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Theo Waigel zum Euro-Rettungsschirm: "Was auf Finanzmärkten läuft, ist Betrug"

Theo Waigel, "Vater des Euro", begrüßt die Ausweitung des Rettungsschirms. Aber er zürnt den Finanzmärkten - und will sich von den USA nicht belehren lassen. Ein stern.de-Interview.

Herr Waigel, Sie sind der "Vater des Euro". Freuen Sie sich über den Beschluss, den Rettungsschirm aufzustocken?
Die Entscheidung im Bundestag war notwendig und richtig. Ich begrüße, dass die Koalition eine Mehrheit hat in dieser Frage und dass SPD und Grüne zugestimmt haben. Sie haben der Versuchung widerstanden, billige Oppositionsspielchen zu betreiben. Ich finde es auch bemerkenswert, dass die deutsche Wirtschaft, der Bauernverband, die Gewerkschaften und die Kirchen sich positiv in den Kampf gegen die Krise einbringen. Es ist dringend notwendig, um der Europamüdigkeit und Europafeindlichkeit zu begegnen, der wir in diesen Tagen begegnen.

Wie bewerten Sie die bisherigen politischen Auftritte von Angela Merkel während der Euro-Krise?
In der CDU murren ja einige: Ihr fehlt der Kompass, sie führt nicht. Angela Merkel hat in den vergangenen zwei vergangenen Jahren immer mehr Verantwortung für Europa übernommen. Sie weiß, dass es ein Desaster wäre, wenn Europa wieder auseinander fiele. Da steht sie in einer Reihe mit Konrad Adenauer und Helmut Kohl.

Was muss noch passieren, damit wir die Euro-Krise bewältigen?
Erstens muss der Stabilitätspakt wieder seine Kraft entfalten. Die Regelverletzungen müssen aufhören. Außerdem muss jedes Land eine Schuldenbremse in die Verfassung aufnehmen, denn in der Finanzkrise konnten zwar die Staaten die Banken retten, aber jetzt stellt sich die Frage: Wer rettet die Staaten? Länder wie Italien oder Spanien sollten nicht immer auf Eurobands schielen.

Wie würden Sie denn die Spekulanten an die Kette legen?
An die Kette legen kann man die Märkte nicht. Aber man kann die Spekulationen eindämmen. Was da auf den internationalen Finanzmärkten läuft, ist doch Betrug. Eine funktionierende europäische Finanzaufsicht muss kommen. Es spricht nichts gegen eine Finanztransaktionssteuer. Und wenn sie mit Amerikanern und Engländern nicht zu machen ist, dann eben nur in der Eurozone. Es wäre gut, wenn Europa dem angelsächsischen ein eigenes Finanzmarktmodell entgegenstellt.

Was schlagen Sie in Sachen Leerverkäufe vor?
Verbieten, auf Dauer. Ich halte es für unmoralisch und für finanzpolitischen Irrsinn, mit etwas zu wetten, das ich gar nicht besitze. Im normalen bürgerlichen Leben ist das grober Betrug, Vortäuschung falscher Tatsachen. Es ist leider noch nicht genügend gelungen, die Exzesse im Bankensystem unter Kontrolle zu bekommen. Da muss sich auch die Bundesrepublik engagieren.

Wie bewerten Sie es, dass US-Präsident Barack Obama jetzt den Europäern die Schuld an der Finanzkrise zuschiebt?
Die Amerikaner sollten ihre Schuldensituation erst mal selber in den Griff bekommen. Da gebe ich Wolfgang Schäuble uneingeschränkt Recht. Die Finanzkrise ist durch die Luftnummern auf dem US-Immobilienmarkt zu uns herüber geschwappt. Wir brauchen keinerlei Belehrung durch die USA.

In der CSU will sich nun ein beinharter Euro-Kritiker, Peter Gauweiler, zum stellvertretenden Vorsitzenden wählen lassen. Was halten Sie davon?
(lacht) Ich mag den Peter Gauweiler sehr, weil er ein origineller Politiker ist, und das ist selten geworden. Menschlich habe ich kein Problem mit ihm. Politisch lächle ich zuweilen ein bisschen, denn er ist wie so viele Politiker nicht frei von Eitelkeit. Aber was die Europapolitik betrifft stehe ich Franz- Josef Strauß näher als er. Da müsste er mal nachlesen was Strauß in den fünfziger Jahren über Charles de Gaulle gesagt. Der wollte ein Europa der Vaterländer, wogegen sich Strauß entschieden gestellt hat. Er hat ein supranationales Europa und die vereinigten Staaten von Europa gefordert. Wenn Franz- Josef von oben herunterschaut, blickt er in Sachen Europa gewiss wohlgefälliger auf mich als auf Peter Gauweiler.

Wie sehen Sie die Landtagswahl 2013, wenn Christian Ude (SPD) gegen Horst Seehofer antritt? Ist die CSU-Herrschaft in Gefahr?
Nein. Die CSU musste 1974 keine Angst vor Hans-Jochen Vogel haben, nun muss sie keine Angst vor Christian Ude haben. Aber er ist ein interessanter Kopf.

Einige in der CSU scheinen bereits zu zittern.
Das ist völlig überflüssig. Ich würde gegen ihn die alten Stärken der CSU ausspielen: Regionale Strukturpolitik, die nicht ganz Bayern wie ein größeres München behandelt. Dann entzaubert sie Ude ganz schnell.

Hans Peter Schütz