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Anschlag in Hanau: Unterwegs in der Nachbarschaft von Tobias R.: Mörder ohne Eigenschaften

Der rechtsradikale Attentäter von Hanau lebte in einer beschaulichen Reihenhaussiedlung. Bekannte der Familie erzählen, dass er ein inniges Verhältnis zu seiner Mutter gehabt habe und insgesamt still und zurückgezogen lebte.

Von Isabel Stettin und Frank Brunner, Hanau

Tatort Hanau-Kesselstadt

Keine Nobelgegend, aber auch kein Brennpunkt: die Reihenhaussiedlung in Hanau-Kesselstadt, in der der Täter lebte.

AFP

Journalisten warten hinter dem Absperrband, das den Tatort abgrenzt. Am Freitag herrscht eine fast unwirkliche Stille im Hanauer Ortsteil Kesselstadt. Der Attentäter Tobias R., der zehn Menschen und anschließend sich selbst getötet hat, lebte hier mit seinen Eltern. Vor dem kleinen Reihenhaus parken die Wagen der Spurensicherung des Bundeskriminalamts. Polizisten sichern das Areal, drei Beamte in weißen Schutzanzügen gehen ein und aus, hier wurden die Leichen des Täters und seiner Mutter gefunden.

Kesselstadt ist keine noble Gegend, aber auch kein Brennpunktbezirk. Kleine Reihenhäuser ducken sich zwischen Plattenbauen. Hier leben seit den 70er Jahren viele Migranten.

Die Mutter aus Mitleid getötet?

"Tobias hatte ein sehr inniges Verhältnis zu seiner Mutter", sagt eine Bekannte der Getöteten. Die Frau lebt in der Siedlung und hat die Familie regelmäßig besucht. Die Familie R. habe eher zurückgezogen gelebt, Jahrzehnte lang. "Ich denke, Tobias hat die Mutter getötet, um sie nicht allein beim Vater zu lassen." Die Frau, 72 Jahre alt, war offenbar an Parkinson erkrankt und körperlich stark eingeschränkt.

Den Familienvater, Hans-Gerd R. beschreibt sie als "eigensinnig", er sei in der Siedlung immer wieder negativ aufgefallen. So hätten seine drei alten Autos regelmäßig die Straßen blockiert. Auch sein aggressives Verhalten sei in der Nachbarschaft gefürchtet: Er habe Mülltonnen umgeworfen und den Unrat auf den Parkplätzen der Nachbarn verteilt. Hans-Gerd R., früher politisch aktiv bei den Grünen, habe sich gern mit anderen angelegt, sagt die Bekannte. Vor vier Jahren hat er den heutigen Oberbürgermeister Claus Kaminsky wegen einer angeblichen Scheinkandidatur bei der Kommunalwahl verklagt – ohne Erfolg.

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Die Bekannte der Familie erinnert sich auch an Sohn Tobias R. Der sei mit ihrer Tochter zur Schule gegangen. Sie habe ihn als sehr still und zurückgezogen erlebt. Nach dem Abitur 1996 absolvierte R. seinen Zivildienst, machte anschließend eine Banklehre. Nach der Ausbildung studierte er ab Oktober 2000 in Bayreuth und schloss 2007 mit einem Diplom in Betriebswirtschaftslehre ab, Schwerpunkt Internationales Management.

R. propagiere die komplette Vernichtung ganzer Völker

Generalbundesanwalt Peter Frank spricht dem Täter eine "zutiefst rassistische Gesinnung" zu. Das habe die Auswertung von Videobotschaften und des Manifests auf dessen Internetseite ergeben, das einen Monat vor dem Attentat verfasst worden sein soll und auch dem stern vorliegt. In dem Pamphlet ist ein abgrundtiefer Hass auf "Türken, Marokkaner, Libanesen, Kurden etc." erkennbar. Offen propagiere R. die komplette Vernichtung ganzer Völker als "Grob-Säuberung".

Mit großer Wahrscheinlichkeit traten schon während des Studiums in Bayreuth Anzeichen einer schweren psychischen Erkrankung zutage. Wie er selbst schreibt, fühlte sich R. seit seiner Geburt von Stimmen in seinem Kopf verfolgt, fühlte sich rund um die Uhr von Geheimdiensten überwacht. Zweimal, in den Jahren 2002 und 2004, habe er bei der Bayreuther Polizei Strafanzeige wegen "illegaler Überwachung" gestellt. 2019 folgten weitere Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft in Hanau und beim Generalbundesanwalt. Im Schützenverein Diana Bergen Enkheim in Frankfurt am Main soll er sich indes "unauffällig" verhalten haben. Tobias R. war seit 2012 Mitglied. Seit Sommer 2013 mit Waffenbesitzkarte.

Rechtsextremismus wird nicht ernst genommen

Arlan G., 65, ist Architekt und lebt seit mehr als 30 Jahren in Hanau. Er wartet an der Bushaltestelle schräg gegenüber vom letzten Tatort, dem Elternhaus von Tobias R. Er ist ein entfernter Verwandter eines der Opfer, Gökhan G., der nur wenige Straßen entfernt von seinem späteren Mörder lebte. "Ich habe mich immer hier wohlgefühlt", sagt er. Arlan G. kritisiert aber auch, dass der Rechtsextremismus in Deutschland lange nicht ernst genommen wurde. "Dass so viele Kurden unter den Opfern sind, schockiert mich."

Eine Anwohnerin spaziert kurz darauf am Wohnhaus von Tobias R. vorbei. "Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns begegnen." Sie sei am Donnerstagabend bei der Kundgebung für die Opfer am Hanauer Marktplatz gewesen. Sie sagt: "Wir dürfen dem Hass keinen Raum geben."