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Wahlkampf der CDU Zwischen Web-TV, Millionen-Budget und systemrelevanten Bienen


Mehr als 20.000 Wahlhelfer zählt die CDU, 20 Millionen Euro kann sie für den Wahlkampf ausgeben. Die Umfragewerte für Parteichefin Merkel sind gut. Dennoch warnt ihr Manager: Die Wahl ist offen.

Ausgezahlt hat er sich noch nicht. Erstens ist er noch gar nicht lange in der CDU-Parteizentrale, und zweitens hat er ja auch etwas gekostet. Er ähnelt einem Parkscheinautomaten, nur dass man im Foyer des Konrad-Adenauer-Hauses kein Ticket für sein Auto lösen kann. Geld einwerfen soll man aber trotzdem, denn die mannshohe Säule ist ein "Spendomat". "Hier für die CDU spenden", steht zur Erklärung darauf. Am 22. September ist Bundestagswahl und in der Klingelhöferstraße in Berlin sammelt, plant, analysiert und organisiert die CDU alles, was für einen harten Wahlkampf nötig ist.

Das "teAM Deutschland" ist mit lauter jungen Leuten für ein paar Monate in die Wahlkampfzentrale eingezogen. Die Großbuchstaben stehen für Angela Merkel, die Parteivorsitzende, die Bundeskanzlerin, die Frau, die die CDU wieder zur stärksten Kraft machen soll - und der Tausende Wahlhelfer die dritte Kanzlerschaft in Folge sichern wollen. Das teAM besteht überwiegend aus Frauen und Männern, die gerade ihr Studium abgeschlossen haben. Altersdurchschnitt: 25 Jahre. Der Altersdurchschnitt der CDU-Mitglieder: mehr als doppelt so hoch.

Auf einer Tafel, die von spontanen Gedanken der jungen Leute zeugt, steht "Million-Peer" oder "Peer links". Ideen für eine Negativ-Kampagne gegen den SPD-Herausforderer Peer Steinbrück. Aber teAM-Leiter Thorsten Rietbrock, 33 Jahre alt und voller Energie, sagt: "Der SPD passieren so viele Pleiten und Pannen. Da muss man sich schon zurücknehmen, um nicht zu überziehen."

Orange, die Farbe des Wahlkampfs

Chef des CDU-Wahlkampfs ist Generalsekretär Hermann Gröhe. Er meint: "Steinbrück ist für ein linkes Programm und für einen auf Sozialneid ausgerichteten Wahlkampf von unten ein völlig unglaubwürdiger Kandidat. Doch das ist nicht unser Problem." Ihre Strategien entwickeln Merkel, Gröhe und ihre Experten im sogenannten Deutschlandzimmer der Parteizentrale. Die Mieter der Wohnungen gegenüber können in den Besprechungsraum schauen, in den die Christdemokraten etwas Wohnzimmeratmosphäre gebracht haben. Die Lampen in Orange vermitteln 70er-Jahre-Stil, aber die Farbe soll frisch, aktiv und warm wirken. Orange ist seit einigen Jahren die Farbe des CDU-Wahlkampfes. Selbst der Spendomat trägt Orange.

Aus jedem Bundesland hängt ein kleines Landschaftsfoto an der Wand, und um den großen ovalen Tisch stehen 16 verschiedene Stühle. Jeder CDU-Landesverband hat einen gespendet, von der bayerischen Schwesterpartei CSU stammt ein zünftiger Holzstuhl aus dem Wirtshaus. So richtig weich sitzt man auf keinem Stuhl in dieser Denkfabrik.

"Wir konzentrieren uns auf unser Ziel. (...) 90 Prozent unserer Bundestagsabgeordneten sind direkt gewählt - diese Wahlkreise wollen wir halten und noch neue hinzugewinnen", sagt Gröhe. Sein Urlaub fällt in diesem Jahr aus. Bereits seit Wochen ist er in der ganzen Republik unterwegs und will nicht nur CDU-Politik verkünden, sondern auch zuhören. "Ich lerne viel auf solchen Touren", sagt er. Ab dem 14. August ist er fast täglich unterwegs, damit die Wähler das Kreuz an der richtigen Stelle machen. 60 Kundgebungen macht die CDU dann in den 39 Tagen der heißen Wahlkampfphase. Davon fast alle mit Merkel. Sie nimmt den Namen Steinbrück übrigens nie in den Mund. In keiner Rede, keinem Gespräch und keinem Interview.

Nach der Wahl ist vor der Wahl

Den Kontakt zu Wahlhelfern im ganzen Land halten die teAM- Mitglieder. Sie kommunizieren über das Internet oder mit all jenen telefonisch, die das Netz nicht nutzen. Viele CDU-Anhänger seien nicht "internetaffin", sagt Rietbrock. Insofern stimmt für diesen Teil der CDU, wofür Merkel von Nutzern des Online-Netzwerkes Twitter so gescholten wurde - für ihre etwas unbedachte Bemerkung zum US-Spähprogramm "Prism": "Das Internet ist für uns alle Neuland."

"Wir versuchen, für jeden Wahlkämpfer das richtige Programm auf die Beine zu stellen", erklärt Rietbrock. Das geht bis hin zum Kuchenbacken. Die genaue Zahl der Wahlkampfhelfer kann er nicht sagen. Es sind wohl deutlich über 20.000. Das Wahlkampfbudget kann hingegen ziemlich genau beziffert werden: 20 Millionen Euro (ohne Spendomat). Das ist etwas weniger als die SPD hat und mehr als FDP, Linke und Grüne zusammen haben.

