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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Der schleichende Tod der großen Parteien

Den Parteien sterben die Mitglieder weg. Die Mitgliederzahlen von SPD und CDU haben sich in den vergangenen Jahrzehnten halbiert. Für die Parteien ist das ein Problem. Für die Demokratie nicht.

Von Laura Himmelreich

Das Klientel wird älter: Im Durchschnitt sind CDU- oder SPD-Mitglieder fast 60 Jahre alt.

Das Klientel wird älter: Im Durchschnitt sind CDU- oder SPD-Mitglieder fast 60 Jahre alt.

20.000 Mitglieder haben SPD und CDU im Laufe dieses Jahres verloren. Das sind immerhin so viele Menschen wie in Kleinstädten leben, wie Oelde, Nürtingen oder Fürstenfeldbruck. Doch es ist keine Massenflucht von Frustrierten, die der Großen Koalition den Rücken kehren, wegen der Russland-, der Flüchtlings- oder der Arbeitsmarktpolitik. Die Wahrheit ist simpler. Die Parteimitglieder sterben einfach weg.

Im Durchschnitt sind CDU- oder SPD-Mitglieder fast 60 Jahre alt. Auf Parteitagen oder bei Kreisverbandstreffen dominiert die Haarfarbe Grau. Daran ändern auch keine Online-Dialoge, Mitgliederentscheide oder Verzweiflungsaktionen etwas, wie jene von CDU-Generalsekretär Peter Tauber, der Anfang des Jahres 100 Neumitgliedern eine Sammeltasse mit Angela Merkels eingravierten Unterschrift versprach.

Zwei neue Parteien in den Parlamenten

Immer weniger Menschen sind bereit, monatlich für eine Parteimitgliedschaft 20 oder 50 Euro Beitrag zu zahlen. Immer weniger können sich mit einer einzelnen Partei identifizieren. Die Bindung an Parteien mag abnehmen. Doch gerade die vergangenen Jahre habe gezeigt, dass es keine Mitgliederanstürme braucht, um zu beweisen, dass unsere Parteiendemokratie lebendig ist. Zwei neue Parteien sind in die deutschen Parlamente eingezogen, die Piraten und die AfD. Sie setzten Themen und brachten die etablierten Parteien unter Zugzwang. Zeitgleich verschwand die FDP.

Und auch die Piraten haben sich längst wieder marginalisiert. Man mag von den neuen Parteien halten was man will. Aber es ist ein gutes Zeichen für eine Demokratie, wenn Minderheiten die Möglichkeit haben, sich ein Forum zu verschaffen, wenn sie glauben, dass die etablierten Parteien sie nicht hören.

Attraktivität hängt nicht an Mitgliederzahlen

Drei Folgen des Mitgliederverlusts treffen CDU und SPD hart: Sie haben weniger Geld. Immer weniger Menschen sind bereit, in Wahlkämpfen für lau Flyer zu verteilen. Und vor allem verlieren sie den Nimbus der Massenorganisation, die einen nennenswerten Teil der Bevölkerung vertritt. Doch das sind Probleme der Parteien, nicht der Demokratie.

Die Parteien sollten ihre Attraktivität nicht mehr nur an ihren Mitgliederzahlen messen. Viel wichtiger ist die Reichweite ihrer Botschaften. Es muss Möglichkeiten geben, zum Beispiel bei einer Aktion der Grünen oder der SPD gegen Pegida mitzumachen, ohne gleich ein Parteibuch zu besitzen. Es sollte Foren für Bürger geben, die ihre Expertise bei der Familien- oder Umweltpolitik einbringen wollen, ohne dass sie sich alle zwei Wochen in einem Wirtshaus treffen müssen, in dem der Ortsverband über die neue Umgehungsstraße diskutiert.

Experimente mit der Basisdemokratie

In den vergangenen Jahren haben Union und SPD so viel mit Basisdemokratie experimentiert wie nie zuvor. Die Mitglieder durften über Koalitionsverträge abstimmen, über Spitzenkandidaten in den Ländern und in Berlin sogar über den nächsten regierenden Bürgermeister. Es ist richtig, die einfachen Mitglieder stärker einzubeziehen. Doch es reicht nicht, sie nur dann zu fragen, wenn die Parteiführung selbst unfähig ist, eine unangenehme Entscheidung zu fällen.

Selbst die innovativste Bürgerbeteiligung wird den Mitgliederschwund nicht stoppen können. Doch die Menschen sind nicht unpolitischer geworden. CDU und SPD geben sich selbst auf, so lange sie nicht ernsthaft versuchen, die Bürger für einzelne Themen zu mobilisieren.

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