HOME

Umstrittener Verein "Uniter": "Hannibals" Krieger diskutierten offenbar die Nutzung von Material aus Bundeswehrkasernen

Der obskure Verein "Uniter" mit seinem Anführer "Hannibal" kommt unter Druck. Sogar die Nutzung von Bundeswehrkasernen soll bei einem Treffen im "Uniter"-Umfeld diskutiert worden sein. Was tun die Behörden?

Uniter-Mitglieder nach einer Übung im Oktober 2018 im badischen Mosbach

Uniter-Mitglieder nach einer Übung im Oktober 2018 im badischen Mosbach

Es war der 15. September 2017. Zwei Kommissare des Bundeskriminalamts waren in die Kaserne des Kommandos Spezialkräfte (KSK) in Calw im Schwarzwald gekommen. Um die sechs Stunden lang vernahmen sie den damaligen Elitesoldaten André S. Manchmal trieb der Soldat die Kommissare mit widersprüchlichen Aussagen auf die Palme.

Es ging um mögliche Vorbereitungen für eine große Krise im Land, für den ominösen Tag X. In den Jahren 2015 und 2016 hatte André S. unter dem Decknamen "Hannibal" Chats auf Telegram administriert, in denen die Teilnehmer Vorbereitungen für diesen Tag X diskutierten. Was in den Notfallrucksack tun? Was einlagern? Und wo sogenannte "Safe Houses" einrichten – also Sammelpunkte auf dem Land, womöglich ausgestattet mit Waffen und Munition, in denen sich die Teilnehmer bei Gefahr getroffen hätten.

In den Chats kursierten bereits Listen mit genauen Ortsangaben – und danach fragten nun die BKA-Kommissare. Aber André S. ließ sie auflaufen. Das seien alles nur Planspiele und Gedankenkonstrukte gewesen, versicherte er – um kurz darauf einzuräumen, dass die Sache im Flüchtlingsjahr 2015 doch ein bisschen ernster gemeint gewesen sei. Ja, bei einem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung wollte man als Gruppe vorbereitet sein.

André S., 34 Jahre alt und mit Einsatzerfahrung aus Afghanistan, hat sich den Decknamen "Hannibal" nicht zufällig ausgewählt. Er erinnert an den Feldherrn der Antike, aber auch an einen in Tarnungsfragen geübten Held der US-Actionserie "A-Team". Fiktion und Realität scheinen gelegentlich zu verschwimmen, wenn "Hannibal" spricht – auch jetzt, nachdem der stern mit frischen Enthüllungen eine neue Debatte über den von André S. mitgegründeten Verein "Uniter" ausgelöst hatte.

Wozu braucht eine Selbsthilfe-Gruppe Schießübungen?

"Uniter" ist ein Klub, in dem sich hunderte Soldaten, Polizisten und Sicherheitsleute organisieren. Nach außen hin stellt sich der Verein gerne als harmlose Selbsthilfevereinigung dar. Aber in einer ehemaligen Wohnung von "Hannibal" in Halle an der Saale fand man bei einer Durchsuchung eine Kiste mit Übungshandgranaten der Bundeswehr. Noch vor einem Jahr lud "Uniter" zu militärisch anmutenden Schießübungen ein, man organisierte eine Flaggenparade und der Verein streute Angst vor Zuwanderern. Zugleich unterhielten die Mitglieder teils erstaunlich weitreichende Geschäftsbeziehungen. In einer Jobbörse des Vereins wurden Sicherheitsleuten Jobs für Einsätze bei dem Energiekonzern RWE wie dem Bundesliga-Klub Schalke 04 angeboten.

