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Und jetzt ... Django Asül Leer verkauft ist halb gewonnen


Was sind Leerverkäufe? Wenn sich jemand ein Auto leiht, es im Internet verscherbelt und vom Erlös ein Ferienhaus in Belutschistan kauft. Höchste Zeit, dem einen Riegel vorzuschieben.
Eine satirische Marktanalyse von Django Asül

Die EU hat sich etwas Schönes einfallen lassen zum 50-Jahre-Mauerbau-Jubiläum: Für zwei Wochen lässt sie in Europa eine Mauer errichten. Die Idee müsste zwar eigentlich von den Linken allgemein oder zumindest von Gesine Lötzsch stammen, aber EU-Staatenlenker waren einfach schneller. In Anbetracht hoher Rohstoffpreise in Tateinheit mit unsoliden Staatsfinanzen stand allerdings eine Mauer aus Beton nie zur Debatte.

Und so belässt es die politische Seite dabei, der finanzstarken Seite eine imaginäre Mauer aufzubrummen. Wie? Mit einem fünfzehntägigen Verbot von Leerverkäufen an der Börse. Bevor hier ein Missverständnis aufkommt: Leerverkäufe sind nicht die leeren Botschaften, die Europas Politiker seit Jahren unters Volk zu bringen versuchen, sondern lustige Transaktionen an der Börse. Dort kann man nämlich Dinge verkaufen, die man gar nicht hat.

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Man muss sich lediglich beispielsweise Aktien gegen eine Gebühr ausleihen und dem Eigentümer verschweigen, dass die Papiere verkauft werden. So was kommt ja auch im Alltag öfter mal vor. Da leiht sich jemand ein Auto aus, verkauft es klammheimlich im Internet und vom Erlös wird eine Almhütte in den Anden oder eine Finca in Belutschistan angeschafft.

Was in der Realität hie und da als unsportliche Maßnahme oder gar als kriminelle Tat gewertet wird, gehört an der Börse zu den üblichen Umgangsformen. Wobei zur Ehrenrettung der Börsianer gesagt werden muss: Irgendwie landen die ausgeliehenen Papiere schon wieder beim ursprünglichen Eigentümer, so dass der Schwindel höchstens dann auffliegt, wenn der Ausleiher bei fallenden Kursen einen Riesenreibach macht. Und infolge dessen das Haus und die Frau des Ausleihers kauft und ihm den Rat gibt, in Zukunft präziser zu bedenken, wem er was verleiht. Also haben Leerverkäufe schon etwas Schurkenhaftes, weshalb sich vor allem Frankreich genötigt sah, eine Mauer um die Leerverkaufsstände an der Pariser Börse zu ziehen.

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Sarkozy und seinen Kollegen in Italien, Spanien und Belgien ist damit ein wahrer Coup gelungen. Zum Glück ist die Finanzwirtschaft noch nicht international vernetzt. Und der Spekulant an sich ist ja alles andere als ausgebufft und käme nie auf die Idee, von einer amerikanischen oder fernöstlichen Börse aus Leerverkäufe zu tätigen. Da waren die EU-Helden wieder mal ganz ausgeschlafen.

Aber es geht nun mal darum, die Märkte in den Zaum zu kriegen. Ein Markt allein ist harmlos. Der erscheint meist ein- bis zweimal pro Woche auf dem Marktplatz, verkauft Obst, Gemüse und sonstige Frischware und macht sich dann wieder vom Acker beziehungsweise auf den Acker, um wieder Nachschub zu besorgen. Märkte in der Mehrzahl aber haben, so die Botschaft der Politik, etwas Dämonisches. Im Plural wollen Märkte nur Staaten erpressen, aussaugen, in den Ruin treiben. Keine Spur mehr von gesunden Gurkentum oder landwirtschaftlichem Pathos.

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Wieso aber soll dieses Verbot von Leerverkäufen nur zwei Wochen gelten? Das ist eventuell dem schlechten Gewissen von Sarkozy geschuldet. Irgendwie hatte er seit Amtsantritt nie so richtig Zeit, sich um die Regierungsgeschäfte zu kümmern. Urlaub mit seinen Milliardärsfreunden, das opulente Büro einrichten, sich nach einer neuen Frau umschauen, das alles wird schnell zu einem Dauerstress. Und jetzt, wo er wirklich Zeit hätte, nervt ihn daheim eine schwangere Zicke namens Carla und dienstlich eine unschwangere Zicke namens Angela.

Wann immer es um ein segensreiches Instrument wie Eurobonds geht, schaltet Merkel nämlich auf stur. Dass Sarkozy nicht für ein generelles Verbot von Leerverkäufen ist, begründet er mit seinem Hang zur Fairness. Die offizielle Haltung des französischen Präsidenten ist: Ein generelles Verbot ist moralisch nicht vertretbar, weil ja die Grundphilosophie der EU der Regelverstoß an sich ist. Wer die Gesamtverschuldung und die jährliche Neuverschuldung tatsächlich regelkonform gestaltet, gilt unter den EU-Kollegen nach wie vor als dämlicher Volltrottel. Und diesen Schuh wollte sich Sarkozy natürlich nicht anziehen. Sarkozys von Vernunft und Verhältnismäßigkeit geprägte Politik will zwar offiziell auf 60 Prozent Gesamtschulden in Relation zum BIP landen, marschiert aber stramm auf die 100-Prozent-Marke zu.

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Anhand dieser Entwicklung bestätigen sich viele Klischees, die hart arbeitende Deutsche an Frankreich so schätzen: Freude am Genuss, Leichtlebigkeit, Faible für die schönen Dinge des Lebens. So was kriegt man nicht mit 40-Stunden-Woche und freiem Arbeitsmarkt hin. In Frankreich arbeiten nur zwei Drittel der arbeitsfähigen Leute. Und als Zuckerl für sogenannte Leistungsträger gibt es 504 Möglichkeiten der Steuerbefreiung oder -erleichterung. Das ist zwar fiskalisch grob fahrlässig, aber Haushaltskonsolidierung hat halt nichts mit Lebensqualität zu tun. Der Franzose ist sich einfach sicher, dass ein schönes Leben schöner ist als das, was Merkel ihrem Volk antut.

Daher hat Sarkozy auch keinen Bock auf unpopuläre Maßnahmen. Zudem wird im Frühjahr 2012 in Frankreich gewählt. Sollte es sich Sarkozy durch unpopuläre Ankündigungen von höheren Steuern und Verschlankung des Staates mit dem Wahlvolk verscherzen? Seine Umfragewerte sind sowieso schon unter aller Kanone. Und die Leerverkäufe werden in zwei Wochen wieder aufblühen wie eh und je. Schließlich ist die EU die großartigste Leerverkäuferin aller Zeiten: Sie verkaufte die Zukunft Europas, ohne sie je besessen zu haben.


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