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Umstrittenes Netzwerk: "Hannibal" und seine Wölfe: Was hat der dubiose Verein "Uniter" vor?

Schießübungen, paramilitärisches Gehabe, Angst vor Zuwanderern: Soldaten, Polizisten und Sicherheitsleute organisieren sich in einem dubiosen Verein. Was hat "Uniter" vor?

Uniter-Mitglieder nach einer Übung im Oktober 2018 im badischen Mosbach

Uniter-Mitglieder nach einer Übung im Oktober 2018 im badischen Mosbach

Der Oberkommandierende für Europa wartet auf einer Bank am Kölner Heumarkt, er trägt ein blau-weiß kariertes Hemd, eine blau getönte Ray-Ban-Brille, eher schmächtig, wacher Blick. Man sitzt gerade 15 Minuten mit ihm zusammen, da stoßen drei kräftig gebaute Gefolgsleute dazu. Die Botschaft des Trupps: Vorsicht, der Oberkommandierende ist nicht allein!

André S. nennt sich gern "Hannibal". So wie der Feldherr aus der Antike. Und auch so wie der Held einer US-Actionserie aus den 80er Jahren. Der war ein Ex-Soldat und Meister der Tarnung. André S. scheint diese Art Andeutung zu gefallen.

Er darf sich als Bundeswehrsoldat nicht öffentlich äußern, aber selbst wenn er es täte, wäre er redegewandt genug, heiklen Fragen auszuweichen. Offiziell ist der 34-Jährige nur ein Hauptfeldwebel. Aber er hat bei den Elitesoldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) gedient. Drei Mal war er im Einsatz in Afghanistan.

Eines steht fest: "Hannibal" ist mehr als ein kleiner Soldat. Er ist Mitgründer, Schatzmeister und so etwas wie der inoffizielle Chef eines Vereins namens Uniter (lateinisch für "in eins verbunden"). Der gibt sich in seinen offiziellen Selbstdarstellungen zwar brav: Man fördere die politische Bildung und berate öffentliche Einrichtungen in Sicherheitsfragen. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit: Dieser Verein mit Sitz in Stuttgart veranstaltet Gewaltmärsche im Wald. Er bietet Kurse im Schießen, im Boden- und Nahkampf. Er ist Teil eines Netzwerks, in dem auch Bekanntschaften mit Männern gepflegt wurden, die inzwischen des Rechtsterrorismus verdächtig sind.

Eine Übung mit Flecktarn und Gefechtshelm im Dezember 2017 in Fulda

Eine Übung mit Flecktarn und Gefechtshelm im Dezember 2017 in Fulda

Laut eigenem Organigramm hat Uniter ein "Continental High Command", also ein "kontinentales Oberkommando". André S. ist der Leiter für Europa. "Hannibal" ist nicht nur von sich überzeugt, er überzeugt auch andere. In seinem Verein tummeln sich Noch- und Ex-Soldaten, unter ihnen frühere Afghanistan-Kämpfer, Verfassungsschützer und Polizisten sowie Leute aus der Sicherheitsbranche. Ihnen gefällt das paramilitärische Gehabe – und sie vertrauen ihrem Feldherrn "Hannibal".

Auf einer Feier in der Nähe von Heilbronn im Mai überreichten ihm die Kollegen ein Schwert als "Anerkennung seiner Verdienste" . Man stehe "geschlossen hinter Hannibals Personalentscheidung", den Posten als "Landesdistriktleiter" Deutschland, den er neben seinen anderen Funktionen innehatte, an einen Vertrauten abzugeben. Eine Mutprobe schloss sich an: Mehrere Mitglieder liefen barfuß über ein Feld aus Glasscherben.

Die Huldigungen müssen ihm gutgetan haben, denn zuletzt hatte "Hannibal" dem Verein schlechte Schlagzeilen beschert, als herausgekommen war, dass er und ein Vereinskollege zumindest lose Kontakte zu dem als Rechtsterrorist verdächtigen Oberleutnant Franco A. unterhalten hatten. Mindestens zwei Mal war Franco A. bei Treffen mit André S. dabei. Seit 2017 nahm das Bundeskriminalamt Uniter ins Visier. Weil man bei S. Teile einer Übungshandgranate der Bundeswehr fand, ermittelt inzwischen auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen den Soldaten.

