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Thorsten Schäfer-Gümbel: Der Crash-Test-Sozi

Er ist der Genosse mit dem Doppelnamen und der dicken Brille. Er muss für die hessische SPD als Spitzenkandidat antreten. Dabei ist klar: Thorsten Schäfer-Gümbel hat keine Chance. Die aber will er nutzen. Von einem der auszog, eine politische Bruchlandung zu überleben.

Von Jan Rosenkranz

Er macht das jetzt ganz routiniert. Professionell, selbstbewusst. Steigt betont dynamisch auf eine dieser Bühnen in einem dieser Säle zwischen Darmstadt und Kassel. Wirft sich in Staatsmann-Pose, den Hals gereckt, die Ohren glühen. Und wenn er so da steht und blickt, mit dieser Chuzpe, die durch lupendicke Brillengläser blitzt - da erinnert Thorsten Schäfer-Gümbel an Eddie the Eagle, den erfolglosesten Skispringer aller Zeiten. Neunzig Meter Anlauf bis zum Schanzentisch, und keiner weiß, ob er den Sprung überlebt. Nur er, er glaubt an sich.

Locker und entspannt wirken

Und so spricht er von "Verantwortung", "Herausforderung" und "Generationenwechsel". Was man so sagt, wenn man mit 39 Jahren zum Ersatzmann der abgestürzten Andrea Ypsilanti ausgerufen wird, zum Crash-Test-Dummy der heillos zerstrittenen Hessen-SPD für die Landtagsneuwahl am 18. Januar - und niemand einen Heller auf dich setzen würde.

Die ersten Wochen seiner Wahlkampftour, die waren hart. Sicher, ab und an wollte mal ein Genosse ein Autogramm. Nur leider nicht von ihm - von seinem Fahrer. Der ist nämlich berühmt, "Wetten, dass ..?"-Wettkönig der Oktobersendung, wo er Millionen Zuschauer damit verblüffte, dass er jeden deutschen Autobahnabschnitt anhand kurzer Filmschnipsel erkennen kann.

An diesem nasskalten Winterabend stochert TSG, wie die Genossen ihn nennen, im Fuldaer "Jägerhaus" an Ente mit Klößen herum. Im Saal nebenan warten 70 SPDler darauf, ihn kennenzulernen und darauf, dass er sie aus dem Jammertal führt. Doch der Kandidat muss jetzt was essen, da kann die örtliche Abgeordnete noch so drängeln. Sieben Kilo habe er schon abgenommen, erzählt er. Und dass er überlege, der "Bunten" sein Programm als "neue Trenddiät" zu verkaufen. Er will locker wirken, locker und entspannt. Zeigen, dass er kein Idiot ist.

Schäfer-Simpel- Dimpel-Dümpel-Bembel

Und man fragt ihn, so zwischen zwei eiligen Happen, wie er das alles aushält? Nein, nicht diese "knochenharte Kreisbereisung" - die Häme, den Spott. Dass die mediale Kavallerie aus allen Rohren schießt, kaum dass er aus der Deckung kam. Ständig musste er lesen, dass er "Ypsilantis Marionette" sei, ein Prügelknabe mit Geht-gar-nicht-Brille, Modell "Kuba-Krise". Und erst dieser Name, wie ausgedacht von Loriot: Schäfer-Simpel-Dimpel-Dümpel-Bembel! Dreht man da nicht durch? Und er sagt: "Auf die Wucht kann man sich nicht einstellen. Ich habe einfach aufgehört, alles zu lesen."

Er nestelt an der Serviette, hält kurz inne und erzählt dann von seinem Heilpraktiker Hans-Jürgen Folkerts, der in Bosnien Kommandeur der deutschen Blauhelm-Truppe war und die Soldaten dort auch psychologisch betreut hat. Kürzlich war er bei ihm, weil er nicht mehr schlafen konnte. Der Stress, der Druck. "Er hat mir ein paar Tricks gezeigt, die einen unglaublich schnell zur Ruhe bringen", sagt Schäfer-Gümbel. "Atemübungen. Bekommt kein Mensch mit, die kann ich sogar auf Veranstaltungen machen."

Er hat kein Problem damit, Schwäche zu zeigen. Er geht offensiv damit um um in die Offensive zu kommen. Er hat keine Angst. Wovor auch? Er hat nichts zu verlieren. "Ich bin der einzige Kandidat, der frei aufspielen kann", sagt er. Und langsam bekommt man das auch zu spüren. Mag das Programm noch dasselbe sein wie bei Ypsilanti, dieser Typ - verheiratet, Vater dreier Kinder - ist anders. Mehr Pragmatiker als Messias. Und statt Größenwahn eine gute Prise Selbstironie.

Humor als Waffe

"Es geht hier nicht um ,Germany's Next Topmodel‘", ruft er bei der Auflösung des Wiesbadener Landtags in den Saal, und dass er "im Übrigen" diesen Wettbewerb gegen Roland Koch gewinnen würde. Und als Johannes B. Kerner in seiner Sendung fragt, ob er und Ypsilanti sich nach der Wahl um den Fraktionsvorsitz streiten werden, sagt er trocken: "Nein, ich bin dann ja Ministerpräsident."

