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Massaker an Armeniern: Klare Worte zum Völkermord - wie reagiert die Türkei?

Aus Rücksicht auf die Türkei wollte Deutschland das Massaker an den Armeniern lange nicht als Völkermord bezeichnen - und tut es jetzt doch. Das dürfte die Regierung in Ankara nicht kalt lassen.

Von Lisa-Marie Eckardt

"Völkermord" ist auf dem Transparent zu lesen, das armenische Demonstranten vor dem Reichstagsgebäude in Berlin halten. Im Deutschen Bundestag fand zuvor eine Debatte zu Vertreibung und Massakern an Armeniern statt.

"Völkermord" ist auf dem Transparent zu lesen, das armenische Demonstranten vor dem Reichstagsgebäude in Berlin halten. Im Deutschen Bundestag fand zuvor eine Debatte zu Vertreibung und Massakern an Armeniern statt.

Wir nennen es jetzt Völkermord - und nun? Erst hat Bundespräsident Joachim Gauck es ausgesprochen, dann auch der deutsche Bundestag: Das Leid von bis zu 1,5 Millionen Armeniern, die vor 100 Jahren bei Massakern und Deportationen im Osmanischen Reich ums Leben kamen - auch die Bundesregierung will es jetzt als Völkermord bezeichnen. Lange Zeit hat Deutschland sich das nicht getraut, aus Angst die Beziehung zur Türkei zu gefährden. Dort ist das Wort "Genozid" tabu und die Frage ist nun: Wie wird die Türkei reagieren?

Nach einer vergleichbaren Erklärung des österreichischen Parlaments hatte die türkische Regierung am Mittwoch ihren Botschafter aus Wien abgezogen. Die Erklärung werde die türkisch-österreichische Freundschaft "dauerhaft beflecken", kritisierte das türkische Außenministerium. Somit muss wohl auch Deutschland mit dem Zorn der Türken rechnen.

Türkische Medien nennen Gaucks Rede "schockierend"

Die türkischen Medien reagierten auf die Gauck-Rede mit zum Teil scharfer Kritik. Gaucks Äußerungen seien "schockierend" gewesen, schrieb die Zeitung "Hürriyet". Das regierungsnahe Blatt "Sabah" warf Gauck vor, das Osmanische Reich mit "hässlichen Worten" beschrieben zu haben.

Gauck habe mit seiner Rede seine Befugnisse überschritten, hieß es beim ebenfalls regierungsfreundlichen Blatt "Yeni Safak". Die Zeitung "Star" kommentierte, der deutsche Präsident habe die Osmanen beinahe als Terroristen bezeichnet.

Deutschlands Mitverantwortung

Gauck hatte am Donnertagabend bei einem ökumenischen Gedenkgottesdienst in Berlin zum Jahrestag der Vertreibung von Völkermord gesprochen. Der Bundespräsident setzte sich damit über die Bedenken hinweg, dass diese Einordnung die Beziehungen zur Türkei beschädigen könnte. Zugleich räumte Gauck die deutsche Mitverantwortung für die Gräueltaten an den Armeniern ein.

Im Ersten Weltkrieg waren Armenier im Osmanischen Reich als vermeintliche Kollaborateure systematisch vertrieben und umgebracht worden. Nach Schätzungen kamen dabei zwischen 200.000 und 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Die Türkei räumt zwar ein, dass osmanische Truppen christliche Armenier massakrierten und deportierten, lehnt die Bezeichnung Völkermord aber vehement ab. "Die Behauptung zu prüfen ist nicht die Aufgabe von Parlamenten oder Politikern, sondern von Historikern", sagte der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan vor Gaucks Rede.

Belastungsprobe für Beziehung zur Türkei

Von der türkischen Regierung gab es zunächst noch keine Reaktion auf Gaucks Ansprache. Im vergangenen Jahr hatte sich Gauck bei einem Besuch in dem EU-Bewerberland heftige Kritik von der Regierung in Ankara eingehandelt, als er demokratische Defizite in dem Land ansprach.

In der Erklärung des Bundestags heißt es über die Armenier: "Ihr Schicksal steht beispielhaft für die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibungen, ja der Völkermorde, von denen das 20. Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist." Der Text soll bis zum Sommer verabschiedet werden.

"Klartext" mit Erdogan

Der Opposition aus Grünen und Linkspartei - und auch einigen Abgeordneten der Koalition - geht die Erklärung nicht weit genug. Sie warf der Bundesregierung vor, immer noch übertrieben Rücksicht auf die Türkei zu nehmen. Mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan müsse endlich "Klartext" geredet werden, sagte Grünenchef Cem Özdemir. "Dieses Versteckspiel hinter sprachlichen Spitzfindigkeiten ist beschämend."

Bundestagpräsident Norbert Lammert betonte: "Die heutige Regierung in der Türkei ist nicht verantwortlich für das, was vor 100 Jahren geschah. Aber sie ist mitverantwortlich für das, was daraus wird."

mit Agenturen