Vor einiger Zeit hielt "Hannibal" seine Angst vor Zuwanderung in einem Chat fest. Er schrieb: "Wenn der Konflikt nicht dieses oder nächstes Jahr kommt, brauchen wir in spätestens zehn Jahren gar nicht erst daran denken uns wehren zu wollen." Im Flüchtlingsjahr 2015 hatte "Hannibal" überdies bundesweit Chatgruppen koordiniert, in denen sich sogenannte Prepper über einen möglichen "Katastrophenfall" austauschten – auch mit Franco A.

Die Prepper-Szene hat sich in den vergangenen Jahren in Europa ausgebreitet. Unter den Anhängern finden sich auch Verschwörungstheoretiker, "Reichsbürger" und Rechtsextreme. Gegen drei Männer aus der Chatgruppe "Nordkreuz", von denen einen auch "Hannibal" kennt, ermittelt nun die Staatsanwaltschaft Schwerin und der Generalbundesanwalt. Bei einem "Zusammenbruch der staatlichen Ordnung" , so der Verdacht des Generalbundesanwalts gegen zwei der Männer im Norden, sollten "Vertreter des politisch linken Spektrums" ermordet werden.

Das sind massive Vorwürfe. Gegen Uniter richten sie sich nicht, dort will man mit Extremisten nichts zu tun haben. Aber wie glaubhaft ist das?

Indirekte Sympathie für das NS-Regime zeigte sich jedenfalls im November 2018 auf der öffentlichen Facebook-Seite von Uniter. Dort mokierte sich ein Mann über "die Italiener unter Waffen" , die "seit 1943 immer zur Wankelmütigkeit und Opportunismus" geneigt hätten. 1943 war das Jahr, in dem Italien Adolf Hitler das Achsen-Bündnis aufkündigte. Der Italien-Kritiker scheint für Uniter kein unerwünschter Besucher der Seite gewesen zu sein. Noch im Juni 2019 nahm ihn ein führender Uniter-Aktivist in die Facebook-Gruppe "Germany West" auf.

Laut Bundesinnenministerium haben die Sicherheitsbehörden inzwischen mögliche Vorwürfe gegen Uniter überprüft – man bittet jedoch um "Verständnis dafür, dass wir die Ergebnisse der Überprüfungen nicht veröffentlichen können". Aber was, wenn die Behörden den Verein unterschätzen? Und was, wenn einige Mitglieder es inzwischen geschafft haben, Schlüsselstellen in der Sicherheitsbranche oder sogar in Behörden zu besetzen?

Dem stern wurde jetzt das ausführliche Protokoll einer bislang unbekannten Uniter-Whatsapp-Gruppe zugespielt. Es zeigt, dass Mitglieder noch bis vor Kurzem regelmäßig auf Aufträge von Behörden und aus dem Umfeld großer Firmen wie RWE hoffen konnten. Bis mindestens Ende Juni 2019 tauschten sich in dem Chat Dutzende Mitglieder über mögliche Jobs in der Sicherheitsbranche aus – von der Aufgabe als Ladendetektiv auf der Schwäbischen Alb bis zu Einsätzen in Mailand, Monaco und dem irakischen Basra. Neben "Hannibal" war in dem Chat auch ein Mann mit dem Spitznamen "Reaper" – Sensenmann – aktiv, außerdem mischten mit: ein "Mini Hulk" und ein "Punisher-Kev" . Administriert hat den Chat der "Security Consultant" und Ex-Soldat Marco D’Arcangelo (Spitzname "Darc Angelo"), der im Mai 2019 als "Hannibals" Nachfolger zum "Landesdistriktleiter" für Deutschland aufgestiegen ist. "Nur an Mitglieder" würden die hier angebotenen Jobs vergeben, mahnte er im Chat.

Wird ein Verein, der Derartiges verbreitet, tatsächlich im Regierungsauftrag tätig?

Anfang Juni 2019 suchte "Darc Angelo" Security-Personal für den Energiekonzern RWE und die "verdeckte Überwachung des äußeren Ringes des Geländes von RWE" in Garzweiler. Ende Juni demonstrierte dort ein Aktionsbündnis gegen den Braunkohleabbau. Uniter-Leute kamen in der Tat über eine mit dem Verein verbundene Firma zum Zuge. Sie arbeitete dort dem RWE-Sicherheitsdienst zu und hatte laut RWE die Aufgabe, "Aktivisten vor einem Eindringen in den Tagebau zu warnen".

