ja, darauf haben wir uns mit den Sozialdemokraten verständigt. Ich bin aber sehr gespannt, ob sich die SPD in der Sache Stuttgart 21 selbst noch bewegt. Die Schlichtung zu Stuttgart 21 ist ja in Wahrheit gar nicht beendet, da der Stresstest noch durchgeführt wird. Sollte der erhebliche Mehrkosten zur Folge haben, etwa weil ein neuntes und zehntes Gleis notwendig wird, so ergibt sich eine ganz neue Bewertungsgrundlage.

Wie sehen Sie die Koalitionsfrage? Können Sie eine schwarz-grüne Koalition nach der Wahl ausschließen?
Wir halten daran fest, dass wir im Vorfeld nichts ausschließen. Es läuft auf eine rot-grüne Mehrheit raus, aber in Ausnahmesituationen, die äußerst unwahrscheinlich sind, muss die Politik gesprächsbereit und handlungsfähig bleiben.

Sebastian Kemnitzer