Sowohl Schalke wie RWE wie auch weitere Firmen wie Sixt haben sich inzwischen von "Uniter" distanziert. Der Verein wiederum wehrte sich in einer Reihe von Erklärungen gegen Vorwürfe. Es sei "irreführend", "Uniter" in die Nähe des Rechtsextremismus zu rücken. Der Verein stehe für ein "großes Maß an Qualität und Seriosität". Höchstens habe es "zu Missverständnissen" geführt, dass man in der Vergangenheit Veranstaltungen "etwas martialisch benannt" habe. Aber sicher sei, dass den Sicherheitsbehörden nichts Negatives über "Uniter" vorliege.

Erneut fühlen sich "Hannibal" und Co. also nur missverstanden – dabei hatte sich die Vereinsführung um André S. auch in echte Widersprüche verwickelt. Ein Facebook-Posting mit indirekten Sympathien für das NS-Regime wollte der Verein erst keinesfalls beanstanden – um die Nachricht dann doch zu löschen. Einerseits sieht sich der Verein als "unpolitisch". Doch Kritiker qualifiziert "Uniter" immer wieder als "linksradikal" ab.

"Man sollte überprüfen, ob es hier Anzeichen gibt, dass der Verein sich gegen die Verfassung richtet"

Jetzt wächst der Druck auf die Behörden. Erstaunlich lange hatten sie dem Treiben des Vereins zugesehen. In Baden-Württemberg forderte die oppositionelle SPD den Landesinnenminister auf, den stern-Recherchen über mögliche ungenehmigte Schießübungen in dem Bundesland nachzugehen. Und der Speyrer Verfassungsrechtler Joachim Wieland wünscht sich, dass das Bundesinnenministerium aktiv wird: "Nach unserer Verfassung liegt das Gewaltmonopol beim Staat", sagte Wieland dem stern: "Man sollte überprüfen, ob es hier Anzeichen gibt, dass der Verein sich gegen diese verfassungsmäßige Ordnung richtet. Das wäre eine Aufgabe für das Bundesinnenministerium."

Noch im Herbst wird der Bevollmächtigte des Parlamentarischen Kontrollgremiums für die Geheimdienste (PKG) einen Bericht vorlegen, der die Szene rund um den Verein beleuchten soll. Bei "Uniter" verweist man immer wieder darauf, dass dem Verein laut der Behörden keine Straftaten oder verfassungsfeindliche Bestrebungen vorgeworfen würden. Etwas vorsichtiger hatte sich das Bundesinnenministerium Anfang August auf Anfrage des stern geäußert. Demnach hätten "die Bundessicherheitsbehörden die der Bundesregierung vorliegenden Informationen zu den Vorwürfen um den Verein Uniter e. V. überprüft". Man bitte aber um "Verständnis dafür, dass wir die Ergebnisse der Überprüfungen nicht veröffentlichen können".

Sicher ist zumindest, dass "Uniter"-Mitgründer André S. den im Frühjahr 2017 wegen Terrorverdachts festgenommenen Soldaten Franco A. zumindest flüchtig kennt. Er war im Jahr 2016 Teilnehmer von zwei Treffen, an deren Organisation "Hannibal" maßgeblich beteiligt war.

Über Waffen und Munition aus Bundeswehrkasernen diskutiert

Bei einem dieser zwei Treffen Anfang 2016 in Süddeutschland rief der Soldat explizit vorher dazu auf, die Handys in den Autos zu lassen. Dem BKA liegen offenbar brisante Aussagen zu diesem Treffen vor. Demnach soll dort ein Teilnehmer sogar die Frage aufgeworfen haben, ob man bei einem drohenden Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung nicht Waffen und Munition aus Bundeswehrkasernen übernehmen könne. Einige in der Runde sollen dem widersprochen haben. Aber in einer Liste möglicher "Safe Houses" in einem der von "Hannibal" administrierten Chats wurde auch die KSK-Kaserne in Calw aufgelistet – offenbar im Zusammenhang mit einer Übernahme.

Die Lust auf Verteidigungsspiele scheint den "Uniter"-Leuten jedenfalls bis heute nicht ganz vergangen zu sein. Zum Beispiel Anfang März 2019: Da lud die Firma Atlas Solutions zu einer Übung in "Small Unit Tactics" auf ein ehemaliges Klinikgelände in Meschede, auf dem auch sogenannte Airsoft-Schützen gerne üben.

"Kommandoanwärter" bekommen das Wolfsabzeichen

"Kommandoanwärter" bekommen das Wolfsabzeichen

Im Vorfeld hatte der sogenannte Landesdistriktleiter von "Uniter", der "Hannibal"-Vertraute Marco D’Arcangelo, in einem Vereins-Chat zur Teilnahme eingeladen: Die Kollegen von Atlas Solutions hätten "das gesamte UNITER Netzwerk" zu einem Geburtstagsevent eingeladen. Wer außerdem "Lust auf ein Tactical Training" habe, könne sich hierfür gerne anmelden. Ende Juli veröffentlichte die "Bild am Sonntag" dann Fotos einer Übung der Firma. Dort posierte Atlas-Chef Dennis E. neben Männern in Kampfmonitur und mit echt wirkenden Waffen. Zwei der Männer trugen - von der "BamS" nicht erwähnte – Abzeichen von "Uniter", darunter Marco D’Arcangelo. Laut des dem stern vorliegenden Chat-Protokolls waren Dennis E. und sein Kollege Dominik F. Anfang März gerade in die für "Uniter"-Mitglieder reservierte Jobbörse aufgenommen worden.

Dennis E., der Atlas Solutions im September 2018 gegründet hat, ist ein ehemaliger BKA-Mann; zur Zeit wirkt der 35-Jährige offenbar als Schichtleiter am Berliner Flughafen Tegel. Die mit Atlas Solutions verbundene Facebook-Seite "German Tactics" postet auch schon mal Beiträge von "Uniter". Und sie warb noch im Mai für einen Aufnäher mit dem Motto "Treue für Treue". Ja, dieses Motto sei bei der Bundeswehr inzwischen "verboten", wurde in dem Posting bestätigt. Bei der Truppe war der Sinnspruch in der Tat im Jahr 2014 wegen zu viel Nähe zur NS-Wehrmacht verbannt worden.

Noch im Juni 2019 wiederum beschäftigte der Energiekonzern RWE die Firma Atlas Solutions mit einem Auftrag zur Sicherung des Tagebaus in Garzweiler – offenbar in Unkenntnis der "Uniter"-Nähe der Firmenchefs. Demonstranten hatten damals zu der Aktion "Ende Gelände" aufgerufen, und RWE heuerte in großem Stil Sicherheitsleute an, um etwa "Aktivisten vor einem Eindringen in den Tagebau zu warnen", wie die Firma dem stern erklärte.

Verteidigungsschießen bei Gummersbach

Kurz zuvor, für den 13. Juni 2019 lud Atlas Solutions zahlende Teilnehmer zu einem – wegen des kampfmäßigen Charakters genehmigungspflichtigen – Verteidigungsschießen in Nümbrecht bei Gummersbach. Bei der für die Genehmigung zuständigen Kreispolizei ging man auf Anfrage des stern davon aus, dass diese Übung dann aber doch nicht stattfand. Anders war es bei einer ähnlichen Veranstaltung, die Atlas Solutions im April 2018 in Nümbrecht abhielt. Damals sei eine Genehmigung beantragt und erteilt worden. Von dem Event am 13. Juni 2019 wisse man dagegen nichts, so die Kreispolizei.