Auch von Behörden gab es offenkundig Security-Aufträge. Für drei Tage, vom 7. bis 10. Juni 2018, suchte D’Arcangelo zwei "bewaffnete Kräfte für einen behördlichen Auftrag in Norddeutschland". Laut Uniter sollten die Kräfte "die Behörden bei einem Staatsempfang eines afrikanischen Diplomaten unterstützen".

Und im April 2018 suchte der Security-Mann namens "Punisher-Kev" nach einem Mitarbeiter für die Landeserstaufnahmestelle für Asylbewerber im baden-württembergischen Sigmaringen. "Hallo Männer" , schrieb er im Chat, er brauche jemand Neues für die "Stellvertretung in der LEA in Sigmaringen" , für sechs bis zwölf Monate. Es sei "recht dringend".

"Punisher-Kev" heißt im bürgerlichen Leben Kevin D. Er arbeitet bei einer Sicherheitsfirma in Ravensburg und war dort zumindest zeitweise für gleich mehrere Flüchtlingsheime in Baden-Württemberg zuständig. In einem dieser Heime im Allgäu gingen die Flüchtlinge im Februar 2016 nach einem Angriff selbst auf Streife, weil sie das Gefühl hatten, dass die Leute von Kevin D. zu passiv seien – ein Vorwurf, den die Firma zurückwies.

Bei Uniter sei er inzwischen ausgetreten, versicherte er nun dem stern. Zumindest bis April 2019 war er aber noch in der Jobbörse des Vereins dabei. Auf stern-Anfrage distanzierte sich der Chef der Ravensburger Sicherheitsfirma "entschieden" von "Gruppierungen wie Uniter" . Von der Jobbörse habe die Firma nichts gewusst.

"Kommandoanwärter" bekommen das Wolfsabzeichen

"Kommandoanwärter" bekommen das Wolfsabzeichen

Dieser Vermittlungsdienst, so erhoffte sich Uniter, sollte nicht nur den Mitgliedern zugute kommen, sondern auch den Einfluss des Vereins stärken. Im April 2019 forderte "Hannibal" im Chat dazu auf, gezielt Stellen in Unternehmen zu besetzen: "Gute Positionen in der Wirtschaft sollten unbedingt im Kreise der ‚Liebsten‘ bleiben um langfristig einen Mehrwert für das Netzwerk zu erzeugen." Uniter, so das Ziel, solle zu einem "Qualitätssiegel der Sicherheitsbranche werden" .

Nachdem "Taz" und "Focus" im November 2018 über Vorwürfe gegen den Verein berichtet hatten, herrschte kurzzeitig Aufregung in der Whatsapp-Gruppe. Dann beruhigte "Hannibal" seine Kameraden: "Wir haben mehr Firmen und Mitglieder dazu bekommen durch die Kampagne", versicherte er. Es gebe eben auch Klienten, die nicht "das linke Spektrum hofieren".

Auf der eigenen Website prahlt der Verein bis heute, man habe "aktuell international 125 Stellen als Personenschützer, im Objektschutz, Fahrer sondergeschütztes Kfz, aber auch als Polizeiausbilder im Regierungsauftrag zu vergeben".

Im April veröffentlichte Uniter einen Bericht zur Sicherheitslage in Deutschland, der Einblicke in die Ideologie des Vereins gewährt. Der Report prangert "die Gewalt von sog. Zugewanderten" an. "Die meisten deutschen Medien weigern sich, dies zu thematisieren", dabei seien Zuwanderer bei Gewaltverbrechen "180 mal" krimineller als der Rest der Bevölkerung. Die Zahl sei "unseriös", sagt der Kriminologe Thomas Feltes.

Wird ein Verein, der Derartiges verbreitet, tatsächlich im Regierungsauftrag tätig? Im Mai 2018 schrieb ein Teilnehmer des Chats, Deutschland sei eine "Krisenregion" . Ein anderer pflichtete dem Katastrophenszenario bei: "Ganz genau", und: Das "(Un) erwartete" sei "eingetroffen".

"Eine Schattenarmee sind wir definitiv nicht" , versicherte D’Arcangelo im Februar in einem Interview mit dem SWR. Aber die Mitglieder üben das "Überleben in der Natur" und das Zerlegen von Wild – als bereiteten sie sich auf einen drohenden Konflikt vor. Seit sie sich unter öffentlicher Beobachtung wissen, geben sie sich zwar einen zivileren Anstrich und kündigen schon mal Tanzkurse an. In älteren Postings aber wurden die paramilitärischen Anklänge kaum verborgen.