Er ist schlagfertig. Er hat Witz. Humor ist die Waffe der Unterlegenen. Er hatte in seinem Leben verdammt oft Gelegenheit, sie zu ziehen. Schäfer-Gümbel wird im bayerischen Oberstdorf geboren, wächst gemeinsam mit drei Geschwistern in der Gießener Nordstadt auf. Schlimmes Viertel, einfache Verhältnisse. Darf trotz Förderklasse doch nicht aufs Gymnasium, bis sich ein Realschullehrer seiner annimmt und ihn durchboxt. In der Schule heißt er "Allgäu", was nicht nur nett gemeint war. Kinder sind brutal. Eine Glasbaustein-Hornbrille und einfachste Klamotten reichen aus, um zum Sonderling erklärt zu werden. Keine Freundin, keine Clique. "Auf Klassenfahrten war er meistens nicht dabei. Zu teuer", erinnert sich ein Mitschüler.

Mit 16 geht Thorsten Schäfer, wie er da noch hieß, zur SPD. Sie gibt ihm Selbstvertrauen, ermöglicht ihm, dank Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung, Politikwissenschaften zu studieren. Er wird Referent des Gießener Sozial- und Jugenddezernenten und später wissenschaftlicher Mitarbeiter des Oberbürgermeisters. In diesen Lehrjahren entwickelt er sein politisches Motto, das er heute bei jedem Auftritt predigt: "Politik ist die Fähigkeit zum handlungsorientierten Kompromiss." Danach lässt er immer eine kleine Pause. Er ist sperrig, dieser Satz. Nicht ganz so fluffig wie Ypsilantis ewig gleiches Mantra von "Politikwechsel", "Energiewende" und "sozialer Moderne". Dafür enthält er die Erkenntnis, dass die zweitbeste Lösung allemal besser ist als gar keine. "Wir müssen raus aus der hessischen Bunkermentalität", sagt Schäfer-Gümbel dann immer. In Hessen, wo nicht erst seit einem Jahr heftige Grabenkämpfe in und zwischen den Parteien herrschen, gilt so viel Gleichmut schon fast als Kapitulation.

Vermitteln und versöhnen

Vorsichtig, langsam versucht er, sich von Ypsilanti abzusetzen. Sie bremst wie Steigwachs seinen Anlauf. Er zählt zu ihrem Lager. Seine Idee, Reichen eine Zwangsanleihe abzufordern, könnte original von ihr stammen. Sie sind sogar befreundet. Und wenn man ihm sagt, diese Freundschaft sei ja nun nicht gerade von Vorteil für ihn, dann ruft er empört: "Das ist doch kein Makel!" Und sein Referent, der auch Ypsilantis Referent war, schüttelt dazu heftig den Kopf. Und der Kandidat schiebt nach: "Was glauben Sie, was passiert wäre, wenn sich Andrea Ypsilanti in die Büsche geschlagen hätte? Wir können doch im bürgerlichen Spektrum gar nicht so viele Stimmen einsammeln, wie wir im linken verloren hätten."

Schäfer-Gümbel will kein "sie oder ich". Er hat für solche Spielchen weder Sinn noch Zeit. Also rückt er die neue Brille zurecht - sie ist weniger eckig, aber im Grunde ganz die alte - strafft sich, holt Luft und tritt wieder in einen dieser dampfenden Säle. Aufmuntern. Versöhnen.

Er kann das. Schon bei den Jusos galt er als Integrator. Der Kompromisse findet. Gräben zuschüttet. Darum hat er sich gegen den Parteiausschluss der vier Abweichler gewandt, die Ypsilantis Wahl torpediert hatten. Er weiß, wie sich so ein Verfahren anfühlt. Er sollte auch schon mal aus der Partei geworfen werden, vor 14 Jahren. Um gegen die Abschiebung von Kurden in die Türkei zu protestieren, hatte er gemeinsam mit anderen Jusos gedroht: Wenn Hessen keinen Abschiebestopp verhängt, vergiften wir einen Hund. Es war als Satire gemeint. Sicher würden sich alle mehr Sorgen um den Hund machen als um die verfolgten Menschen. Sie sollten recht behalten. Tagelang tobte der Boulevard. Irgendwann tobten auch die Genossen.

Vom Depp zum Kult

TSG hat den Sturm ausgehalten - damals wie heute. Tapfer. Stoisch. Gelassen. "Steher-Qualitäten", wie seine Genossen inzwischen loben. Als Parteichef Franz Müntefering Anfang November den Namen des Kandidaten erfuhr, blätterte er im Notizbuch, in das er sich die Namen von Leuten notiert, die ihm auffallen. Vergebens suchte er nach TSG. Inzwischen hält auch er ihn für einen Glücksgriff.

Allmählich beginnt sich die Karikatur des Idioten zu wandeln. Mediale Konjunktur kann gnadenlos und gnädig sein. Gestern Depp, heute Kult. Das "Zeit-Magazin" druckt ein Poster des "Hessen-Obama" mit dem Schriftzug "Hope". Die Jusos tragen T-Shirts mit "Super-Gümbel"-Aufdruck. Und auf dem Parteitag in Alsfeld recken sie ihm rote "Alle für Thorsten"- Schilder entgegen. Inzwischen gibt auch er Autogramme.

Er ist der Underdog, der keine Chance hat. Diesen Umstand aber trägt er mit Fassung. Mit der Würde des kleinen Mannes. Die Leute mögen Menschen mit Schwächen. Normalos wie sie selbst - unvollkommen und latent überfordert. Typen wie Eddie the Eagle eben. Thorsten Schäfer-Gümbel wird die Hessen- Wahl nicht gewinnen. Aber er wird überleben.

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