Trauerfeier für getötete Bundeswehrsoldaten Als der Krieg nach Selsingen kam


Sie war bewegend und erdrückend, die große Trauerfeier in dem kleinen Örtchen Selsingen. Szenen aus einem Dorf im Ausnahmezustand, wo auch die ganz harten Typen weinten.
Von Niels Kruse, Selsingen

Es liegen 21 Kränze vor der St. Lamberti-Kirche, einem alten Steinbau mit unverputzten Mauern. Die Freiwillige Feuerwehr hat einen abgelegt, der Bürgermeister von Zeven, die Fallschirmjäger aus dem nahen Seedorf sowieso. Wegen ihren toten Kameraden sind schließlich alle nach Selsingen gekommen: die Kanzlerin, ihr Verteidigungsminister, der Wehrbeauftragte, die Kameraden aus der benachbarten Seedorfer Kaserne, alles in allem fast 3000 Mann. Dazu die Brüder, Schwestern, Eltern und Kinder der gefallenen Soldaten, deren Freunde und Hunderte von Zuschauern. Und es war nicht nur von den Dimensionen her eine außerordentliche Trauerfeier.

Schon drei Kilometer vor Selsingen schmücken schwarze Trauerflore die Ortseingang- und Ausgangsschilder. Autos kommen hier nur im Schritttempo voran, rechts vor der Fallschirmjägerkaserne stehen die weißen Bundeswehrbusse dicht an dicht, zu Hunderten fahren sie die Trauergäste nach Selsingen, mitten auf das platte Land zwischen Hamburg und Bremen. Niels Bruns hat hier gelebt, in diesem kleinen Ort. Hauptfeldwebel war er, bis zum letzten Karfreitag, als die Taliban ihn und seine Kameraden in einen Hinterhalt lockten und sie mit Raketenwerfern beschossen. Er starb zusammen mit Robert Hartert und Martin Augustiniak. Nicht nur Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wird sich später in seiner Ansprache fassungslos zeigen.

Nun stehen die drei Särge in der kleinen Kirche. Links und rechts neben dem Eingang haben sich zwei Fallschirmjäger postiert, regungslos stehen sie in ihrer Kampfuniform mitsamt Gurt da und blicken leer auf den Vorplatz, der sich mit immer mehr Menschen füllt: Kinder und Jugendliche sind darunter, Schaulustige wie der Rentner Günther Horst, der mit dem Fahrrad aus dem 20 Kilometer entfernten Zeven gekommen ist und das ganze Brimborium als willkommene Ablenkung betrachtet. Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel erstmalig öffentlich Abschied von getöteten Soldaten nimmt, sieht er gelassen: "Och joa", sagt er in breitem Norddeutsch, "die Leude wolln das ja so, ne?!?"

"Wer in den Krieg zieht, kann eben auch sterben"

Die Leute, die das so wollen, stehen in riesigen Gruppen mit roten, blauen und grünen Baretts um ihn herum. Die grauen Heeresuniformen, die hier alle tragen, "sind leider auch für solche Anlässe", wie ein Sanitäter bedrückt sagt. Er ist leise. Auffallend leise. Vermutlich wird es in Selsingen ohnehin nie richtig laut, doch jetzt, während der Gottesdienst für die Familie stattfindet, sind schon mehr als tausend Menschen um die Kirche herum versammelt, doch den größten Lärm machen die Vögel in den Bäumen. Die Stille über Selsingen wird sich auch in den nächsten Stunden nicht legen. Selbst wenn sich die Soldaten zugweise und im Gänsemarsch in Bewegung setzen, hallen ihre Schritte nur gedämpft auf dem Pflaster.

Sally ist 15 Jahre alt und gibt sich ganz abgebrüht. Sie findet die ganze Angelegenheit "Schwachsinn". "In anderen Ländern sterben im Krieg auch ständig Leute und da macht niemand eine große Sache daraus." Außerdem, sagt sie, seien die doch freiwillig nach Afghanistan gegangen, "und wer in den Krieg zieht, kann eben auch sterben".