Noch im Juni und Juli 2018 bot Uniter in Heilbronn auch für "Zivilisten ohne besondere Vorkenntnis" Übungen im Schießen in der Gruppe und aus der Deckung an sowie einen Kurs im "Reaktions-Schießen" – eigentlich nichts für Zivilisten, sondern eine Spezialität des KSK. Beim Reaktionsschießen "sollen feindliche Stellungen möglichst ohne Unterbrechung mit Feuer belegt werden", heißt es in einem KSK-Schreiben vom April 2014.

"Kampfmäßiges Schießen" dürfen laut Gesetz in Deutschland "nur Spezialkräfte der Behörden durchführen" , sagt der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft – außer es wurde als "Verteidigungsschießen" unter strengen Auflagen genehmigt. Die Waffenbehörden der Stadt und des Landkreises Heilbronn sagen, sie hätten keine solche Schießübung genehmigt. Bei Uniter behauptet man jetzt entgegen dem Wortlaut der eigenen Einladung, dass sich die Übung ja "nicht an Zivilisten" gewandt habe – ganz so, als sei der Verein selbst sehr wohl eine militärische Organisation.

Die Linken-Abgeordnete Martina Renner verlangt von den Bundesbehörden, "dass sie endlich für konsequente und umfassende Ermittlungen sowie Aufklärung sorgen" . Tatsächlich ist es verwunderlich, wie weitestgehend unbehelligt der Verein sich bisher paramilitärisch gerieren durfte. Auf der Uniter-Weihnachtsfeier im Dezember 2017 in Fulda führte ein Team in Flecktarn und Schutzwesten die Versorgung eines Verwundeten vor – ein Szenario, als wappnete man sich militärisch für den Katastrophenfall. Ein paar Monate später suchte ein Chat-Teilnehmer einen Fallschirm-Trainer für "Gepäcksprünge" und "taktisches Springen". Beim Verband für den Fallschirmsport schütteln sie darüber die Köpfe: "Taktisches Springen" sei "kein Bestandteil der zivilen Ausbildung". Uniter behauptet jetzt allen Ernstes, es hätte sich "um eine Anfrage der US Army" gehandelt, die sich "an aktive Soldaten und zertifizierte Ausbilder wendet".

Uniter, so soll es ein Mitglied gesagt haben, sei "ein Pakt der Wölfe, der die Schafherde kontrollieren sollte"

Zum Jahresabschluss feierte Uniter im November 2018 hoch über dem Rhein auf dem Drachenfels nahe Bonn. Zuvor sollten teilnehmende "Uniformträger" Programmpunkte wie "Marsch" und "Flaggenparade" wirklich "sauber einstudiert" haben – mahnte D’Arcangelo vorher im Chat.

Drachenfels nahe Bonn

Auf dem Drachenfels nahe Bonn versammelten sich über 100 Menschen im November 2018

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Besonders Anlehnungen an Symbole und Praktiken der sagenumwobenen Bundeswehr-Spezialeinheit KSK scheinen die Uniter-Mitglieder zu schätzen. Das Vereinssymbol mit Schwert und Eichenkranz ähnelt einem auf den Kopf gedrehten KSK-Abzeichen. Und wie bei der sogenannten Höllenwoche, in der das KSK die Eignung möglicher Rekruten prüft, laden sich auch Uniter-Leute für Gewaltmärsche schon mal kiloschwere Baumstämme auf den Rücken. Bei Uniter versichern sie, das diene nur der "Teambildung".

Im Oktober 2018 organisierte der Verein auch ein "Eignungsfeststellungsverfahren" im badischen Mosbach, zu dem aufreibende Touren durch den Wald gehörten. Es sei "für unsere Kommandoanwärter" gedacht, schrieb D’Arcangelo im Chat. "Unterwegs immer schön an die Aufgaben denken, Formation halten und auf Feindkontakt vorbereitet sein" – so resümierte ein Teilnehmer die Prüfung.

Sie alle bekamen hinterher ein Abzeichen, auf dem ein Wolf die Zähne fletscht. "Ich bin stolz darauf, ein Teil des Wolfsrudels sein zu dürfen" , schrieb einer von ihnen. Der Verein, so soll es einmal ein Mitglied gesagt haben, sei "ein Pakt der Wölfe, der die Schafherde kontrollieren sollte". Die Schafherde, das sei das deutsche Volk.

Das Thema stammt aus dem neuen stern: