HOME
Exklusiv

Umstrittener Verein "Uniter": Anführer "Hannibal" wünschte sich "radikale Führer" und einen "Kampf gegen verschworene Politiker"

Der obskure Verein Uniter gibt sich als "unpolitisch" – aber interne Schreiben, die jetzt auftauchen, sprechen eine andere Sprache. Sie zeigen, wie Ex-Soldat "Hannibal" in Freimaurer-Logen um Gefolgschaft warb.

Uniter-Mitglieder nach einer Übung im Oktober 2018 im badischen Mosbach

Uniter-Mitglieder nach einer Übung im Oktober 2018 im badischen Mosbach

Glaubt man der Selbstdarstellung, dann ist Uniter ein "gesetzes- und verfassungstreuer Verein". Daran hält die Organisation fest. Da mögen Medien – auch der stern – über paramilitärisch anmutende Übungen des Vereins berichten und über rechte Tendenzen in dem Netzwerk, das vor allem von Soldaten, Polizisten und Sicherheitsleuten getragen wird. Aber nein, der Verein um den ehemaligen Kommandosoldaten André S., der sich gerne "Hannibal" nennt und als "Command Leader Europe" auftritt, gibt sich als  "unpolitisch" und harmlos. Nach dem antisemitischen Terroranschlag in Halle an der Saale distanzierte sich Uniter jetzt erneut „von jeder Form von Gewalt, insbesondere politisch motiviertem Extremismus“.

Erst kürzlich hat das Amtsgericht Böblingen dennoch eine Geldstrafe von 120 Tagessätzen gegen André S. verhängt. Nach Hausdurchsuchungen wurde gegen ihn wegen des unerlaubten Besitzes von Munition ermittelt. André S. hat gegen den Strafbefehl Einspruch eingelegt. Er hält sich für unschuldig. Deshalb muss die Sache jetzt vor Gericht verhandelt werden.

Aber wie unschuldig ist der Verein von "Hannibal"? Dem stern wurden neue Dokumente zugespielt, die die Version von der unpolitischen Organisation in Frage stellen. Die Unterlagen kommen aus dem ansonsten sehr verschlossenen Milieu der Freimaurer. Uniter-Mitgründer André S. ist selbst seit Jahren Freimaurer. Er suchte und fand in dieser Szene offenbar Gefolgschaft – stieß aber auch auf Widerstände.

"Hannibals" Logen - von den "Fünf Türmen am Salzquell" zu den "3 Cedern"

Die neuen Unterlagen, die dem stern vorliegen, erlauben nun Einblicke in das Freimaurer-Milieu, in dem sich "Hannibal" tummelte. Die dortigen Logen tragen häufig seltsam klingende Namen. "Zu den fünf Türmen am Salzquell" heißt eine Loge in Halle an der Saale, in der André S. früher Mitglied gewesen sein soll. In Halle gründete er mit Mitstreitern im Jahr 2012 das erste mal einen Verein mit dem Namen Uniter – der sich aber ein paar Jahre später auflöste. In Stuttgart war "Hannibal" dann 2016 daran beteiligt, Uniter neu zu gründen – im selben Haus in der baden-württembergischen Landeshauptstadt, in dem die örtliche Loge "Zu den 3 Cedern" residiert. Zwischendurch suchte Hannibal aber auch Anschluss in einer illustren Loge von Soldaten. Es ging um die sogenannte Feld- und Militärloge "Henning von Tresckow", benannt nach dem Widerstandskämpfer unter dem Nationalsozialismus – und im Jahr 2010 gegründet von Soldaten des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam.

Sowohl mit den "3 Cedern" wie mit der Tresckow-Loge ist wiederum Wilfried von Tresckow verbunden, ein weitläufiger Verwandter des Widerstandskämpfers und zeitweilig gewählter Familienvorsitzender derer von Tresckow. Auch mit ihm suchte "Hannibal" Kontakt.

Im Februar 2019 beschwerte sich von Tresckow darüber in einem Brief an den damaligen Schriftführer der Militärloge, Michael H. Bis etwa 2016 habe André S., so von Tresckow, "auffällig intensiv den Kontakt" zu ihm gesucht. Von Tresckow will sich aber an politischen Äußerungen des Soldaten gestört haben. André S. habe von der Gefahr "politischer Schieflagen" gesprochen und die heutige Situation allen Ernstes mit "der Zeit vor dem 20. Juli 1944" verglichen – also mit dem damaligen Attentat auf Adolf Hitler, so als sei die Bundesrepublik eine brutale Diktatur, gegen die Widerstand geboten sei. Selbst auf Tresckows Widerspruch soll André S. auf seiner Einschätzung beharrt haben. Ja, "diese Republik sei auf dem besten Wege dorthin". Und, so von Tresckow, "Hannibal" habe Mitstreiter für einen "Kampf gegen verschworene Politiker, die unser Staatswesen gefährden" gesucht.