Matthias Böttjer sieht das nicht so cool. Er führt den größten Supermarkt im Dorf. "Die Betroffenheit ist schon groß hier. Es wird seit Tagen viel darüber gesprochen und diskutiert", sagt er. Schließlich seien die Seedorfer Soldaten ins Dorfleben integriert. "Ihre Kinder gehen hier in der Gegend zu Schule, die Soldaten haben ihre Freunde hier." Das Kondolenzbuch, das seit einigen Tagen in der Kirche ausliegt, ist entsprechend voll. In dem kleinen Ort herrscht "Ausnahmezustand", meint Böttjer. Er kam am Morgen kaum zur Arbeit, die Straßen waren voll mit Fahrzeugen von Fernsehsendern. Polizisten und Soldaten allerorten, der Ortskern ist gesperrt, die Trauerfeier wird aufgrund des Andrangs sogar auf Großleinwand übertragen. "Es wäre schön, wenn Selsingen aus einem erfreulicheren Grund zu Berühmtheit gekommen wäre", meint Böttjer.

Wenn harte Typen weinen

Es ist 14 Uhr, die Glocken läuten fünf Minuten lang trotzig in die Stille hinein. Die Kanzlerin läuft mit würdigem Schritt und zu Guttenberg an ihrer Seite über den Kirchenvorplatz. Gegenüber gucken die Nachbarn aus ihren Fenstern heraus mit Kissen unter den Ellbogen der Promi-Prozession zu. Mindestens 3000 Menschen sind mittlerweile da. Weil die Kirche viel zu klein für solche Massen ist, wurde auf dem benachbarten Parkplatz eine Videoleinwand aufgebaut, damit jeder die Feier mitbekommen kann. Es ist jetzt noch leiser als vorher, selbst der Reporter des Fernsehsenders N24 flüstert in sein Mikrofon. Einigen Soldaten ist selbst das noch zu laut. Irritiert wenden sie ihre Hälse in seine Richtung.

Die Fallschirmjäger sind allesamt stattliche Erscheinungen, unter 1,90 Meter ist hier kaum jemand. "Spezialkräfte" nennt Helmut Gremler, Militärdekan, sie bewusst unscharf. Leute für besondere Aufgaben, vermutlich keine schönen Aufgaben, harte Typen eben. Doch als die ersten Requien aus dem Gottesdienst zu hören sind, rollen auch bei ihnen die Tränen.

Schniefen ist zu hören, meistens leise, manchmal laut. Einige gucken aus roten Augen auf die Videowand. Sie wissen: Da in dem Sarg, da hätten sie auch liegen können. Oder werden es vielleicht noch. Der Tod gehört zu ihrem Geschäft. Und diese Trauerfeier macht ihnen das mal wieder deutlich.

Kanzlerin spricht über den Krieg

Dass Krieg herrscht am Hindukusch, und dass er so genannt werden muss, diese Erkenntnis ist nicht neu. Zu Guttenberg nimmt das K-Wort bei seiner bewegenden Ansprache nicht zum ersten Mal in den Mund. Doch auch Angela Merkel findet es nun "verständlich", dass man den Afghanistan-Einsatz Krieg nennt, wie sie sagt. Und sie spricht auch über die Zweifel, die "jeder im Kabinett" schon einmal gehabt habe, ob des Sinns und Unsinns dieser Mission. Ihre Schlussfolgerung: "Nur wer zweifelt, kann politische Antworten finden."

Bei den Soldaten kommt die Kanzlerin gut an. Sie spüren endlich Rückendeckung von ihrer Regierung, die sie Tausende Kilometer weit nach Asien schickt, um dort die Sicherheit aller Deutschen zu verteidigen, wie die Kanzlerin und ihr Verteidigungsminister auch jetzt wieder unisono sagen. "Ich hätte mir diese Geste schon früher gewünscht", sagt Markus Fischer, ein Oberleutnant von der Luftwaffe. Ihre Worte, so der Offizier, seien mehr als angemessen für diesen Anlass gewesen.

Nach rund anderthalb Stunden werden die drei Särge aus der Kirche getragen. Nach ganz kleinen Schritten wuchten die Kameraden die sterblichen Reste in den Leichenwagen, eine Militärkapelle trommelt leise dazu, mit einer Motorradeskorte der Polizei werden die in Schwarz-Rot-Gold gewandeten Kisten zum Friedhof gefahren. Es ist vorbei, Feuerzeuge klacken, Zigaretten flammen auf. Die gedämpfte Ruhe aber löst sich nur sehr langsam auf. Die große Trauerfeier ist vorbei. Doch alle hier ahnen: Es wird noch mehr davon geben. Wenn nicht in Selsingen, dann anderswo.


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