Wann beginnt eigentlich so ein Bundestagswahlkampf? Die Antwort des Wahlkampfmanagers und CDU-Bundesgeschäftsführers Klaus Schüler ist verblüffend offen: "Für mich beginnt die Vorbereitung auf eine Bundestagswahl am Tag nach der letzten Wahl." Der 56-Jährige ist auch Vorsitzender des Campaign Managers Committee - einer Vereinigung von weltweit rund 60 christdemokratischen und konservativen Parteien. Die Mitglieder beraten über moderne Wahlkampfführung und Parteienwerbung.

Ständiger Modernisierungszwang

Der Anteil der CDU-Stammwähler ist im Laufe der Jahre geringer und die Zahl der Wechselwähler größer geworden. Merkel hat die Partei mit der Abschaffung der Wehrpflicht, Atomausstieg und nun der Öffnung für Mindestlöhne stark in die politische Mitte gerückt. Den Konservativen in der Partei gefällt das nicht, und die SPD wirft Merkel vor, Themen von anderen Parteien zu klauen.

Für Schüler ist die Rechnung so dramatisch wie einfach: "Wer Volkspartei bleiben will, muss sich immer in der Mitte und Breite der Gesellschaft bewegen." Frage sich die Volkspartei nicht immer wieder, ob sie auf der Höhe der Zeit sei, erwarte sie dieses Schicksal: "Dann ist sie in 20 Jahren Splitterpartei und in 50 Jahren Geschichte."

Eine Volkspartei müsse sich ständig erneuern und sich im modernen Umfeld des 21. Jahrhunderts bewähren. Das Problem: Die Arbeitsweisen, die Strukturen und Regularien stammen sozusagen noch aus dem vorigen Jahrhundert. "Das Durchschnittsalter unserer Mitgliedschaft ist 57 Jahre. Viele sind schon lange dabei. Das ist ein großer Schatz und Grundlage unserer Existenz. Aber um zukunftsfähig zu bleiben, müssen wir eben auch neue, jüngere Mitglieder gewinnen", mahnt Schüler.

Das geht kaum mit Althergebrachtem - und Neues will gelernt sein. Da kommt wieder das Internet ins Spiel. "Die Geschwindigkeit von Information und Kommunikation hat sich gegenüber früher dramatisch erhöht. Das hat positive, aber auch problematische Aspekte", sagt Schüler. Es gebe mehr Chancen und Beteiligungsmöglichkeiten. Aber die Schnelligkeit gehe auf Kosten der Tiefe. "Politiker wie Journalisten sind gezwungen, komplexe Zusammenhänge stark zu komprimieren. Das sind nicht immer angemessene Antworten auf schwierige Sachverhalte. 140 Zeichen auf Twitter reichen eben nicht immer aus."

Systemrelevante Bienen

Eine Mischung aus Politik und Journalismus macht Markus Brauckmann für die CDU. Er ist freier Journalist und Leiter von CDU.TV im Wahlkampf 2013. Brauckmann macht seit 20 Jahren Fernsehen, darunter für RTL und Pro Sieben. Der 44-Jährige sagt: "Wenig schweißt so zusammen wie ein Wahlkampf." Sein Credo für CDU.TV: Pressekonferenzen und Reden nicht einfach abbilden, sondern redaktionell gestalten. Sein Anspruch: "Man hat eine Idee davon wie es war, obwohl man nicht dabei war." Sein Vorteil: Er darf hinter die Kulissen schauen. Dieser Blick ist den Medien in der Regel verwehrt. Web-TV im Jahr 2013 vergleicht er aber mit dem Radioprogramm vor knapp 100 Jahren: als echte Pionierarbeit. Die Klickzahlen im Internet für CDU.TV-Beiträge sprechen eine deutliche Sprache. Manchmal sind es nur dreistellige Zahlen.

Auch Wahlprogramme werden wenig gelesen - vielleicht erst recht nicht, wenn sie 130 Seiten lang sind wie das von CDU und CSU. Darin taucht auf Seite 95 dieser Satz auf: "Der wichtigen Arbeit der Imker gilt unsere Wertschätzung. Zum Schutz der Bienen werden wir Forschungsprojekte ausbauen." Bundesgeschäftsführer Schüler sagt, eine Volkspartei müsse die Menschen auf breiter Basis ernst nehmen. Es gebe eben Mitglieder, die sagen: Bienen sind "systemrelevant".

Jede Stimme zählt

Die CDU liegt in Umfragen derzeit bei mehr als 40 Prozent, die FDP wird mal über und mal unter der Fünf-Prozent-Hürde gesehen. Kommt sie wieder in den Bundestag, gilt die Fortsetzung der schwarz-gelben Koalition als wahrscheinlich. Wenn nicht, könnte es ein anderes Bündnis unter Merkel geben. Aber für Schüler bedeutet das nichts anderes als: "Die Wahl ist offen. Es kommt auf jede Stimme an."

Und was passiert, wenn es nicht für Schwarz-Gelb reicht und die Union mit der SPD oder gar den Grünen reden muss? Merkel würde auf eine solche Frage antworten, dass sie jetzt erst einmal für Schwarz-Gelb kämpfe. Schüler ist da ganz pragmatisch, die Entscheidung träfen nun mal die Wähler: "Wir sind Demokraten. Wir können doch nicht ernsthaft hingehen und sagen: Egal, was dirigiert wird, wir spielen Beethovens Neunte."

Kristina Dunz, DPA DPA

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