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SPD: Spekulationsobjekt Müntefering

Es grenzt an Hysterie: Die Kamerateams werden sich um die besten Plätze prügeln, sobald Franz Müntefering, Bundestagsabgeordneter der SPD, am Abend zu seiner Rede in München ansetzt. Die Eine-Million-Euro-Frage lautet: Was will Münte eigentlich? Ein Ritt durch die Spekulationen.

Von Lutz Kinkel und Tiemo Rink

Franz Müntefering. Typ: Sauerländer. Knorrig, stur, gradheraus. Raucht Zigarillos. 68 Jahre ist Münte alt, seit 42 Jahren hat er das Parteibuch der SPD. Im November vergangenen Jahres hängte er alle Ämter an den Nagel, das Amt des Vizekanzlers, das Amt des Arbeitsministers, um seine krebskranke Frau Ankepetra auf ihrem letzten Weg zu begleiten. Kaum war sie begraben, dröhnte eine Nachricht durch das im Sommerloch dämmernde Berlin. Eine Nachricht, die eigentlich keine war, weil Müntefering nie etwas anderes gewollt und angekündigt hatte: Münte kommt zurück! Es dauerte gefühlt eine Sekunde, bis die Spekulationen über seine Person durch Deutschlands Medienkanäle flitzten.

Keiner wusste was. Aber alle sagten was. Nur einer schwieg: Franz Müntefering. Kein Wort darüber, was er, der ehemalige Parteivorsitzende, Vizekanzler und Agenda-Fighter eigentlich will. Nun hält er am Mittwochabend seine erste große öffentliche Rede nach seiner Auszeit. Offiziell soll Müntefering den Wahlkampf seiner bayerischen Genossen befeuern. Inoffiziell geht es um sehr, sehr viel mehr: Es wird erwartet, dass Müntefering wie Moses vom Berg herabsteigt, die zehn Gebote der Sozialdemokratie verkündet und die Genossen aus ihrem Jammertal führt. Der Münchner Hofbräukeller, in dem er redet, wird bis in die hintersten Staubwinkel besetzt sein, die Veranstalter mussten bereits einen zweiten Saal für eine Videoübertragung anmieten, 140 Journalisten aus der ganzen Republik reisen an. "So viele hatten wir noch nie, nicht einmal als Schröder als Kanzler hier war", staunt Franz Maget, Spitzenkandidat der bayerischen SPD.

Ein Name als Projektionsfläche

Der Münte-Münte-Münte-Wahn. Er ist nur begreiflich vor der Folie der darbenden SPD. Bundesweit liegt sie in der Forsa-Umfrage bei 21 Prozent, im Saarland hat die Linkspartei unter Erzfeind Oskar Lafontaine die Genossen bereits überholt. Die stolze SPD droht ihren Status als Volkspartei zu verlieren, ihr Vorsitzender Kurt Beck agiert glücklos, einige halten ihn gar für den GAU der SPD. Streit um den Umgang mit der Linkspartei, Streit um die SPD-Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten, Streit um den möglichen Kanzlerkandidat, Streit um die programmatische Ausrichtung. Streit, Streit, und nochmals Streit zwischen dem linken und dem rechten Flügel der Partei - und keiner schafft es, diesen Haufen zu bändigen. Nur einem wird diese Fähigkeit zugetraut: Franz Müntefering. Sein Name ist zur Projektionsfläche für politische Tugenden geworden, die der SPD im vergangenen halben Jahr abhanden gekommen sind. Führungskraft. Kampfesmut. Verlässlichkeit. Glaubwürdigkeit.

Aber: Franz Müntefering steht auch für die Agenda 2010, für Hartz IV, für das "Fördern und Fordern", das unter Kanzler Gerhard Schröder die traditionelle, sozialdemokratische Volksfürsorgepolitik abgelöst hat. Deswegen dienen ihm die Genossen, je nach eigener Interessenslage, ganz unterschiedliche Positionen an. Die parlamentarische Linke der SPD lancierte über stern.de den Vorschlag, Müntefering könnte Peter Struck als Fraktionsvorsitzender ablösen. Der Hintergrund: Vermutlich will die SPD-Linke verhindern, dass der derzeitige Umweltminister Sigmar Gabriel 2009 den Fraktionsvorsitz einnimmt. Gabriel, auch ein "Frog" ("Friends of Gerhard"), ist wegen seiner Sprunghaftigkeit und Karrierefixierung wesentlich unbeliebter als Müntefering. Die konservativen Zirkel der SPD würden mit Müntefering am liebsten Kurt Beck aus dem Parteivorsitz kegeln, aber das käme einem Putsch gegen die Linken gleich und ist damit unrealistisch. Also soll er an anderer, zentraler Stelle das Erscheinungsbild der SPD definieren - als Wahlkampfmanager der SPD 2009.

