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Rechtes Netzwerk: Verein des Soldaten "Hannibal" lud zu offenbar ungenehmigten Schießübungen

Der Verein Uniter lud zu Schießübungen, die offenbar paramilitärischen Charakter trugen. Dennoch kamen Mitglieder noch jüngst indirekt für einen Konzern wie RWE als Sicherheitsleute zum Einsatz.

Uniter-Mitglieder nach einer Übung im Oktober 2018 im badischen Mosbach

Uniter-Mitglieder nach einer Übung im Oktober 2018 im badischen Mosbach

Der umstrittene Verein Uniter, in dem eine Reihe von Soldaten und Polizisten Mitglied sind, hat zu Schießübungen eingeladen, die offenbar paramilitärischen Charakter trugen und nicht genehmigt waren. Wie der stern in seiner am Donnerstag erscheinenden Ausgabe berichtet, lud der Verein für den 30. Juni und 1. Juli 2018 auch für "Zivilisten ohne besondere Vorkenntnis" zu Übungen mit der Waffe in der Gruppe und aus der Deckung sowie für einen Kurs im "Reaktions-Schießen" in Heilbronn ein. Das Reaktionsschießen wird ansonsten vor allem vom Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr praktiziert. Dabei "sollen feindliche Stellungen möglichst ohne Unterbrechung mit Feuer belegt werden", wie es in einem internen KSK-Schreiben heißt, das dem stern vorliegt.

Laut Aussage des Bundesverbands der Sicherheitswirtschaft dürfen nur Spezialkräfte der Behörden "kampfmäßiges Schießen" durchführen, es sei denn es wurde als "Verteidigungsschießen" unter strengen Auflagen genehmigt. Die Waffenbehörden der Stadt und des Landkreises Heilbronn sagten auf Anfrage des stern, sie hätten keine solche Schießübung genehmigt. Bei Uniter erklärte man jetzt entgegen dem Wortlaut der eigenen Einladung, dass die Übung zulässig gewesen sei, weil sie sich "nicht an Zivilisten" gewandt habe.

Eine Übung mit Flecktarn und Gefechtshelm im Dezember 2017 in Fulda

Eine Übung mit Flecktarn und Gefechtshelm im Dezember 2017 in Fulda

Übungen auf ehemaligem Bundeswehr-Areal in Mosbach

Bereits im Dezember 2018 hatte die "taz" berichtet, dass Uniter-Mitglieder Ende Juni 2018 in der nördlich von Heilbronn gelegenen Stadt Mosbach auf einem ehemaligen Bundeswehr-Areal eine angebliche Übung mit Waffen vorgenommen hätten. Der Betreiber des Geländes, die TCRH Training Center Retten und Helfen GmbH, bestätigte jetzt, dass sich dort in der Tat am 30. Juni und 1. Juli Uniter-Mitglieder getroffen und Übungen vorgenommen hatten, die offiziell für eine medizinische Hilfseinheit gedacht waren. Übungen mit Waffen seien aber nicht erlaubt gewesen. Auch die Stadtverwaltung von Mosbach, die dort als Waffenbehörde zuständig ist, hatte nach eigenen Angaben "keine Genehmigung für ein Reaktionsschießen erteilt."  

Organisator war an dem Wochenende die Firma Opcon des ehemaligen KSK-Soldaten Fabian Weiß. Er räumte gegenüber dem stern ein, dass es dort auch zu Übungen gekommen sei, die man als "Verteidigungsschießen" bezeichnen könne. Er will jedoch kontrolliert haben, dass nur vergleichsweise harmlose Druckluftwaffen verwendet wurden: "Ich habe mich vergewissert, dass die Waffen Airsoft-Waffen sind", sagte Weiß.

Fragen zu dem Fall und einem möglichen Verstoß gegen das Waffengesetz wollte das Innenministerium Baden-Württemberg nicht beantworten, weil "Informationen zu einzelnen, gegebenenfalls noch laufenden Verfahren nicht herausgegeben werden" könnten.

Uniter wurde durch Deckname "Hannibal" seines Mitgründers bekannt

Bekannt wurde Uniter auch durch den Decknamen "Hannibal" seines Mitgründers André S., ebenfalls ein ehemaliger KSK-Soldat. Der umstrittene Verein war bis in die jüngste Vergangenheit offenbar in der Sicherheitsbranche besser vernetzt als bisher bekannt. Nach einem dem stern vorliegenden ausführlichen Chat-Protokoll einer Jobbörse von Uniter wurden dort exklusiv für Vereinsmitglieder noch bis Juni 2019 Jobs für Sicherheitsleute bei Firmen und Behörden angeboten. So suchte eine von dem Energiekonzern RWE als Subunternehmen beauftragte Sicherheitsfirma für Ende Juni Mitarbeiter für die "verdeckte Überwachung des äußeren Ringes des Geländes von RWE" in Garzweiler. Damals demonstrierte dort ein Aktionsbündnis gegen den Braunkohleabbau. Laut Aussage eines Mitarbeiters der Sicherheitsfirma wurden dann dort auch Uniter-Mitglieder eingesetzt. RWE hatte den Auftrag nach eigenen Angaben erteilt, um "Aktivisten vor einem Eindringen in den Tagebau zu warnen". Eine Beauftragung zur "verdeckten Beobachtung" habe es nicht gegeben. Eine "Mitgliedschaft einzelner externer Sicherheitsmitarbeiter" im Verein Uniter sei RWE "nicht bekannt".

Im April 2018 suchte ein Mitarbeiter einer Ravensburger Sicherheitsfirma in der Chat-Gruppe von Uniter nach einem Mitarbeiter als Stellvertreter für die Landeserstaufnahmestelle für Asylbewerber im baden-württembergischen Sigmaringen. Im April verließ er die Chatgruppe; bereits im Jahr 2018 hatte er nach eigenen Worten auch den Verein verlassen. Auf Anfrage des stern distanzierte sich der Chef der Ravensburger Sicherheitsfirma "entschieden" von "Gruppierungen wie Uniter". Von der Jobbörse habe die Firma nichts gewusst.

Der Verein bezeichnet sich selbst in jüngsten Erklärungen als "unpolitisch", warnte aber noch im April vor der "Gewalt von sog. Zugewanderten", die die meisten deutschen Medien angeblich nicht thematisieren. Indirekte Sympathie für das NS-Regime zeigte ein Teilnehmer im November 2018 auf der öffentlichen Facebook-Seite von Uniter. Dort mokierte er sich über "die Italiener unter Waffen", die "seit 1943 immer zur Wankelmütigkeit und Opportunismus" geneigt hätten. 1943 war  das Jahr, in dem Italien Adolf Hitler das Achsen-Bündnis aufkündigte. Der Itali­en-Kritiker scheint für Uniter kein unerwünschter Besucher der Seite gewesen zu sein. Noch im Juni 2019 nahm ihn ein führender Uniter-Aktivist in die Facebook-Gruppe "Germany West" auf.

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