Eine Übung mit Flecktarn und Gefechtshelm im Dezember 2017 in Fulda

Eine Übung mit Flecktarn und Gefechtshelm im Dezember 2017 in Fulda

Atlas Solutions ließ Fragen des stern unbeantwortet. Auch "Uniter" wollte sich nicht äußern – auch nicht zu Erfahrungen mit zwei angeblichen "Uniter"-Leuten, über die ein Notfallsanitäter aus Norddeutschland berichtet. In einem kommende Woche erscheinenden Buch der beiden Journalisten Lars Winkelsdorf und Thomas Eckert ("Tot oder lebendig - das skandalöse Geschäft mit dem Notruf") schildert er den Vorfall. Der Sanitäter, der auch gelegentlich bei der Bundeswehr Soldaten ausbildet, wurde nach eigenen Angaben im Frühsommer 2018 von zwei Männern kontaktiert, die nur ihre Vornamen nannten, aber sich als "Uniter"-Mitglieder ausgaben. Man suche einen Ausbilder für die vereinseigene Medical Response Unit – ein Team, das auf einer "Uniter"-Feier im Dezember 2017 seine Fähigkeiten vorgeführt hatte, in Flecktarn und mit Schutzwesten.

Im Frühsommer 2018 boten sie dem Notfallsanitäter bei einem Treffen in Hamburg beste Bedingungen für Übungen mit der Gruppe. "Geld spielt keine Rolle", habe man ihm gesagt. Teure Ausrüstung wie  Beatmungsgeräte, EKG-Defibrillatoren oder Notfallrucksäcke könnten für diese Ausbildungen von "Uniter" problemlos gestellt worden.

In der Tat scheint "Uniter" zumindest in der jüngsten Vergangenheit noch einige wohlsituierte Sympathisanten und Mitglieder gehabt zu haben – vom damaligen Sicherheitschef des Autovermieters Sixt bis zu dem inzwischen ausgetretenen Björn B., dessen Sicherheitsfirma seit Jahren den Personenschutz der deutschen Fußballnationalmannschaft übernimmt.

Kaffeehandel mit Totenschädel

Selbst "Uniter"-Mitgründer André S. scheint heutzutage von einem Erfolg als Unternehmer zu träumen. Bereits in seiner Vernehmung mit dem BKA erwähnte er Ideen für einen Handel mit Kaffee. Im November 2018 gründete "Hannibal" mit einem weiteren ehemaligen Afghanistan-Kämpfer in Dormagen die Firma Brothers in Arms GmbH; André S. übernahm knapp 40 Prozent der Anteile. Der Partner stieg dann aus und verkaufte seine Anteile an André S.

Unter der Marke "Black Ops Coffee" und mit dem Motto "Kaffee für echte Männer" geht der Kaffeehandel weiter. Der Name von "Hannibals" Firma spielt auf die Abkürzung für "black operations" an, also auf verdeckte Operationen. Vorbild ist wohl ein Kaffeeversand amerikanischer Armeeveteranen.

Noch im September 2018 sprach "Landesdistriktleiter" Marco D’Arcangelo in einem "Uniter"-Chat davon, dass der Verein bereits ein Trainingsgelände angemietet habe, das zur ersten "Uniter"-Anlaufstelle werden solle – einschliesslich eines Cafés von Black Ops Coffee. Dort seien dann "alle Ausbildungen und das Abbilden aller Szenarien möglich".

Dazu kam es dann offenbar doch nicht – kritische Presseberichte kamen dem Verein dazwischen. Die Kaffeefirma ist aber weiter aktiv, auch mit "Hannnibal" als Gesellschafter. Sie wirbt damit, dass sie "von ehemaligen und aktiven Spezialkräften des Militärs" gegründet worden sei, und lässt auf Facebook lockere Sprüche klopfen: "Natürlich könnt ihr auch koffeinfreien Kaffee trinken und mit Platzpatronen auf die Jagd gehen", heißt es da: "Bei allen anderen Vorhaben haben wir die Lösung für euch."

Zum Beispiel winkt den Kunden der Kaffee in der "Assault"-Mischung für 14, 97 Euro das Pfund. Oder auch das Kombipaket "Shooters Darling" – bis hin zu Tassen und Handtüchern mit dem Firmenlogo von Black Ops Coffee.

Das zeigt einen grinsenden Totenschädel.