Die Szenarien der Verzweifelten

"Franz Müntefering war [1998, Red.] ein bravouröser Wahlkampfleiter. Diesen Job macht er so gut, wie niemand sonst in der SPD", sagte Johannes Kahrs vom konservativen Seeheimer Kreis im Gespräch mit stern.de. "Sein Vorteil ist seine große Integrationskraft. Müntefering spricht die Sprache der Partei und garantiert, dass vom Ortverband aufwärts alle an einem Strang ziehen." Andere SPD-Rechte entwickeln in ihrer Verzweiflung noch viel krassere Szenarien: Müntefering solle Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat werden, um die bereits verloren gegebene Wahl 2009 auf sich zu nehmen. Er soll sich opfern - damit der jetzige Außenminister Frank Walter Steinmeier 2013 eine Chance hat, die Wahlen als Spitzenkandidat zu gewinnen.

Kurt Beck reagiert nur noch genervt auf die Spekulationen um Müntefering. Er weiß: Wer den Sauerländer lobt, kritisiert den Pfälzer - also Kurt Beck. Und natürlich spielt vor allem die CDU diese Karte mit großem Genuss. Selbst Kanzlerin Angela Merkel äußerte sich wohlwollend über Münteferings mögliches Comeback. Ein Funktionär aus Merkels Umfeld, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will, lässt im Gespräch mit stern.de die Camouflage fallen und formuliert die Attacke offen: "Wenn das Comeback von Müntefering solche Dimensionen annimmt, dass 140 Journalisten zu seiner Rede erwartet werden, ist das bezeichnend für die SPD. Ein solcher Hype sprengt alle bisher gekannten Dimensionen und macht klar, wie führungs- und kopflos die SPD momentan wirklich ist." Dass die CDU ein Interesse daran hätte, diesen Zustand zu ändern, wäre eine Unterstellung. Sie instrumentalisiert Müntefering, um Beck weiter zu demontieren. Und hat ein klein bisschen Sorge, dass dies gelingen könnte - weil sie dann wieder den alten Fuchs aus dem Sauerland vor der Nase hätte.

Problem auf freier Redebahn

Wie bei anderen Personalproblemen auch rudert Beck herum, um sich aus der Gefahrenzone zu bringen. Nach einem Vier-Augen-Gespräch mit Müntefering sagte er, der Sauerländer werde der SPD "in beratender Funktion" zur Seite stehen - also kein einflussreiches Amt bekleiden. Alles andere wäre für Beck auch kaum zu ertragen. Müntefering hatte ihm auf der legendären Spargelfahrt Anfang 2007 gezeigt, wer der eigentliche Taktgeber der Sozialdemokraten ist. Auch auf dem Hamburger Parteitag im Herbst vergangenen Jahres ließ Müntefering Beck wissen, wo der Hammer hängt.

Er hatte zwar den Konflikt mit Beck um die Verlängerung des Arbeitslosengeldes II verloren - aber seine Rede war so fulminant, dass es die stürmisch applaudierenden Genossen von den Sitzen riss und die Medien Müntefering mit dem Titel "Vorsitzender der Herzen" bedachten. Beck, der durch eine längliche und zum Teil zusammenhanglos wirkende Rede gestolpert war, sah an diesem Tag nicht gut aus. Er mag die Macht des Parteivorsitzenden gehabt und bis heute behauptet haben - aber er weiß, dass ihn Münte auf freier Redebahn jederzeit deklassieren könnte.

Die Schlacht der Buchautoren

Und was will Münte? Niemand weiß es. Seit einigen Monaten arbeitet er an einem Buch, das den Titel "Macht Politik!" tragen und im Oktober erscheinen soll. Startauflage: 100.000 Exemplare. Nahezu zeitgleich wird Kurt Beck seine Autobiographie vorlegen, außerdem ist ein Buch des SPD-Linken Ottmar Schreiner angekündigt. Das bedeutet: Der Kampf um die Seele der Partei, um ihr Programm und ihre Zukunft ist eröffnet. Müntefering wird mitmischen - und an diesem Mittwochabend eine erste Ahnung davon vermitteln, wie.

Von:

und Tiemo Rink