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stern.de-Interview mit Bernd Riexinger: Wie der neue Chef die Linke retten will

Der neue Linken-Vorsitzende Bernd Riexinger äußert sich zu dem Vorwurf, dass er eine Marionette Lafontaines sei und erklärt, wie er gemeinsam mit Katja Kipping die zerstrittene Partei aus der Krise führen will.

Herr Riexinger, sind Sie eine Marionette Oskar Lafontaines?
Da bemühen Sie, wie viele Journalisten leider derzeit, ein Klischee. Ich bin zwar mit Lafontaine gut befreundet, aber so enge politische Berührungspunkte in unserer Vergangenheit, wie Sie unterstellen, hatten wir nicht. SPD-Mitglied war ich schließlich nie. Und ich bin ein eigenständiger Kopf und ganz gewiss keiner, der sich von anderen vorschieben lässt. Ich will in meinem neuen Amt integrieren, die Reaktionen in der Partei zeigen mir bereits jetzt, dass das auch angenommen wird.

Wie fühlen Sie sich in Berlin? Sie kommen ja nach einer Art Zwangsheirat mit Katja Kipping hier an.
Ein aufrechter Schwabe taugt nicht zur Zwangsverheiratung. Richtig ist nur, dass die Wahl für mich einen Umbruch in meinem Leben bedeutet. Aber ich bin in Berlin gut empfangen worden, und ich habe das Gefühl, dass die Kooperation mit Katja Kipping funktionieren wird. Ich bin angetreten, weil wir eine Parteiführung brauchen, die beide Traditionslinien, die die Partei stark gemacht haben, vertritt. Da muss jemand aus den Gewerkschaften dabei sein, der sich glaubwürdig für die Interessen der arbeitenden Bevölkerung engagiert. Wenn das nicht der Fall ist, haben wir keine Chance. Die Bindung zu den Arbeitnehmern, Gewerkschaften, Rentnern und Arbeitslosen darf nicht abbrechen.

Die Schlagzeile in der "Berliner Zeitung" nach Ihrer Wahl lautete: "Das letzte Aufgebot." Tut das nicht weh?
Es ist interessant, dass manche Medien mich einen Unbekannten nennen, aber keine Sekunde zögern, mich sogleich politisch einzuordnen. Der Versuch, mich ein bisschen kennenzulernen, zu dem ich alle einlade, könnte nichts schaden. Ich bin alles andere als ein letztes Aufgebot. Ich habe immerhin acht Jahre die WASG und die Linke in Baden-Württemberg geführt, die dort eine geschlossen auftretende, arbeitsfähige Landespartei ist...

… die bei der vergangenen Landtagswahl mit 2,8 Prozent krachend gescheitert ist.
Dabei wird unterschlagen, dass wir an absoluten Stimmen hinzugewonnen haben. Wir sind leider unter die Räder eines taktischen Wahlverhaltens gekommen. Wichtigstes Wahlziel der Wähler in Deutsch-Südwest war: Dieser CDU-Mappus muss endlich weg! Dann kam die Atomkatastrophe von Fukushima, und die Grünen schossen so nach oben, dass sie auch für viele Links-Wähler attraktiv wurden. Dagegen konnten wir wenig ausrichten.

Ihr Job als Parteichef ist ein Selbstmordkommando. Sie übernehmen eine zutiefst zerstrittene, gespaltene Partei. Was wollen Sie tun?
Wir müssen jetzt wieder Politik machen, die Zerwürfnisse sind inhaltlich ja nicht so groß. Wir haben 80 Prozent programmatische Gemeinsamkeiten, 20 Prozent Differenzen. Die Streitpunkte werden derzeit von unseren Gegnern in den Vordergrund geschoben. Also muss die neue Führung dafür sorgen, dass unsere Kernthemen wieder wahrgenommen werden: soziale Gerechtigkeit, mehr Demokratie, Kampf gegen Niedriglohn - schließlich sind sehr viele Menschen keineswegs so gut durch die Krise gekommen, wie CDU und FDP immer behaupten, Europa wird immer unsozialer. Und wo Gräben bei uns aufgerissen werden, müssen sie wieder zugeschüttet werden: durch eine offenere Kommunikation, durch einander Zuhören, durch weniger verletzende Auseinandersetzung. Katja Kipping und ich waren bei den Querelen nicht so beteiligt, das ist unsere Chance.

Kommt es zur Spaltung der Linkspartei?
Mit Sicherheit nicht. Wir dürfen uns da nicht medial reintreiben lassen. Die Basis will eine geeinte Linke. Alle ostdeutschen Landesvorsitzenden haben mir bereits erklärt, dass sie die gesamtdeutsche Linke als das einzige Zukunftsmodell ansehen und dass sie bereit sind, mit der neuen Führung zusammenzuarbeiten.

Hans Peter Schütz