Hannibal berief sich auf Freiheitskämpfer wie Garibaldi und Washington

In einer Mail an ein anderes Logenmitglied, die dem stern vorliegt, berief sich "Hannibal" selbst im Juni 2015 auf die Freiheitskämpfer Garibaldi und Washington: "Ohne radikale Veränderungen kann man die träge Masse nicht verändern, um im Sinne der Humanität zu wirken", schrieb er. Es brauche "radikale Führer", die "Entscheidungen treffen können und ihren eigenen Weg gehen statt der Masse hinterher zu laufen", hieß es in einer weiteren Mail von André S. vom Juni 2015. Sogar für einen möglicherweise bevorstehenden "Krieg" mit Russland sah der Soldat Anzeichen: "Die Frage ist nur, wann und wie es sich entlädt".

"Kommandoanwärter" bekommen das Wolfsabzeichen

"Kommandoanwärter" bekommen das Wolfsabzeichen

Dass Uniter nicht so unpolitisch ist, wie der Verein gerne glauben machen möchte, zeigte sich noch im April 2019. Da veröffentlichte er einen Bericht zur Sicherheitslage in Deutschland, der "die Gewalt von sog. Zugewanderten" anprangerte. "Die meisten deutschen Medien weigern sich, dies zu thematisieren", hieß es in dem Report ohne Angaben von Quellen, dabei seien Zuwanderer bei  Gewaltverbrechen "180 mal" krimineller als der Rest der Bevölkerung.

Bereits vor einiger Zeit hielt "Hannibal" überdies seine Ängste in einem Chat fest. Er schrieb: "Wenn der Konflikt nicht dieses oder nächstes Jahr kommt, brauchen wir in spätestens zehn Jahren gar nicht erst daran denken uns wehren zu wollen."

Wie der Verein Übungen abhielt, um sich "wehren" zu können, zeigte sich im Dezember 2017. Vier Mitglieder der Feld- und Militärloge "Henning von Tresckow" ließen sich damals zu einer Weihnachtsfeier von Uniter in das Schloss Fasanerie bei Fulda einladen. Der Verein konnte dafür offenbar große Teile des Anwesens nutzen. Einige Teilnehmer aus der Potsdamer Loge schienen erstaunt bis erschrocken von dem, was sie sahen.

Dort seien zwei Männer für die "Aufnahme in einen höheren Grad" in der Hierarchie von Uniter einer ausgefeilten Zeremonie unterzogen wurden, hieß es in einem Schreiben mehrerer Mitglieder der Loge "Henning von Tresckow" an ihre Vereinsführung im Februar 2019. Mit Beuteln über den Köpfen habe man die beiden zur Beförderung vorgesehenen Mitglieder "in einen Kreis von fackeltragenden Männern geführt". Dort mussten sie, so die Schilderung, "vor einem Tisch niederknien, auf dem eine Bibel und ein Totenkopf lagen". Sie mussten, so der Bericht weiter, vor Anführer André S. "einen Eid ablegen und ein großes Glas austrinken, das mit einem unbekannten Getränk gefüllt war".

Demonstration von paramilitärisch anmutenden Fertigkeiten

Für die Rituale hatte man sich offenbar bei Praktiken bedient, die in einigen Freimaurerlogen üblich sind. Aber die militärisch versierten Besucher aus der Loge "Henning von Tresckow" wunderten sich auch über Anleihen beim Militär. Ebenfalls auf der Weihnachtsfeier zeigte nämlich die "Medical Response Unit" von Uniter ihre Fertigkeiten – in einer Weise, die man offenbar "paramilitärisch" beschreiben könnte.

Zitat aus der Schilderung: "Dargestellt wurde ein Angriff eines Zivilisten auf einen anderen Zivilisten mit einer Stichwaffe. Daraufhin betrat die MRU in Gruppenstärke die Szene. Alle Mitglieder der MRU trugen militärische Kampfanzüge und waren militärisch ausgerüstet. Sie bekämpften und neutralisierten den mutmaßlichen Angreifer, erstversorgten und stabilisierten den Verletzten und entfernten diesen aus der Gefahrenzone. Währenddessen wurde der Einsatzort von Kräften der MRU gesichert, und zwar unter der Andeutung des Einsatzes von Kriegswaffen (Gestik und Motorik mit Händen und Körper wie beim Einsatz von Sturmgewehren)." Zitat Ende.

André S., so der Bericht, habe erläutert, dass diese Einheit "zukünftig zum Einsatz kommen" solle, "wenn der Staat "seinen Bürgern die Sicherheit nicht mehr gewährleisten könne", etwa in Krisen- oder Notstandsfällen.

In der Tat konnte man auf von Uniter selbst veröffentlichten Bildern von der Übung in Fulda Männer in militärisch anmutender Kleidung erkennen, ausgerüstet mit Schutzwesten und teilweise Gefechtshelm; der stern hat darüber bereits berichtet.

