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stern-Umfrage: Hessen zeigt Ypsilanti die rote Karte

Hessens SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti schmiedet ihr Linksbündnis gegen den Willen des Großteils ihrer Landsleute: Zwei Drittel lehnen ihren Kurs ab. Das ermittelte das Forsa-Institut im Auftrag des stern. Was die Hessen stattdessen wollen, ist ebenso eindeutig.

Von Lutz Kinkel und Matthias Weber

Die Hessen haben die hessischen Verhältnisse satt, sie wollen das Taktieren der Kochs und Ypsilantis nicht länger erleben müssen. Das bestätigt eine Umfrage, die das Forsa-Institut im Auftrag des stern und der "Frankfurter Rundschau" unter hessischen Wahlberechtigten durchführte. Demnach rangiert der "Unmut über die Politik" auf Platz 1 der Liste der größten Probleme des Landes - vor Themen wie Bildungspolitik und Arbeitslosigkeit. "Das haben wir noch nirgendwo gemessen, dass ein solcher Unmut über die Akteure der Politik auf Landesebene vorhanden ist", sagt Forsa-Chef Manfred Güllner im "Café Einstein", dem stern.de-Web-TV-Interview.

Die SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti hat sich dafür entschieden, diesen Unmut auf ihre Weise zu beenden - sie strebt eine rot-grüne Minderheitsregierung unter Tolerierung der Linkspartei an. Aber das ist in den Augen der hessischen Wähler keine Lösung.

Forsa stellte zu Ypsilantis Vorhaben verschiedene Fragen und immer waren die Antworten eindeutig. Finden Sie die Zusammenarbeit von SPD, Grünen und Linkspartei im Landtag gut? 59 Prozent der Befragten antworteten mit Nein. Finden Sie es gut, dass sich Ypsilanti von diesen Parteien zur Ministerpräsidentin wählen lassen will? 68 Prozent der Befragten antworteten mit Nein, selbst unter den SPD-Wählern lehnten 54 Prozent diesen Schritt ab. Wäre eine rot-grüne Minderheitsregierung unter Tolerierung der Linken ein Ausweg aus der hessischen Krise? Nur 10 Prozent antworteten mit Ja. Unterm Strich steht die klare Botschaft: Eine große Mehrheit der hessischen Wähler lehnt Ypsilantis Kurs ab.

Die Befragten glauben nicht einmal, dass es Ypsilanti überhaupt schaffen würde, sich zur Ministerpräsidentin wählen zu lassen. 60 Prozent äußerten die Einschätzung, dass sie nicht die nötige Mehrheit der Stimmen bekäme. Andererseits haben sie eine klare Vorstellung davon, was allein der Versuch für ihre Partei bedeuten würde. Forsa-Chef Güllner: "Eine noch größere Mehrheit glaubt, dass Ypsilanti damit nicht nur sich selbst oder der Hessen-SPD schadet, sondern der SPD in ganz Deutschland."

Weshalb Ypsilanti dennoch diesen unpopulären und riskanten Versuch startet, lässt sich aus der sogenannten "Sonntagsfrage" ableiten - also der Frage, welche Partei die Hessen wählen würden, wären am kommenden Sonntag Landtagswahlen. Das Ergebnis: Die SPD, die im Januar noch 36,7 Prozent der Stimmen holte, würde nur noch 26 Prozent erzielen. Die CDU hingegen könnte einen leichten Zuwachs auf 38 Prozent verbuchen. Stark profitieren würden die kleineren Parteien: Die FDP könnte sich von 9,4 auf 12 Prozent verbessern, die Grünen dürften mit 11 Prozent rechnen, die Linkspartei, die im Januar mit 5,1 Prozent nur knapp den Einzug in den Landtag schaffte, läge bei 8 Prozent. Die SPD würde bei Neuwahlen also Einfluss und Mandate verlieren. Manfred Güllner hält dieses Resultat für das Ergebnis eines strategischen Fehlers der SPD. Sie hätte die "Schotten zur Linkspartei dichtmachen " müssen. Dass sie sich stattdessen geöffnet hat, habe die Linken stark gemacht - wie vor Jahrzehnten die Grünen.

Die schlechte Lage der hessischen SPD spiegelt sich auch in den Antworten auf die Frage, wen die Wähler zum Ministerpräsidenten wählen würden, wenn sie ihn direkt wählen könnten. Roland Koch, der im Januar nur eine Zustimmung von 38 Prozent hatte, konnte sich um drei Punkte auf 41 Prozent verbessern. Bei Andrea Ypsilanti zeigt sich die umgekehrte Tendenz. Hatte sie im Januar mit 39 Prozent die Nase vorn, so liegt sie nun bei 31 Prozent. Die SPD hat somit in Hessen doppelt eingebüßt - im Hinblick auf die Partei und ihre Spitzenkandidatin. "Das ist das Ergebnis von Ypsilantis Arbeit in sechs Monaten", sagt Güllner.

Forsa fragte jedoch nicht nur nach der simplen Zustimmung zu Koch und Ypsilanti, die Meinungsforscher erkundeten auch das Image der beiden Spitzenkandidaten. Die Ergebnisse lassen keinen klaren Sieger erkennen - mit einer interessanten Ausnahme. So gilt Koch beispielsweise als machtbewusster, intelligenter und kompetenter als Ypsilanti. Andererseits wirkt die SPD-Politikerin moderner, symphatischer und sozialer. Der stärkste Ausschlag auf der Skala ist jedoch bei dem Kriterium "hat eine geschlossene Partei hinter sich" zu erkennen. Das bejahen 72 Prozent bei Koch. Aber nur 15 Prozent bei Ypsilanti. Dass dieser Eindruck der Bürger nicht trügt, bestätigt Güllner im stern.de-Interview: "Die SPD zerreißt es. Wir haben eine Mehrheit, die das alles [Ypsilantis Kurs, Red.] nicht gut findet, aber auch eine Minderheit, die sagt: Naja, vielleicht doch. Das ist ein schrecklicher Zustand."

Welchen Weg die Hessen am liebsten aus den hessischen Verhältnissen nehmen würden, ist eindeutig. 61 Prozent der Befragten plädieren für Neuwahlen. Alle anderen denkbaren politischen Konstellationen sind für die meisten Wähler nicht wünschenswert. Nur 10 Prozent wollen Ypsilantis Linksbündnis, 9 Prozent eine große Koalition. Für Jamaika (CDU, FDP und Grüne) und die Ampel (SPD, FDP und Grüne) stimmen jeweils 7 Prozent. Dass die Bürger den Parteien kaum zutrauen, untereinander koalieren zu können - und schon gar nicht im politischen rechts-links-Mix - ist den speziellen hessischen Verhältnissen geschuldet. Die Bürger nähmen die Kontrahenten aus dem bürgerlichen und dem linken Lager als "verbissen und verbiestert" wahr, sagt Forsa-Chef Güllner. "Eine klare Mehrheit sagt: Nein, das funktioniert alles nicht. Wir wollen noch mal neu entscheiden."

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Von:

Matthias Weber und