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TV-Duell Merkel vs. Steinbrück: Wie beleidigt man eine Dame?

Es könnte die Wahl beeinflussen, die vielleicht entscheidenden zwei oder drei Prozent Stimmen bringen. Deswegen nehmen Merkel und Steinbrück das TV-Duell am Sonntag sehr ernst. Eine Vorschau.

Von Hans Peter Schütz

Wird Angela Merkel nach dem Fernsehduell befragt, gibt sie sich gelassen. "Ich freue mich auf die Debatte", sagte sie der "FAZ". Das ist jene Gelassenheit, die sie schon den ganzen Wahlkampf über an den Tag gelegt hat. Gegenüber einem Mann, der ihr immerhin vorgeworfen hat, sie habe in der NSA-Affäre ihren Amtseid gebrochen. Wird sie diesmal, vor laufenden Kameras, den Namen ihres Konkurrenten Peer Steinbrück in den Mund nehmen? Gar mit ihm streiten?

Peer Steinbrück entlastet sich mit Scherzen vom Druck, dass er am Abend des 1. Septembers in Berlin-Adlershof seine vermutlich letzte Chance auf die Kanzlerschaft hat. Ärgert er sich, dass Merkel ihn bisher offiziell ignoriert? Natürlich nicht, antwortet er lässig. So werde er es bei der nächsten Bundestagswahl 2017 mit seinem CDU-Herausforderer ebenso machen. Und fügt grinsend hinzu: 2021 natürlich auch!

Demoskopisch betrachtet hat Steinbrück kaum Chancen. Rund drei Wochen vor dem Wahltag sehen die Umfragen Merkel und ihre schwarz-gelbe Koalition klar vorn. Der Blick zurück indes sollte sie warnen. Seit 1998 hat die CDU bei der Bundestagswahl immer schlechter abgeschnitten als die Meinungsforscher prophezeit hatten 2005 war der Einbruch besonders heftig, Merkel gewann nur um Haaresbreite. Auch diesmal können wenige Prozentpunkte über Sieg und Niederlage entscheiden. Gut die Hälfte der Wähler hat sich noch nicht endgültig festgelegt, wo sie am Wahlsonntag ihr Kreuzchen macht. Das ist eine politische Masse, die dem TV-Duell eine ganz besondere Dramatik gibt. Selbst für Angela Merkel, deren Popularitätswerte die ihres Herausforderers weit übersteigen. Das Kanzler-Duell ist wichtigste politische TV-Sendung des Jahres.

Raab, der Joker unter den Moderatoren

Um 20.25 Uhr am 1. September treten vier Journalisten von ARD, ZDF, RTL und – zum ersten Mal – von ProSiebenSat1 an. Und zwar in der Formation von zwei Moderationspaaren. Im einen Gespann arbeiten die ZDF-Talkerin Maybrit Illner und RTL-Anchor Peter Kloeppel. Das zweite Team besteht aus ARD-Moderatorin Anne Will und ProSieben-Entertainer Stefan Raab. Die Sendung wird voraussichtlich eineinhalb Stunden dauern. 800 Journalisten, politische Berater und Beobachter sind vor Ort dabei. Steinbrück hatte zunächst zwei TV-Duelle gefordert. Merkel hatte dies jedoch abgelehnt.

Das Interesse an der Sendung ist enorm. 52 Prozent der Deutschen werden laut einer Umfrage des Instituts TNS Emnid einschalten. Der Medienexperte Jo Groebel erklärt dies damit, dass es anders als 2009, wo Merkel gegen Frank-Walter Steinmeier antrat und nur ein weithin höfliches Gespräch herauskam, es diesmal richtig "krachen" könnte.

Dazu könnte auch Stefan Raab beitragen, ein Typ, der auch mal im Wok die Bobbahn runterrast. Raab traut sich was, das ist auf ProSieben beinahe täglich zu besichtigen. Er ist der politische Outlaw, der hoffentlich jene Fragen stellen wird, die Otto Normalwähler mehr umtreiben als Details zur Europapolitik oder der Krise in Syrien. Zu Ehrfurcht neigt Raab jedenfalls nicht. Er ist noch nicht mal entschieden, ob er eine Krawatte anlegen wird, wie er stern.de sagte. Vorgeschlagen hat die Personalie Raab ausgerechnet Edmund Stoiber (CSU), der über lange Jahre der härteste Konkurrent Merkels in der Union war. Ein kleiner politischer Piekser des Bayern?

SPD bläst zur Attacke

Die TV-Akteure trainieren bereits eifrig, wie sie sich wechselseitig ausmanövrieren können - und wie sie kritische Fragen parieren sollen. Steinbrück bietet reichlich Angriffsfläche: Von der Pinot-Grigio-Debatte über seine exorbitanten Rednerhonorare bis zu den von der SPD geplanten Steuererhöhungen. An ihn richtet sich die erste Frage, Merkel ist das Schlusswort vorbehalten.

Merkel ist der schwerere Fall für die gewünschte politische Unterhaltung. Sie dürfte, wie bei früheren TV-Duellen zu besichtigen war, jeden Anwurf emotionsfrei, aber mit sehr dosiertem Lächeln und ein paar druckfähigen Sätzen abarbeiten. Bei dieser bewährten TV-Strategie soll es bleiben, heißt es in der CDU. 90 Sekunden kurz sollen die Antworten sein. Für Steinbrück vermutlich weniger ein Problem als für die Kanzlerin.

Nach stern.de-Informationen will die SPD Merkels vielfach geübte Strategie endlich aufknacken, sie "aus ihrer inszenierten Gelassenheit" herauslocken. Sie rät dem so wortmächtigen Steinbrück zur aggressiven verbalen Attacke. Kein Satz ohne verbalen Seitenhieb. Steinbrück soll "Klartext statt Merkeleien" erzwingen. Irgendwann werde die Kanzlerin schon aus ihrem emotionalen Gleichgewicht kippen. Steinbrück hat sich jedenfalls intensiv vorbereitet. Alle früheren TV-Duelle studiert, hinter verschlossenen Türen die eigenen TV-Auftritte analysiert. Er will einen kämpferischen, aber unverkrampften Menschen im Fernsehen geben.

Mobilisieren und überzeugen

Dieses Vorgehen ist nicht ohne Risiko. Steinbrück darf es mit der Attacke nicht überziehen, weil er dann Sympathien verlieren könnte. Die Moderatorin Maybrit Illner hat seine einzig mögliche Mission in einem Gespräch mit dem stern gut auf den Punkt gebracht: "Im Grunde muss sein Ziel sein, an ihrer Glaubwürdigkeit zu kratzen. Ein bisschen muss er nach dem Motto vorgehen: Wie beleidigt man eine Dame, ohne dass es schlecht ankommt. Das wird nicht einfach."

Wer gewinnt am Abend des 1. Septembers? Die Wähler erfahren es blitzschnell. Parallel zum TV-Duell werten Kommunikationswissenschaftler von der Universität Hohenheim mit Hilfe von 220 Testzuschauern die Sendung aus. Professor Frank Brettschneider, der das Projekt leitet, misst dem TV-Duell wahlentscheidende Bedeutung zu. Die Kommunikationschance sei "herausragend": "Sie können auf diesem Wege Anhänger mobilisieren und Unentschiedene von sich überzeugen."

Es geht also um viel. Vielleicht sogar um alles.