"Erkennt die Logenführung in der MRU eine paramilitärische Einheit?", fragten die Tresckow-Mitglieder in ihrem Schreiben im Februar. Sei damit womöglich ein "Bruch der Verfassung" und eine Gefährdung des demokratischen Rechtsstaats verbunden? Wie schätze die Logenführung generell "potentiell verfassungsfeindliche Aktivitäten" von Uniter ein?

In der Zwischenzeit soll André S. bei der Militärloge in Potsdam wieder ausgetreten sein. Doch hinterließ er dort offenbar Anhänger – und das sorgte innerhalb der Loge für einen Konflikt.

Derzeit habe man vier "Brüder", die zugleich "Mitglied im Verein Uniter sind", hielt der damalige Vorsitzende der Militärloge in einem Logenerlass vom 20 Januar 2019 fest. André S. werbe "offen damit", dass er die angeblich "nur dem innersten Zirkel bekannte" Führung von Uniter "nur mit Freimaurern besetzt" habe, warnte der damalige Vorsitzende der Loge: "Hieraus erwächst der Freimaurerei im Allgemeinen und unserer Loge im Besonderen eine ernstzunehmende Gefahr."

Der damalige Vorsitzende ist laut Vereinsregister heute nicht mehr Teil der Vereinsführung. Eine Reihe von Mitgliedern haben die Loge "Henning von Tresckow" offenbar verlassen. Dafür wird sie heute von Männern angeführt, von denen zumindest einer bis vor kurzem Uniter-Mitglied war. Der erwähnte Michael H. – ein Reservist aus dem Einsatzführungskommando der Bundeswehr - bekannte sich in der Vergangenheit aktiv zu Uniter und amtiert heute als zweiter stellvertretender Vorsitzender der Militärloge.

Eine Übung mit Flecktarn und Gefechtshelm im Dezember 2017 in Fulda

Eine Übung mit Flecktarn und Gefechtshelm im Dezember 2017 in Fulda

Er sei auf Wunsch von Logenbrüdern, die sich um den Ruf der eigenen Organisation sorgten, im Februar 2019 bei Uniter ausgetreten, sagt Michael H.: "Ausgetreten bin ich wegen der Ängste einiger Freunde". Heute noch spricht er von "unseren Statuten", wenn er über Uniter redet. Schickt man eine Mail an seine Adresse bei Uniter, erhält man keine Fehlermeldung.

Ein heutiges Grünen-Mitglied war bei Uniter?

Die Vorwürfe gegen den Verein um André S. alias "Hannibal" habe er als unbegründet empfunden, sagt Michael H. heute noch. Nie seien ihm dort rechtsextreme Ansichten begegnet – und er selbst sei nach Jahren in der SPD heute Mitglied bei den Grünen. Und die Uniter-Aussagen über die hohe Gewalt bei Zugewanderten? Die seien ihm bisher gar nicht aufgefallen.

Der heutige Vorsitzende ("Meister vom Stuhl") der Loge "Henning von Tresckow" heißt Bernhard Z. Der ehemalige Major der Bundeswehr übernahm das Amt laut Protokoll der Vereinsversammlung im April 2019 nach einer Kampfabstimmung mit 15 Stimmen gegen 11 Stimmen für den Gegenkandidaten, der zu den Unterzeichnern des Uniter-kritischen Schreibens im Februar gezählt hatte. Der neue Vorsitzende Bernhard Z. war wie Michael H. im Dezember 2017 Gast auf der Uniter-Feier in Fulda. Auf Bildern der Veranstaltung sind beide zu erkennen. Ist oder war er ebenfalls Uniter-Mitglied?

Er dementiert klar: "Wir haben keine Uniter-Mitglieder in unseren Reihen und wir werden auch zukünftig keine dulden", sagte Bernhard Z. dem stern. Wegen der "besonderen Verantwortung" durch den Namen "Henning von Treskow" wolle man sich "von radikalen Organisationen fernhalten".

Logen wie die "Henning von Tresckow" lassen keine Frauen als Mitglieder zu – aber sie haben gerne "Mutterlogen", denen sie als "Tochterloge" untergeordnet sind. Die Mutterloge von "Henning von Treskow" nennt sich "Große National-Mutterloge Zu den Drei Weltkugeln" und sitzt in Berlin. Ihr Vorsitzender – oder "National-Großmeister" - Thomas Engel gab jetzt ebenfalls Entwarnung. Seines Wissens gebe es "in unseren Reihen" keine Uniter-Mitglieder, schrieb er auf Fragen des stern. Das Thema sei "in meiner Großloge nicht mehr von Bedeutung".

Uniter und André S. wollten konkrete Fragen nicht beantworten. Unaufgefordert kündigte "Hannibal" jedoch an, er behalte es sich "im Einzelfall vor, disziplinarrechtliche Schritte" gegen ungenannte Personen "anzuregen", von denen er glaube, dass sie mit dem stern gesprochen hätten.